exemplum von Eugenijus Alisanka, 2011, Suhrkamp1.) - 2.)

exemplum.
Gedichte von Eugenijus Alisanka (2011, Suhrkamp - Übertragung Claudia Sinnig).
Besprechung von Cornelius Hell aus Der Standard, Wien vom 23.7.2011:

Am Beispiel des Lebens
In "exemplum", dem Gedichtband des litauischen Lyrikers Eugenijus Alisanka, gehen Denken und Schauen eine produktive Verbindung ein

Litauen ist ein Land der Lyrik. Das liegt zuerst einmal daran, dass die archaischste heute noch gesprochene indoeuropäische Sprache über einen Formen- und Klangreichtum verfügt, der seinesgleichen sucht. Zum anderen hat die sowjetische Zensur bis zur Wiederherstellung des unabhängigen Staates vor zwei Jahrzehnten dafür gesorgt, dass Gedichte interessanter waren als Romane und natürlich aufregender als die gleichgeschaltete Presse, weil man in eine Verszeile Andeutungen einschmuggeln konnte, die im Klartext nie durchgegangen wären.

In der Demokratie hat die Prosa die Lyrik überflügelt - an Auflagenzahlen wie an erreichter Aufmerksamkeit. Doch Poesiefestivals sind noch immer ein fester Bestandteil des Kulturlebens, und Gedichtbände haben (bei 3,5 Millionen Einwohnern!) dieselben Auflagen wie im deutschen Sprachraum. In Litauen gibt es sie noch, die "reinen" Lyrikerinnen und Lyriker - und nicht als Auslaufmodelle.

So wie Volksmusik und ambitionierte zeitgenössische Kompositionen in Litauen ein größeres Nahverhältnis haben als das im deutschen Sprachraum vorstellbar ist, war auch die Lyrik länger der liedhaften Tradition verpflichtet. Daneben gab und gibt es einen formstrengen Klassizismus, der sich etwa bei Tomas Venclova, dem international bekanntesten litauischen Lyriker, aus der Tradition der russischen Altmeister wie Anna Achmatowa und Ossip Mandelstam speist. Auch der noch wenig übersetzte Aidas Marcenas, der im Oktober dank eines Stipendiums des Bank Austria Literaris seine Poesie in Wien vorstellen wird, liebt die alten strengen Formen, allen voran das Sonett.

Eugenijus Alisanka, der einzige litauische Lyriker, der neben Tomas Venclova mit Gedichtbänden in deutscher Übersetzung vertreten ist, hat mit beiden genannten Traditionen nichts gemein. In seinen bisher sechs Lyrikbänden finden sich von Anfang an freirhythmische und reimlose Gedichte ohne feste Strophenformen. Und wichtiger als die litauische Poesie war für ihn wohl die internationale, die er gut kennt, denn er hat aus dem Polnischen und Englischen übersetzt und viele Jahre das litauische Festival "Frühling der Poesie" organisiert, zu dem er Poeten aus zahlreichen Ländern eingeladen hat. Mittlerweile ist er selbst auf den internationalen Poesiefestivals zu Hause.

Alisanka ist 1960 im sibirischen Bernaul geboren, wohin seine Großeltern während der sowjetischen Okkupation deportiert worden waren, und im Vilnius der 1960er-Jahre aufgewachsen, wo er Mathematik studierte. Biografische Fakten haben lange keinen Eingang in seine Poesie gefunden - ihm schwebte das Gedicht als Kristall vor, gereinigt von konkreten Orten, Ereignissen oder Namen.

Mittlerweile hat er eine Kehrtwende vollzogen, die schon am Band aus ungeschriebenen geschichten abzulesen war, der 2005 in deutscher Übersetzung erschienen ist. In dem 2010 in der Edition Thanhäuser publizierten Essayband Baltische Adria, verfasst von Alisanka und dem slowenischen Autor Ales Debeljak, wird die Biografie selbst zum Thema. Das Konkrete wird für Alisanka immer wichtiger, was wiederum nicht heißt, dass seine Gedichte nun um Orte und Namen kreisen, aber "sie geben dem ganzen einen Geschmack, eine Färbung und eine Verbindung mit der Realität - und diese Realität ist interessant", wie der Autor selbst kommentiert.

In dem mit einem Abstand von fünf Jahren nun endlich auf Deutsch erschienenen Band exemplum stecken sehr viele Realitätspartikel, und schon ein Blick auf die Gedichttitel zeigt Berlin, Wiepersdorf oder Venedig. Alisanka wurde als "poet on the road" bezeichnet, er ist ein intensiv Reisender, der Europas Hauptstädte ebenso kennt wie entlegene Gegenden. Aber dem Kasimir-Markt von Vilnius widmet er ebenso selbstverständlich ein Gedicht. Seine kulturellen Reminiszenzen von der Antike bis zu Nietzsche oder Roland Barthes sind nie aufdringlich, sondern eingeschmolzen in Bildern und sinnlichen Wahrnehmungen, und sie blitzen in den oft interpunktionslosen Satzgefügen mit ihren syntaktischen Mehrfachbezügen nur kurz zwischen anderen Wortgruppen auf.

exemplum heißt der Band - ein Titel, den man nicht übersetzen muss. Der Autor wollte damit natürlich kein Beispiel im moralischen Sinn geben, sondern nach eigener Aussage "ein Beispiel des Lebens, Denkens und Fühlens". Viele verschiedene Töne und Sprechhaltungen sind diesen Gedichten eigen, Denken und Schauen gehen eine produktive Verbindung ein, und Ironie ist ihnen nicht fremd. Das Nachwort der Übersetzerin Claudia Sinnig ist eine wunderbare Einführung in Alisankas poetischen Kosmos - auch wenn die litauische EU-Skepsis übertrieben dargestellt wird und ein sinnstörender Satzfehler zum Innehalten zwingt.

In der Übersetzung finden sich auch einige weniger glückliche Formulierungen, doch im Grunde gelingt es ihr, Texte zu kreieren, denen der Drive, die vorwärtsdrängende Dynamik des Originals eigen ist und die bei all den komplexen syntaktischen Bezügen eine musikalische Leichtigkeit haben, der man sich lesend gern überlässt.

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exemplum von Eugenijus Alisanka, 2011, Suhrkamp2.)

exemplum.
Gedichte von Eugenijus Alisanka (2011, Suhrkamp - Übertragung Claudia Sinnig).
Besprechung von Ilma Rakusa in Neue Zürcher Zeitung vom 10.08.2011:

Ein ruheloser Welt-Erkunder
Übungen in Zweifel und Polemik – Gedichte und ein Essay des Litauers Eugenijus Ališanka

Es mag kein Zufall sein, dass Eugenijus Ališanka (Jahrgang 1960) in Vilnius Mathematik studierte, bevor er sich ganz dem Geschäft des Dichtens verschrieb. Die Klarheit, ja Nüchternheit mathematischer Ratio zieht den Litauer ebenso an wie das Regelwerk der Rhetorik, das komplizierten Denkfiguren elegant zur Sprache verhilft. Ein Stimmungslyriker ist Ališanka nicht, vielmehr ein präziser Vermesser eigener Widersprüche und der Paradoxien der Welt, der – nicht ohne Witz, Ironie und Melancholie – an allen Gewissheiten rüttelt. «Exemplum» heisst sein – von Claudia Sinnig souverän übersetzter – zweiter Gedichtband auf Deutsch, dessen reimlose Verse Titel tragen wie: «fast ein weltuntergang», «geschichte der gotteslästerungen», «billigtarif», «am anfang war kein wort», «C3», «lego», «via negationis» oder «never never». Nietzsche-, Kleist- und Roland-Barthes-Zitate werden hier zu Reibungsflächen, der Exemplum-Begriff zu einem Raster, der Nachahmung und Abweichung gleichermassen vereint. Keine Frage, Ališanka spielt raffiniert mit Traditionen und Quellen, um die hehren «Vorbilder» durch sein knappes, kritisch distanziertes Parlando zu unterlaufen.

Instrument des Zweifels

Nicht Respekt, sondern Zweifel ist das Instrumentarium dessen, der sich seiner Identität immer neu vergewissern muss. Ein beständiges Ich gibt es bei Ališanka nicht, nur eines, das Rollen erprobt, um sie wieder zu verwerfen. Weder Theoreme noch Definitionen kommen ihm bei. Symptomatisch heisst es in «curriculum vitae»: «hungrig geboren / absolvent des klassenspiels / diplomierter melancholiker / das ganze leben tagelöhner / am längsten ausgeübte tätigkeit – taschendieb / kurzzeitig messdiener für den einen / und sargmacher für den anderen gott / zur zeit saisonschriftsteller / lebe allein mit frau und sohn / habe mehr bücher publiziert als geschrieben / zehn erklärungen verfasst / appelle und bewerbungen / ein paar stellungnahmen / für die verkehrspolizei dieses jahr ausgezeichnet / mit einem preis des kultusministeriums / laureat im schienen-marathon / ich bitte um arbeit entsprechend meiner qualifikation / irgendwo am boden / selbst für den lohn / eines hirten mit flöte». Kühle Übertreibung macht den Reiz dieser Selbstdarstellung aus, die im «selbstporträt nach empedokles» eine noch kühnere Variante findet. Hier ist das Ich ein Zusammensetzspiel aus Torsi, Accessoires und Schaufenstergegenständen, eine gleichsam zufällige Assemblage.

Mit zersetzender Ironie begegnet Ališanka indes nicht nur dem Ich, sondern auch Lebensentwürfen, dem Hamsterrad des Alltags, literarischen Moden und Genres, dem «nichtraucher-europa», dem Pathos der Liebe und dem lieben Gott. Seine Übungen in Zweifel und Polemik liessen sich (zumindest teilweise) unter das Motto stellen: «Ich experimentiere, ergo sum.» In der Tat ist es Ališanka um existenzielle Beweglichkeit zu tun, während ihn Sprachexperimente wenig interessieren. Nirgends der Ehrgeiz, zur ästhetischen Avantgarde zu zählen, keine verkrampfte Wortakrobatik, dafür ein schonungsloser Blick, der die Wirklichkeit demontiert, um sie eigenwillig wieder zusammenzusetzen. Diesen Blick praktiziert Ališanka nicht zuletzt auf seinen ausgedehnten, weltweiten Reisen.

Mehrere Gedichte des Bandes zeigen den Reisenden in Greenwich, Venedig oder Berlin. Zeigen ihn am Wannsee in Zwiesprache mit Kleist und den Dämonen der Nazi-Zeit («senkrechter rauch aus dem schornstein / senkrechte steine / hölzerne charly-kreuze und wannsee-kalmus / der see zählt die fische / vor der schliessung im winter / . . . / auch ich mache knocheninventur?») oder in Wiepersdorf vor «leeren wachtürmen» und «stacheldrahtzäunen zum schutz von seltenen arischen gewächsen». Mit wenigen Strichen wie Spatenstichen reisst Ališanka die Kruste der Historie auf, um düstere Schichten freizulegen. Der oft als «intellektueller Dichter» apostrophierte Litauer scheut den Blick in Abgründe nicht, hat er die Geschichte doch am eigenen Leib erfahren. Geboren im sibirischen Barnaul, als Kind zwangsdeportierter Eltern, erlebte er in Vilnius die Agonie und den Zusammenbruch des Sowjetimperiums. Seine Wissbegierde stillt er seither, «schon ganz europäer», als ein Odysseus der Strassen und Worte.

Immer weiter reisen

Wer Ališanka als Reiseessayisten kennenlernen will, greife zum Band «Baltische Adria», den er gemeinsam mit seinem slowenischen Schriftstellerkollegen Aleš Debeljak herausgegeben hat. Darin heisst es unumwunden: «Das Leben bekommt einen Wert, wenn es vom Archetyp der Reise durchdrungen wird. Ich reise, also bin ich.» Die Formel bezieht sich auf das physische, aber auch auf das imaginäre Reisen, denn «der Schriftsteller ist der Reisende par excellence, er kann nicht innehalten. (. . .) Deswegen lebt die Literatur im ständigen Zustand des Paradoxons: Sie sucht das, wonach man nicht suchen kann.» In schönen Mäandern berichtet der Essay von Reiseerfahrungen und poetologischen Überlegungen – ist die Literatur verortet oder «made in emptiness»? –, von regionaler und europäischer Identität, von slowenischer und litauischer Lyrik, von Herkunft und Zukunft. Auch expliziert Ališanka, was seine Poesie (nur) andeutet: dass das Erzählen von Gegenwart nicht ohne eine historische Perspektive auskommt. Der Schluss des Essays gleicht einem lakonischen Bekenntnis zur Conditio des Unterwegsseins: «Der einzige Ausweg aus diesem Zustand: weiterreisen. Mein genius loci reist mit mir.»

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