Ewig Dein von Daniel Glattauer, 2012, Hanser1.) - 2.)

Ewig Dein.
Roman von Daniel Glattauer (2012, Deuticke).
Besprechung von Britta Heidemann in der WAZ vom 25.1.2012:

Kleine Geschichten, große Liebe
Eine Begegnung mit dem Bestseller-Autor Daniel Glattauer, der mit seinem E-Mail-Roman „Gut gegen Nordwind“ ins Herz traf, im Wiener Stadtviertel Ottakring. Am 6. Februar erscheint Glattauers neuer Roman „Ewig Dein“ – eine haarsträubende Geschichte zwischen Liebe und Stalking.

Abends um sechs endet der Markttag im Wiener Szeneviertel Ottakring. Türkische Trockenobst-Händler plaudern mit den Frauen vom Fisch, dazwischen kaufen dezent trendige junge Männer Sesambrezeln. Um die Ecke wohnt Daniel Glattauer, der mit seinem E-Mail-Roman „Gut gegen Nordwind“ eine nach Hunderttausenden zählende Auflage erreichte. Nun führt er eine kleine Gruppe von Journalisten durch Ottakring, sein Verlag hat eingeladen. Drei Stationen einer Begegnung, die mit dem Satz beginnt: „Ich bin der Daniel.“

Wie stellt man sich einen Bestseller-Autor vor? Ein wenig unnahbar, von sich überzeugt, seine Allüren pflegend. So gesehen wäre Daniel Glattauer kein Bestseller-Autor. Er hat nur ein Buch geschrieben, das ins Herz traf. Weil er versteht, was darin zuweilen so los sein kann. „Es geht mir gar nicht so sehr um die großen Missionen und nicht darum, mit dem Schreiben die Welt zu verbessern“, sagt er, „sondern um die kleinen Geschichten.“

Aber entstehen aus den kleinen Geschichten nicht auch die großen? Vielleicht. Glattauer war lange Jahre Gerichtsreporter für die Zeitung „Der Standard“. Vergewaltigungs- und Mordprozesse hat er dort gesehen und weiß: „Die irrsten Sachen können sein“. Vielleicht hat er hier eine tiefe Menschenkenntnis geschult, die den Dingen auf den Grund geht und die letztlich auch seine Bücher erfolgreich macht. Im Gespräch führt er schnell weg von sich, hin zu anderen – kein Ausweichen, ein Hinwenden. Ende des Jahres wird er seine Ausbildung zum Psychosozialberater beenden. Mit dem Diplom wird er Menschen mit „Beziehungs- oder Alltagsproblemen“ beraten können. Glattauer schaut in die Runde, zufrieden: „Es fühlen sich alle wohl hier, oder, was meinst du?“

Er hat die Raucherecke gewählt; er raucht, seit er sich mit seinem Bruder vertragen hat. Ein sehr emotionaler Moment sei das gewesen. Worum der Streit ging? Kompliziert. Die Geschichte hat mit kleinen (er) und großen Brüdern zu tun, mit Erfolg auch und mit der Scheidung der Eltern, als die beiden Jungen noch klein waren. Etwas Dunkles wird da plötzlich sichtbar.

Auch Glattauers neuer Roman „Ewig Dein“ hat etwas Düsteres. Ein Buch, mit dem er sich „vom Schöne-Geschichten-Schreiben“ befreit habe, sagt er. Der Plot: Judith lernt Hannes im Supermarkt kennen, er schmeichelt sich in ihr Leben, trägt sie auf Händen. Ihre Familie, ihre Freunde sind begeistert – und? Man ahnt es. Die Romanze kippt ins Radikale, Judith fühlt sich verfolgt. Ein realer Stalking-Fall liegt dem abgründig spannenden Roman zugrunde, den Glattauer einst als Reporter verfolgte. Mehr noch als die früheren Werke sei dies wohl „ein Buch für Frauen“, sagt Glattauer, „ein Mann fühlt sich in dem Buch wahrscheinlich nicht sehr wohl.“

Aber ist dieser Roman nicht auch eine Kritik am allzu menschlichen (weiblichen) Wunsch, bedingungslos geliebt zu werden? Tappt Judith nicht aus eigener Schuld in die Falle? „Ich glaube tatsächlich, die wirkliche Liebe ist immer die, die man selbst zum anderen hat. Und nicht die, die man vom anderen spürt.“ Der „perfekt“ Liebende, „der liebt einfach, ohne dass er dafür etwas zurückhaben will“. Eine Erkenntnis, die sich seinem Alter verdankt: „Ich war früher schon viel egoistischer in meinem Lieben.“

Heirat aus Feierlaune

Daniel Glattauer wurde 1960 in Wien geboren. Er lebt seit 26 Jahren mit seiner Frau zusammen, deren Sohn er mit großgezogen hat. Erst vor wenigen Jahren haben die beiden geheiratet. Sie hätten „einfach Lust auf ein Fest“ gehabt, sagt Glattauer zur Begründung.

Smalltalk, der Terror der Prominenz. Dabei hat Daniel Glattauer solche Anlässe wie diesen – Empfänge, Feste – früher genossen: „Da musste ich nicht über mich sprechen oder meine Bücher, sondern konnte erzählen, was ich bei Gericht so erlebt habe.“ Heute wollen alle wissen, was als nächstes kommt im Leben des Bestseller-Stars. „Ich bin selbst gespannt“, gibt Daniel Glattauer zu. „Ich muss erst mal abwarten, wie das wird mit dem neuen Buch. Und ob ich mich nicht geborgener fühle, wenn ich schöne Geschichten erzähle.“

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Ewig Dein von Daniel Glattauer, 2012, Hanser2.)

Ewig Dein.
Roman von Daniel Glattauer (2012, Deuticke).
Besprechung von Carsten Hueck im Deutschlandradio vom 18.04.2007:

Das unendliche Ende einer Liebe
Z
unächst sieht alles nach einer klassischen Liebesgeschichte aus: In "Ewig Dein" von Österreichs derzeit erfolgreichstem Autor Daniel Glattauer verlieben sich zwei Menschen. Doch als sie irgendwann den Schlussstrich zieht, geht die Geschichte erst richtig los.

"Die Gefahr ist die poetische Ballfrisur der Liebe", lautet ein Bonmot des Wiener Dramatikers und Satirikers Johann Nepomuk Nestroy. Schlichter Befund eines Liebeskundigen im Zeitalter des Biedermeier, lesbar als Warnung oder Verlockung. Im neuen Roman des derzeit erfolgreichsten österreichischen Autors Daniel Glattauer, (Startauflage 200.000 Exemplare), beweist dieser Satz erneut seine Gültigkeit.

Es fängt alles ganz harmlos an. Kurz vor Ostern, in der Warteschlange im Supermarkt, tritt ein Mann einer Frau in die Ferse. Sie heißt Judith, sieht gut aus, ist Mitte 30 und Single, Besitzerin eines exklusiven Lampengeschäfts in Wien. Er, Hannes, ein paar Jahre älter, Architekt, ledig. Spezialisiert auf den Umbau von Apotheken und mit einem "derart durchdringenden Blick, dass sich sogar Judiths Nieren davon berührt fühlten." Hannes entschuldigt sich besorgt, trifft bald darauf Judith wieder - sein Büro liegt unweit ihres Ladens - und macht ihr nach allen Regeln der Kunst den Hof. Anfangs zögert sie, auf seine charmanten Avancen einzugehen, lässt sich aber bald gefangen nehmen von Hannes' direkter Art, mit der er schnell auch ihre Freunde und sogar ihre Mutter begeistert.

Daniel Glattauer, der in seinen E-Mail-Romanen "Gut gegen Nordwind" und "Alle sieben Wellen" erfolgreich ( Auflage zwischen zwei und drei Millionen verkaufter Exemplare ) bewiesen hat, dass er Liebesgeschichten unverkitscht gestalten kann, erzählt diese Geschichte aus Sicht seiner Protagonistin in "15 Phasen". Immer deutlicher wird der Hintergrund: Glattauers jahrelange Erfahrung als Gerichtsreporter, die ihn häufig mit dem Thema Stalking konfrontierten.

Judith, obwohl selbstironisch, selbstständig, genussfähig und unverklemmt, übersieht in ihrer ersten Verliebtheit Warnzeichen: Hannes' überschwängliche Liebesbeweise, seine unbelebte Wohnung, die Vehemenz, mit der er sich in ihr Leben drängt. Sie will sich verlieben und er will ihr alles recht machen, ihr jeden Wunsch von den Lippen ablesen und fortan jede Minute seines Lebens mit ihr verbringen. Nach wenigen Monaten und einer Venedig-Reise jedoch ahnt sie, dass Hannes nicht der Mann ihres Lebens werden wird.

Mit ihrer Trennung von ihm initiiert sie eine Entwicklung, die Glattauers Liebesgeschichte - bis dahin humorvoll mit herrlicher Situationskomik erzählt - , zu einem Psychothriller werden lässt.

Was immer Judith unternimmt, um sich von Hannes zu befreien, treibt sie tiefer in eine Krise. Der Autor schafft es, ihren Alltag als Albtraum erscheinen und lange Zeit den Leser im Unklaren zu lassen, welche der beiden Figuren "krank" ist. Hannes wirkt plötzlich überraschend souverän, Judith paranoid. Glaubt man zu wissen, welchen Verlauf diese wahnwitzige Liebesgeschichte nimmt, so wird man nach allen Regeln der Kunst überrascht. Der Autor behält seinen distanziert komischen Ton bei, so dass man permanent zweifelt, ob er eine poetische Ballfrisur oder bereits den kahlen Schädel eines Totentänzers beschreibt. Eines aber ist sicher: Das Wort "Liebling" verursacht nach Lektüre dieses Romans einen anhaltenden Schauer.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.deutschlandradio.de]

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