Etwas muss bleiben.
Gedichte von Ted Hughes (2002, Suhrkamp - Übertragung Jutta und Wolfgang Kaußen, Gedenkrede von Seamus Heaney).
Besprechung von Cornelia Jentzsch in der Frankfurter Rundschau, 29.1.2003:

Die Uhr tickt, die Seite ist gespurt
Ted Hughes' Dichtung rankt sich um Mythen und Legenden und horcht dem Leben allerlei Kraft im Stillstand ab

In den traditionellen Mythen und Geschichten liegt nach Platon die angemessene Erziehung für einen zukünftigen, idealen Bürger. Der englische Dichter Ted Hughes greift diesen Gedanken in seinem im vorigen Jahr auf Deutsch veröffentlichten Essayband Wie Dichtung entsteht auf: "Von einem Menschen, der sich einfach nicht denken kann, was passieren wird, wenn er dieses oder jenes tut, sagen wir, dass er keine Phantasie hat. Er muss Prinzipien folgen oder Befehlen oder Präzedenzfällen, und er wird sich immer durch extreme Strenge auszeichnen, da er ja letztendlich im dunkeln tappt. Wir alle kennen solche Menschen... Das Schreckliche ist, dass sie die Planer sind und sich sklavisch und rücksichtslos an ihren Plan halten, denn der muss als Ersatz für eine Fähigkeit herhalten, die sie nicht besitzen. Und sie besitzen den Willen der Verzweiflung: wo andere alternative Wege sehen, sehen sie nur einen Abgrund."
Der Mythos arbeitet im Werk von Ted Hughes wie eine Zentrifugalkraft, die die sprachlichen Energien immer wieder in der Mitte bündelt, wo sie sich von neuem aufladen. Er verliert im poetischen System des Dichters die dem Wort heutzutage oft anhaftende unmoderne und realitätsferne Färbung. Neben der klaren wie auch praktischen Verwendung in der Hughes'schen Poetologie hat dies vor allem einen biografischen Hintergrund. Hughes wuchs im englischen Caldertal auf, das mit seinen Gewässern und moorigen Klima der Geburtsort der englischen Kohlegruben und Textilwebereien war. Diese Gegend ist auch als Elmet bekannt, Elmet war der Name des letzten unabhängigen keltischen Königreich England.

Die Bewohner und vor allem Hughes' Mutter erzählten von Begegnungen mit geisterhaften Wesen. Für Hughes war der Glaube an den Fortbestand alter Erfahrungen und Weisheiten, überliefert in der Sprache, eine Normalität des Alltags. Hinzu kommt, dass Hughes von früher Kindheit an Fischen und Jagen ging; Beobachtungen der Natur und ihres zweckmäßigen, geschlossenen Kreislaufes wurden für den Heranwachsenden zu einer prägenden Erfahrung. Sie ermöglichte dem Dichter später nicht nur ein unendliches Vokabular an Metaphern und Gleichnissen, sondern gab ihm auch den unerschrockenen Glauben an das menschliche Leben als sinnvoller Bestandteil eines zwar nicht immer einsehbaren, aber dennoch universalen Zusammenhangs. Die oft zu beobachtende Geste, mit der Menschen heutzutage verzweifelt zwischen Archaik und Moderne pendeln, wenn sie keine naturgegebene Synthese mehr zwischen beidem erspüren können, ist für Hughes zumindest erklärbar: "Die innere Welt, getrennt von der äußeren Welt, ist ein Ort der Dämonen. Die äußere Welt, getrennt von der inneren Welt, ist ein Ort bedeutungsloser Objekte und Maschinen. Die Fähigkeit, die aus beiden Welten ein menschliches Wesen macht, wird göttlich genannt." Die Mythen und Legenden bieten ihm eine Art Gegenentwurf zu dieser Verunsicherung.

Mythen ranken sich auch unmittelbarer als andere Sprachformen um die Mysterien von Geburt und Tod und der Spanne zwischen beidem, die als Lebenszeit jeder einzelnen Kreatur zugemessen und zu füllen, in gewissem Sinne sogar zu erfüllen ist.

Die Sage von Prometheus umfasst eine solche Spanne; Ted Hughes erschafft diese Geschichte in seinem Gedichtzyklus "Prometheus auf seinem Felsen" noch einmal. Prometheus kommt, an den Felsen geschmiedet und von einem Geier täglich der Leber (in der Sage: der Sitz des Lebens) beraubt, langsam zu sich und zu Bewusstsein. Was ihm bleibt, um mit dieser ausweglosen Situation fertig zu werden, ist das Sehen, das Denken und die Sprache, die das Bewusstsein klärt und den Gefesselten mit neuer Kraft ausstattet, ihn praktisch erneut ins Leben trägt. Der Sage nach halb göttlicher, halb menschlicher Abstammung, vereint die Figur des Prometheus verschiedene Identitäten, die in der Summe ein komplettes Programm menschlicher Erfahrungsmöglichkeiten zwischen Inspiration und Realisation bieten. Prometheus ist im Mythos, wie die Übersetzerin Jutta Kaußen in ihrem Nachwort erläutert, nicht nur göttlicher Erschaffer des Menschen, sondern auch Erfinder der schöpferischen Künste, titanischer Rebell (gegen Zeus), Feuerüberbringer mit luziferischen Qualitäten und insofern göttlicher Gegenspieler, Überträger des Funkens von Bewusstsein und Vernunft wie auch am Felsen gekreuzigter Erlöser, grenzenlos leidender Mensch und nicht zuletzt ein Gleichnis für den Poeten selbst.

Der Gedichtzyklus entstand aus einer Theaterarbeit mit Peter Brook, während der Hughes gemeinsam mit den Schauspielern ein Drama auf der Grundlage des Gefesselten Prometheus von Aischylos entwickelte. Die Originale, Gedichte und Texte des erarbeiteten Stückes Orghast gingen, da Teile davon nur in einer vergriffenen Aufführungsdokumentation fixiert wurden, jedoch verloren. An ihrer Stelle stehen jetzt die einundzwanzig darauf fußenden Gedichte des Zyklus.

Seamus Heaney betonte in seinem Nachruf auf Ted Hughes, der 1998 starb, dass das tiefste Mitgefühl mit allem, was leben wollte, für Hughes eine vollkommen natürliche Geste gewesen sei. Er habe ein angeborenes Gefühl für Ganzheit und Harmonie besessen. Wie die DNS den genetischen Code des Lebens enthielte, so bargen nach Hughes' Ansicht die Mythen und Märchen den poetischen Code des Menschen. Nachzulesen ist die in der Westminster Abbey gehaltene Gedenkrede des irischen Nobelpreisträgers in der von Jutta und Wolfgang Kaußen zusammengestellten und übersetzten Gedichtauswahl Etwas muss bleiben, die in der Bibliothek Suhrkamp erschien.

Aus den zwischen 1957 bis 1998 in England veröffentlichten Gedichtbänden von Ted Hughes zogen sie einen repräsentativen Querschnitt und ordneten diesen unter sieben unterschiedlichen Gesichtspunkten, die die Eckpfeiler von Hughes' Dichtung und das darauf ruhende poetische Gesamtwerk gut erkennen lassen.
Das Eröffnungsgedicht, "Der Sinnfuchs", legt eine klare Fährte mitten in das Zentrum von Dichtung, es beschreibt auf einer knappen Seite das, wozu andere vielleicht eine ausgearbeitete Poetologie benötigen, nämlich den mystischen Entstehungsprozess eines einzelnen Gedichts. "Ein bilde ich mir dieses Mitternachtsmomentes Wald: / Etwas andres außer mir lebt / Noch neben der Uhr Einsamkeit / und dieser leeren Seite, auf der meine Finger sich regen... / Kalt, zart wie der dunkle Schnee / Berührt eines Fuchses Nase Zweig, Blatt... / Bis er mit einem jäh scharf beißenden Fuchsgestank / Eintritt in die dunkle Höhle des Kopfs. / Sternlos das Fenster noch; die Uhr tickt, / Die Seite ist gespurt." Dank der geschickten Auswahl scheint sich Gedicht für Gedicht einkurzer Abriss der Geschichte menschlicher Dichtung aufzubauen, wie sie sich Hughes darstellt und die er mit seinem eigenen Werk als Zeugnis belegt.

Aus dem Reich der Natur und seiner miteinander verzahnten Existenzen in den unterschiedlichsten Formen - Falken, Ottern, Hechten, Mücken oder Tiger - wächst der Mensch mit seinen Eigenheiten heraus. Er löst sich aus dem Reich des Kreatürlichen zumindest mit dem Kopf und schafft sich in einem ersten Über- und Rundumblick Schöpfungsmythen der eigenen Gattung, die noch unentschieden zwischen Tier- und Menschenreich pendeln.

Hier, in den frühen und primitiven Literaturen, wurde die Figur des Tricksters geboren, die Hughes in seinem 1970 veröffentlichten Schöpfungszyklus "Crow" (Krähe) wieder aufleben lässt - zwei Gedichte daraus sind in den Auswahlband aufgenommen. Aus diesen Schöpfungsmythen wiederum entsteht allmählich die Dichtung als ein dem Menschen eigener Mythos, als die Geschichte seines Werdens und Vergehens, "Staub, der wir sind". Und schließlich biegt sich der Bogen doch zur Geschichte des Anfangs zurück, entkommt dem Orakel des Beginns nicht. "Auf der Fahrt durch Somerseth", dem abschließenden Gedicht des Bandes, findet Hughes einen überfahrenen Dachs, "ich will, dass er bleibt, wie er ist". Er entsorgt das tote Tier nicht, begräbt es auch nicht, sondern beobachtet fasziniert an seinem Kadaver, wie das Tier die Zeit anhält, blockiert. "Ein Dachs, in diesem Augenblick meines Lebens. / Nicht Jahre zurück wie die anderen: Jetzt. / Da stehe ich, / Beobachte seine beständige Ruhe, wie ein Eisennagel, / Voll durch den Kopf getrieben / Hinein in den Eibenpfosten. / Etwas muss bleiben."
Etwas bleibt: Hughes' Gedichte, die den Mythos des Lebens dauerhaft konservieren.

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