Etwas Kleine gut versiegeln von Svealena Kutschke, 2009, WallsteinEtwas Kleines gut versiegeln.
Roman von Svealena Kutschke (2006, Wallstein-Verlag)
Besprechung von Anja Hirsch in der Frankfurter Rundschau, 28.5.2009:

Svealena Kutschkes Debütroman
Radikal expressionistisch

Ich hatte kalte Füße und nichts zu verlieren." Wohl deshalb schöpft Lisa, die sich in Svealena Kutschkes Debütroman "Etwas Kleines gut versiegeln" für einige Monate in Australien verliert, so hemmungslos aus dem Sprachtopf, um sich selbst, ihren Liebesschmerz und die einschüchternde Fremde in Worte zu fassen. "Zu viel Welt" überfordert die 26-Jährige, die eben wochenlang depressiv im kalten Deutschland im Bett zubrachte. Morgens müde, abends müde, immer müde. Jetzt ist sie etwas wacher und offenbar aufgelegt, die Welt, die sie erschreckt, in gewaltige Bilder zu zerlegen, damit sie handlicher wird. "Die Sonne biss vom Himmel herunter." Wahlweise "stürzt" sie auch "Nick über die Schultern".

Was aber soll man von einer erzählten Welt halten, in der nicht nur die Sonne, sondern auch die Dunkelheit "stürzt wie eine Decke vom Himmel" oder gar niederschlägt? Svealena Kutschkes Verwandlungswut, die allem mit unbändiger Lust Füße, Körper, Absichten unterstellt, ist nicht zu bremsen. Gesichter leuchten weiß "wie gestrandete Bojen", Make-up "bricht" in den Augen "wie trockener Boden", Beine falten sich auf "wie eine Ziehharmonika", in Bars schürzt man weiche Lippen und saugt Luft ein "durch die zart gefletschten Zähne". Wie anstrengend, diese Welt. Aber nun gut. Man ist gespannt, was die 1977 geborene Autorin, die 2008 den zweiten Preis des Berliner Literaturwettbewerbs "Open Mike" gewann, mit dieser prallen Sprache erzählen will. Im Mittelpunkt steht mit Lisa, die ihr Fotografiestudium schmiss, eine schutzbedürftige Figur.

Beißende Gerüche

Meistens fühlt sie sich "mumifiziert", in einem "Kokon" oder sonst irgendwie embryonal verhakt. Deshalb die Reise nach Australien, zu Marc, dem Exfreund ihres Bruders Elias. In Sydney trifft sie auch noch auf Nick, Ben, Jona, Mora und telefoniert viel nach Hause. Insgeheim denkt sie aber nur an B., der gerne Mädchenkleider trug. Außerdem findet sie ein Foto, auf dem sie selbst zu sehen ist in einer ihr fremden Umgebung, weshalb sie allerlei Cafés aufsucht und in einem sogar mehr schlecht als recht jobbt.

Oft aber geht sie in der großen Stadt verloren und muss von Marc gerettet werden, weil Sydney ihr wie eine unüberschaubare Höhle vorkommt, "mit dunklen Winkeln, in denen undefinierbare Knochenhäufchen lagen, beißende Gerüche waberten". Geliebt wird trotz des modrigen Stadtatems, unter Drogen und auf Partys. "Marc beobachtete Jonas, Jonas starrte Ben an, Ben fixierte mich, ich heftete meine Blicke wie üblich auf Nick, Nick schaute Linn an, Linn schloss die Augen. Cut."

Svealena Kutschkes radikaler Expressionismus geht außerdem noch eine Verbindung mit ironischem Tiefsinn ein, den Lisa in einem kleinen Buch bei sich trägt. "Sind die Ränder der Wirklichkeit diffus?" "Findet mich das Glück?" Oder "soll ich die Wirklichkeit ruhen lassen?"

Die antwortlosen Fragen sammelte einst das Schweizer Künstlerduo Fischli/Weiss - mit dem Beitrag beehrten sie 2003 die Biennale; hübsche, banale, kühne Fragen. Lisa sind sie Wegbegleiter durch den Geschlechter-, Großstadt- und Identitätsdschungel, der keinen Schwerpunkt erkennen lässt. Vermutlich ging es der Autorin gerade um diese krude Komik einer paste-and-copy-Poetik, um verwackelte Szenen, die ständig Ungereimtheiten produzieren. Nur verschwindet selbst das schönste Sprachbild im Haufen.

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