Etwas fehlt immer von Guy Helminger, 2005, Suhrkamp

Es fehlt immer.
Erzählungen von Guy Helminger (2005, Suhrkamp).
Besprechung von
Martin Krumbholz in Neue Züricher Zeitung vom 29.11.2005:

Lichtregie
Erzählungen von Guy Helminger

Im Allgemeinen ist der Erzählton in Guy Helmingers Texten eher schnoddrig, handfest, salopp, robust und drastisch bisweilen, aber manchmal stellt sich doch ein Hauch Poesie ein, in Form einer gewagten Metapher, und oft spielt dabei das Licht eine Rolle: «Wie ein kleines weisses Papierschiffchen schwamm die Lüge auf den Lichtwellen durch das Zimmer, drehte sich ein-, zweimal zwischen den Möbeln und verschwand, ohne zu kentern, durch das geschlossene Fenster.» Es ist fast so, als wollte der 1963 in Luxemburg geborene Autor sich mit solchen jähen Aufhellungen schadlos halten für die vielen Graustimmungen, die tristen Milieus und die beschädigten Personen seiner Erzählungen: wie ein Theaterregisseur, der mit einer ausgetüftelten Lichtregie ein trostloses Szenario illuminiert.

Die Geschichte, der das Papierschiffchen entnommen ist, heisst «Besuch». Am Anfang fährt ein Mann sich und seinen kleinen Sohn zu Tode. Zur selben Zeit trifft bei der Hinterbliebenen des Mannes Besuch ein: die Ex-Freundin, eigens aus den USA angereist, um ein klärendes Gespräch zu führen, den Mann zurückzuerobern oder zu welchem Zweck auch immer. Die beiden Rivalinnen, die vom Tod des Mannes nichts ahnen – erst am Schluss klingelt das Telefon –, belauern und umkreisen einander, suchen nach Schwächen, nach Verletzungen, nach Narben, bis die Besucherin ihre Telefonnummer hinterlässt und geht.

Man kann die ausgeklügelte Dramaturgie dieses Totentanzes bewundern, man kann sich aber auch fragen: Na und? Denn was die Figuren antreibt, warum Nadine aus Amerika kommt oder Falk in den Tod rast, bleibt unerheblich. Helminger fängt die Personen im Spinnennetz seiner raffinierten Konstruktionen, ohne sich für sie oder gar für ihr Innenleben näher zu interessieren. Es sind rasante Oberflächen, die er inszeniert und mit grellen Aperçus aufpeppt. In dem Text «Erde» nimmt ein Mann namens Leo eine Frau, die ihn im Supermarkt sehr offensiv angegangen ist, mit zu sich nach Hause; am nächsten Morgen wird die Frau von Leos Rottweiler totgebissen. «Was hast du gemacht?», fragt der Herr mehrmals seinen Hund, obwohl gerade daran ja kein Zweifel bestehen kann. Dass das Tier den Mann näher angeht als die Zufallsbekanntschaft aus dem Supermarkt, ist offenkundig. Lang gram sein können die beiden einander nicht. «Braver Hund», lobt der Herr. Aber mit dieser Pointe hat es auch schon sein Bewenden. Ein wenig sieht es so aus, als sei der tödliche Biss die Strafe für die überraschende sexuelle Aktivität der Frau. In der Tat werden in vielen Texten Zusammenhänge zwischen Sexualität und Gewalt insinuiert, denen der Autor nicht weiter nachgeht.

In «Theater» schlägt die Bewunderung eines Zuschauers für eine Schauspielerin in eine merkwürdige Form der Anbetung und schliesslich in Terror um: Erst steht die ganze Familie des Fans demütig am Bühnenausgang Spalier, dann treffen unheimliche Depeschen ein. In der «Geschichte der dritten Person» wird ein Paar in einem Restaurant von einer Streunerin auseinander gesprengt; der Mann bleibt und macht sich Hoffnungen auf ein erotisches Abenteuer, bis ein Bekannter der fremden Frau aufkreuzt und mit der latenten Androhung von Gewalt die Situation verändert. Aber die Abgründe, die sich hinter all diesen bizarren und obsessiven Verflechtungen auftun könnten, bleiben seltsam flach. Man erschrickt nicht eben zu Tode über Helmingers Pathologie des Alltagslebens, weil die meisten der Geschichten zu offensichtlich nicht der Figuren, sondern der Pointe und der Effekte wegen geschrieben wurden.

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