Es wird immer später von Antonio Tabucchi, 2002, Hanser-VerlagEs wird immer später.
Roman von Antonio Tabucchi (2002, Hanser - Übertragung Karin Fleischanderl).
Besprechung von Armin Ayren in der Stuttgarter Zeitung vom 7.10.2002:

Sie wandert, sie wandert, von dem einen zu dem andern
Liebe in Briefen: Antonio Tabucchis Roman "Es wird immer später" kreist um das eine große Thema, von dem so schwer zu schweigen und fast unmöglich zu sprechen ist
 
Bekanntlich ist nichts schwieriger, als über die Liebe zu schreiben. Alle Wörter, die sich anbieten, scheinen abgenützt, verbraucht, gerinnen rasch zum Klischee, und hinter jedem Versuch, Gefühle auszudrücken, lauert die Gefahr, dass daraus Kitsch wird. Da scheint es fast tollkühn, wenn sich ein renommierter Autor daranmacht, einen Liebesroman zu schreiben. Nein, keinen Liebesroman, denn das wäre ja eine Geschichte mit greifbaren Personen, die im Laufe des Romans Kontur gewinnen in einer nacherzählbaren Handlung. Sondern einen Roman über die Liebe. Und wenn er dann noch eine ganz neue Form dafür ausprobiert und ihm auch dieses Wagnis gelingt, darf man schon von einer kleinen Sensation sprechen.

Antonio Tabucchis bisher ins Deutsche übersetzte Bücher haben ein Auf und Ab starker Qualitätsschwankungen gezeigt. So konnten beispielsweise die "Träume von Träumen" mehr überzeugen als die recht ungleichgewichtigen, manchmal überkonstruierten Erzählungen in dem Band "Der schwarze Engel" oder "Das Umkehrspiel," und auf den mehrfach ausgezeichneten und mit Marcello Mastroianni kongenial verfilmten Roman "Erklärt Pereira" folgte drei Jahre später ein blasser Abklatsch: "Der verschwundene Kopf des Damasceno Monteiro". Wenn aber nicht alles täuscht, ist Antonio Tabucchis jüngstes Buch "Es wird immer später" ein neuer Höhepunkt in seinem Werk.

Tabucchi, der Italiener mit der großen Liebe zu Portugal und zu Pessoa, nennt es einen "Roman in Briefform". Mit den Briefen hat es, zumindest auf den ersten Blick, seine Richtigkeit; auch die wird, wie alles scheinbar Verlässliche, in Frage gestellt. Aber ist das ein Roman? Zwar scheint der Briefroman für das Thema Liebe geradezu prädestiniert ("Die Leiden des jungen Werthers", "Gefährliche Liebschaften"), doch hat es je einen gegeben, in dem nicht nur die Adressatinnen, sondern auch die Verfasser (nur den letzten Brief schreibt eine Frau) von Brief zu Brief wechselten, sich gar nicht wiederholten?

Zwar weiß man das nicht so genau. Einige Briefe könnten vom selben Mann stammen, und der unvorbereitete Leser nimmt dies auch eine Zeitlang an, bis er dann, immer stärker irritiert, irgendwann innehält und sich fragt, was er da eigentlich liest. Wer schreibt? An wen? Wann? Zu welchem Zweck? Nichts ist je gewiss im Sinne des realistischen Romans, nur eins: Es ist ein Buch über die Liebe, über die verschiedenen Möglichkeiten, wie Männer mit Frauen und mit den Erinnerungen an sie umgehen, ein Roman ganz ohne Handlung, ohne feste Bezugspunkte als eben diesen einen: die Liebe.

Man könnte nun, wie es der Klappentext tut, die verschiedenen Konstellationen aufzählen, vom handfest erotisch Direkten bis zur von vagen Sehnsüchten bestimmten Fantasie - die in den Briefen angesprochenen Frauen sind sehr unterschiedlich real oder erträumt - aber das wäre nur der höchst überflüssige Versuch, dem Roman eine Art Gestänge einzubauen oder ihm wenigstens von außen her ein Korsett zu verpassen.

Das hat er nicht nur nicht nötig; es würde ihn auch unzulässig festlegen. Denn seine zugegebenermaßen schwer beschreibbare, aber außerordentliche und auf jeder Seite zu Tage tretende Qualität liegt eben in der völligen Freiheit, mit der Tabucchi sein Thema behandelt und immer wieder neu aufnimmt. Die Kunst dieses Romans besteht ganz aus Sprache, die sehr dicht ist, sehr reich instrumentiert, voll der vielfältigsten Anspielungen und verborgenen Assoziationen. Sie berührt, ohne je plump oder kompliziert zu werden, stets die unterschiedlichsten Lebensbereiche und Stimmungen, verfügt über eine große Fülle von Nuancen und gleitet nur in wenigen Passagen manchmal etwas ins Geschwätzige ab. Aber selbst da hat man den Eindruck, dies könne beabsichtigt sein: Wenn ein Briefschreiber das, was er sagen möchte, nicht sagen kann, und sich verlegen in Banalitäten flüchtet.

Offenbar hat die besondere Qualität des Textes auch Tabucchis deutsche Übersetzerin Karin Fleischanderl, die sich bisher manche Nachlässigkeiten leistete, zu besonderer Anstrengung bewegt. Zwar verärgern in der Fußnotenübersetzung eines französischen Briefs und in den Übersetzungen fremdsprachlicher Stellen im Anhang Schlampereilücken und bewusste Auslassungen, und wenn die Anredepronomina (du, dir, dich, dein und so weiter) großgeschrieben werden, solange der Briefschreiber sich an seine Adressatin wendet, dagegen klein, wenn es um andere Personen geht, dann stört es schon sehr, wenn dieses logische Bezugssystem von Fehlern durchlöchert wird. Doch insgesamt fallen solche Mängel wenig ins Gewicht, die Übersetzung hat Format und wird der Sprachkunst Tabucchis gerecht....Fortsetzung

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.stuttgarter-zeitung.de]

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