Es war einmal ein Igel von Franz Hohler, 2011, HanserEs war einmal ein Igel.
Kinderverse von Franz Hohler (
2011, Hanser, mit Illustrationen von Kathrin Schärer).
Besprechung von Angelika Overath in Neue Zürcher Zeitung vom 3.8.2011:

Es war einmal ein Reim
Kindergedichte von Franz Hohler

Zu den unverlierbaren Schätzen der Volkspoesie gehört jener Mann mit dem Schwamm, der an allem Ungenügen fand (Schwamm zu nass; Gras zu grün; Berlin zu gross) und der am Ende niesend bei seiner Gemüse kochenden Frau Elise landet oder auch im Bett mit einer Maus. Franz Hohler hat auf der Schicksalsspur des Kinderreims Lebensentwürfe skizziert. Der erste beginnt: «Es war einmal ein Mann, an dem war fast nichts dran. / Er war ein dünner Strich.» Bis das reimende Ich erkennen muss: «Es handelt sich beim Strich / Um mich, um mich, um mich!» Auch der einsame Stern, der Kühe gern hat, der See, der die Fee liebt (wie der Berg den Zwerg oder der Turm den Wurm), enthalten etwas von diesem Ich, das freundlich und oft ein wenig melancholisch die bunten Fehlfarben des Daseins notiert. Da gibt es den Hund ohne Mund, der mit den Pfoten bellt, und den Bach, der so viel Krach macht, bis er mit Fisch und Ratte im Stausee verschwindet. Oder das anarchische Huhn, das nichts zu tun hat, auf Befehl aber die Eier nur ins Klo legt, oder den vaterlosen Kater, der sich eben in sein Schicksal ergibt. Immer bleibt ein Rest des Staunens über wundersame Konstellationen, die im Klang verbürgt sind. Denn was ist zu halten von einem Reh, das Ohrenweh hat, bis ihm die Schlange mit einer Zange aus dem Innenohr ein Vogelnest hervorzieht? «Das Reh bedankt sich lange / Bei dieser netten Schlange.» In meist ganzseitigen wunderbaren Illustrationen nimmt Kathrin Schärer die schönen Absurditäten ernst und führt sie spielend weiter: Die Vögel im Ohr sperren die Schnäbel auf, weil sie glauben, sie würden von der Schwanzspitze der Schlange gefüttert. Das Leben ist seltsam. Niemand weiss das so gut wie der Reim, der sich auf alles einlässt. Halten wir uns an das grosse Drama des Lamas, bei dem im ersten Akt ein Wurm einen andern packt. «Was aber weiter war / Ist noch nicht restlos klar.» Ein hinreissendes Buch, das süchtig machen kann.

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