Esra von Maxim Biller, 2003, Kiepenheuer & Witsch1.) - 2.)

Esra.
Roman von Maxim Biller (2003, Kiepenheuer & Witsch).
Besprechung von Dorothea Dieckmann in Neue Zürcher Zeitung vom 19.03.2003:

Schlüssellochroman
Maxim Biller besichtigt das wahre Leben

Der Held seines eindrucksvollen ersten Romans «Die Tochter» hiess Mordechai, der seines zweiten heisst Adam. Hinter dem Namen des ersten Menschen verbirgt sich diesmal der Autor selbst. Vielmehr: Er verbirgt sich «nicht wirklich» (um in Billers Sprache zu reden), sondern tut im Gegenteil alles, um zu enthüllen, dass es sich um ihn selbst handelt, den Menschen Maxim Biller - und dass er sich tatsächlich für den ersten Menschen hält:

Es wird Zeit, kurz etwas über mich zu erzählen. Dass ich aus Prag komme, Jude bin und oft über Deutschland schreibe, ist kein Geheimnis. Mein Privatleben war bisher aber kein grosses Thema, warum auch, ich bin kein Schauspieler oder Sänger. Viele Leute haben gedacht, mein letzter Roman sei autobiographisch, doch das ist natürlich ein Irrtum. Dass ich selbst - so wie sein Held - eine Tochter habe, sagt gar nichts. Ausserdem hatte ich den Roman zwei Jahre vor Stellas Geburt angefangen.

Das mit Stella ist natürlich sehr schwierig. Ihre Mutter ist von mir ohne mein Wissen schwanger geworden. Sie hatte zu der Zeit schon ihren neuen Hamburger Freund . . .

Der zwischen Wichtigtuerei und Smalltalk angesiedelte Ton verrät es: Was als Schlüsselroman daherkommt, ist nichts anderes als pubertäres Nähkästchengeplauder oder, da es sich de facto um einen gestandenen Vierziger handelt, der geschwätzige Fortsetzungs«roman» eines Stammkunden beim Herrenfriseur. Nur gut, dass man nicht, wie dieser, den Sermon mit bestätigenden Lauten anfeuern muss. Im Gegenteil. Wer sich den Bärendienst einer Lektüre erweisen will, sieht sich geprellt, denn Billers PR-Trick einer true story ist ein bisschen zu gut aufgegangen: Die Personen, deren Privatleben er mit seiner Tirade ans Licht gezerrt hat, haben Gleiches mit Gleichem beantwortet und die Auslieferung des Buches per einstweilige Verfügung untersagen lassen.

Es ist mehr als genug, Folgendes zu wissen: Maxim Biller hat sich vor ein paar Jahren in eine türkische Graphikdesignerin verliebt. Die Beziehung zu Esra, so nennt er sie und das Buch, war kompliziert, es kam zu Trennungen und Wiedervereinigungen, zu Konflikten mit Esras Exfreund, Esras Tochter und Esras Mutter. In einer der Trennungsperioden wurde Esra von einem anderen Mann schwanger, «Adam» Biller riet ihr abzutreiben, entschloss sich dann jedoch grosszügig, dem Kind ein Vater zu sein. Vergeblich: Esra verliess ihn zugunsten des leiblichen Vaters. Abschliessend verbrachte unser Held mit seiner eigenen Tochter Stella einen Türkeiurlaub, bei dem er Esras Grosseltern kennen lernte. Bis dahin spielte sich die «Handlung», ein von wenigen Dialogszenen unterbrochener Monolog, in München, dem Wohnort des Autors, ab.

Was, um Himmels willen, hat Biller geritten, dass er die Qualitäten seines Erstlingsromans so erschütternd unterbot? Ist es das Image des Wadenbeissers, das er mit seinen «Tempo»- und «FAZ»-Kolumnen erwarb und mit einigen gezielten Provokationen im literarischen Betrieb untermauerte? Sein notorisches Hasspotenzial ist auf eine kleinkarierte Abrechnung im Beziehungsgewurstel zusammengeschrumpft. Ist es die Treue zur männlich-herben Duftnote seiner Essays mit ihren markigen Oppositionen von Gut («anständig») und Böse («feige»)? Der wiederholte Vorwurf der «Feigheit» gegenüber der widerspenstigen Exfreundin bestätigt dies ebenso wie die klägliche Rechthaberei - etwa beim Entschluss, Esras Kind anzunehmen: «Dass ich der Vater dieses Kuckuckseis werden würde, das sie sich ins Nest gelegt hatte, fand sie selbstverständlich und dachte keine Sekunde darüber nach, was das für mich bedeutete.» Im Klartext: Sie sollte ihrem anständigen, aufopferungsvollen Freund endlich einmal dankbar sein . . 

Doch der Fall liegt grundsätzlicher: Der literarische (Selbst-)Offenbarungseid ist die logische Konsequenz von Billers antiliterarischem Credo, Literatur müsse vom «Wahren, Echten, Eigentlichen» berichten. Mancher wird sich an sein Auftaktreferat zu der von ihm im Jahr 2000 in Tutzing einberufenen Schriftstellertagung erinnern, das vor regressiven Parolen nur so strotzte - ein Plädoyer gegen die «Schlappschwanzliteratur» und für die «Härte: also die absolute Entschlossenheit, so brutal, dass das Blut spritzt, die letzten Fragen zu stellen». Um nichts Geringeres als um die Moral der Kunst im «Kampf gegen das Unglück» ging es dem Autor, der doch, wie seine Zuhörer, keinen (phallischen) Prügel, sondern nur die Potenz der poetischen Sprache zur Verfügung hatte, um den Traum von einer besseren Welt in die Welt zu bringen.

Wenn der Erzähler in «Esra» die Titelfigur der «Unfähigkeit» zeiht, «einmal die Welt zu begreifen, wie sie wirklich ist, statt sie sich immer nur zusammenzuträumen», dann eröffnet sich die tragische Dimension dieses «realistischen» Trugschlusses, Literatur müsse ein «klares Bild von der echten, realen Realität» bieten. Solches Schreiben klebt am Leim der banalen Oberfläche. Und so gibt auch «Esra» in der Tat das Bild der Realität - eines dumpfen, verwirrten Alltagsbewusstseins. Liebe und Trauer, deren Echtheit dem Autor niemand absprechen mag, ersticken in der «authentischen» Sprache des Kneipenbekenntnisses....Fortsetzung

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Esra von Maxim Biller, 2003, Kiepenheuer & Witsch2.)

Esra.
Roman von Maxim Biller (2003, Kiepenheuer & Witsch).
Besprechung von Sabine Baumann aus Jüdische Allgemeine:

Döner mit Latkes
„Esra“: Maxim Biller erzählt von einer mißglückten türkisch-jüdischen Liebe

Der Erzähler von Maxim Billers Roman Esra tritt unter dem Namen Adam auf. Das heißt noch nicht, daß er sein Autor im Adamskostüm wäre. Biller spielt nur gern mit der autobiografischen Entblößung und mit den Stoffen, die das Leben so bietet. Und prompt hat das Leben die Kunst nachgeahmt. Zwei Personen haben Biller verklagt, weil sie sich in dem Roman - noch dazu verzerrt - dargestellt fühlen. Das steht auch schon im Roman. Der Erzähler, natürlich ein in Prag gebürtiger, in München lebender Schriftsteller jüdischer Herkunft, so wie sein Autor, ärgert sich gleich zu Beginn, daß ihm seine Freundin, die komplizierte Esra, verbieten will, über sie zu schreiben. Damit nehme man ihm die Luft zum Atmen, beschwert er sich. Und er ahnt bereits, daß es wie schon bei seinem früheren Buch - die Anspielung gilt Billers umstrittenem Roman Die Tochter - wieder Ärger geben wird.

Die Luft zum Atmen wird Adam auch auf andere Weise genommen. Die Liebesgeschichte zwischen ihm und der türkischstämmigen Esra strotzt vor Eifersucht, Argwohn und Verfolgungswahn. Je mehr er ihr nachstellt, desto mehr entzieht sie sich. Als kleine Sklavin sieht sie der selber ziemlich neurotische Adam, ärgert sich über ihre Familie: Die dominante, manipulative Mutter, der bullige, bösartige Ex-Mann, zwielichtige Großeltern, die widerspenstige Tochter, die den neuen Liebhaber vehement ablehnt – sie alle zerren an der ohnehin belasteten Beziehung zwischen zwei ungleich Gleichen. Ungleich, denn mit ihren esoterischen Anwandlungen und banalen Alltagsgewohnheiten und Vorlieben ist Esra dem sarkastisch vernunftgesteuerten Adam eigentlich fremd. Und doch auch gleich? Zumindest fühlt er sich zu ihr hingezogen, weil er in ihr eine Seelenverwandte sieht, weil sie die Wahrnehmung und das übertrieben korrekte Sprachgefühl von Migranten teilen, weil ihre innere Verhärtung seinen eigenen ererbten Stolz spiegelt. Ausgerechnet um die Frage, ob sie ein gemeinsames Kind haben können, entzündet sich dann der finale Krach, der nach etlichen Trennungen und Wiederversöhnungen zur endgültigen Trennung führt. Die Trauer über den Verlust seiner eigenen Tochter Stella an ihre alleinerziehende Mutter macht es Adam unmöglich, Esra über die Verlustangst hinweg zu helfen, die sie angesichts des bevorstehenden Todes ihrer krebserkrankten Tochter Ayla empfindet.
Über dem Skandal eines möglicherweise autobiographischen Schlüsselromans, der Enthüllungen mit grotesken Verzerrungen in Billerscher Manier absichtlich vermischt, sollte man die gelungene poetische Bauweise des Romans nicht übersehen. Mühelos wechselt der Autor die Schauplätze, führt den Leser von München an den türkischen Badeort Dilik, von dort nach Stockholm und Prag. Die Trennungen und Wiedersehen des anstrengenden Liebespaars werden bewußt mit den mysteriösen An- und Abwesenheiten der Mutter sowie ihren Machenschaften als gewiefter Bauunternehmerin und Politikerin kombiniert; Dialogpassagen und Telefonate werden in ganz bestimmten Abständen geführt, Ex-Männer und -Frauen treten in diesem kunstvoll konstruierten, politisch und historisch grundierten Krimi in genau komponierten Rhythmen. Die Gelegenheitsgrafikerin und -schauspielerin Esra kommentiert mit Bildern, die sie von Zeit zu Zeit von sich und ihren Männern malt, die Unterstellungen und Auslegungen des Erzählers. Sogar die Auftritte der Siamkatze des Paares folgen einem ausgeklügelten dramaturgischen Konzept.
Esras Geheimnis, das der Erzähler so gern lüften möchte, um seine Utopie der wahren Liebe zu leben, droht ihm ständig zu entgleiten. Entstammt sie wirklich einer Familie von Dönme, jener in der Türkei ansässigen Anhänger des Schabbatai Zwi, die vordergründig zum Islam konvertierten, heimlich aber weiterhin den jüdischen Glauben praktizierten? Und was bedeutet das für die Verstrickungen ihrer Mutter und ihrer Großeltern in die türkische Geschichte, den Umgang mit Kurden, Armeniern und Aseri? Maxim Biller hält seinen Erzähler in der Schwebe zwischen Hoffnung und Enttäuschung, zwischen der Suche nach der jüdischen Identität und der Angst, sie könne sich als Kitsch entpuppen: „Nichts ist sinnloser als jüdischer Kitsch - und nichts enttäuschender als die Einsicht, ihm auf den Leim gegangen zu sein.“ Biller geht ihm nicht auf den Leim, er verrennt sich auch nicht in die Pose des Deutschenhassers, mit der er gelegentlich kokettiert. Auf Lesereise genießt sein alter ego Adam, wenn schon nicht die Fragen des ihm allzu deutschen Publikums, so doch das Panorama der Rheinstrecke. Und er beruft sich auf Thomas Manns Kampf gegen die Lübecker, als die gegen die Buddenbrooks Einspruch erhoben. An schillernder Lebendigkeit kann sich Esra trotz wesentlich schmaleren Umfangs und der schlichteren, an Billers journalistischen Kolumnen geschulten Sprache, mit der dynastischen Saga des Altmeisters durchaus messen. Bleibt zu hoffen, daß sich - notfalls vor Gericht - die Kunst gegen den Klatsch durchsetzt.

[...diese Rezension wurde der Jüdischen Allgemeinen entnommen, der Wochenzeitung für Politik, Kultur, Religion und jüdisches Leben. Das Buch kann im Leo Baeck Bookshop, der größten Online-Buchhandlung für jüdische Literatur,  bestellt werden]

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