Es gibt solche.
Erzählungen von Nina Jäckle (2002, Berlin-Verlag).
Besprechung von Christine Schott in Neue Zürcher Zeitung vom 08.07.2003:

Sanftes Krisenmanagement
Erzählungen von Nina Jäckle

Die Uhren ticken im Zeitlupentempo; der Raum versackt im ersterbenden Licht. Matt hallen Stimmen durch brachliegende Landschaften. Mal ein träges «Na dann», mal ein sparsames «Ich kann so nicht sein». Vieles bleibt unausgesprochen im Hals stecken. Wie die Fische unter der Eisschicht zugefrorener Teiche sitzen Nina Jäckles Helden im Leben fest: grosse Verlorenheit in geschlossenen Räumen. Mit fünf Erzählungen aus der Einsamkeit gibt die 36-jährige Autorin ihr literarisches Début, das dem Image vom locker-flockigen Auftritt des literarischen Nachwuchses entgegenwirkt. Kein Trendsetter flirrt hier durchs Grossstadtgelände, keine Lifestyle-Storys werden inszeniert. Bei Jäckle kommen Leidtragende vor, die auf Sohlen aus Blei unterwegs sind.

Der Band «Es gibt solche» rückt die Sitzengelassenen und gescheiterten Glücksjäger in den Blick, denen Stillstand aus Verzweiflung droht. Um den Herzenskatastrophen nicht völlig zu erliegen, entwickeln sie rührende Überlebensstrategien mit skurriler Note: In dem Text «Warten» bewahrt ein verschmähter Liebhaber Haltung, indem er unbeirrt auf die Rückkehr seiner Freundin wartet. Der Ordnung halber zählt er pedantisch Stunden und Minuten, gegen die Verlustangst stellt er die Schuhe der Freundin im Gänsemarsch auf. In der Geschichte «Buchenhofstaffel» ringt die Familienmutter der unfruchtbaren Scholle einen «hellgrünen Quadratmeter Neuwiese» ab - Symbol beharrlicher Widerstandskraft gegen allerlei Anfeindungen, denen es zu trotzen gilt.

Exemplarisch für das sanfte Krisenmanagement der Nina Jäckle steht «U 7» - das Finale im Zyklus der eingedunkelten Miniaturen. Eine U-Bahn bleibt im Tunnel stecken, der Strom fällt aus, die Passagiere werden panisch. Für die männliche Hauptfigur brechen Augenblicke der konzentrierten Sinneswahrnehmung an. Denn klarer als am helllichten Tag schält sich jedes Geräusch aus der Dunkelheit heraus - das Wimmern der Kinder, die Durchhalteparolen der Erwachsenen. «Alles nicht so schlimm», lügen die Mütter - wie damals die Mutter des jungen Fahrgastes am Bett des sterbenden Vaters. Und plötzlich erhellen die Bilder der Erinnerung das nachtschwarze Abteil....Fortsetzung

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