Es geht uns gut von Arno Geiger, 2005, Hanser1.) - 4.)

Es geht uns gut.
Roman von Arno Geiger (2005, Hanser).
Besprechung von Martin Droschke aus den Nürnberger Nachrichten vom 19.08.2005:

Auf Spurensuche in der geerbten Familienvilla
Rückschau auf ein halbes Jahrhundert: Arno Geiger liest in Erlangen aus seinem Roman „Es geht uns gut“

In der „Revue der Neuerscheinungen“ liest der Autor Arno Geiger am 27. August (15.30 Uhr) beim Erlanger Poetenfest im Schlossgarten aus seinem Roman „Es geht uns gut“.

Es war höchste Zeit, als im Vorfeld des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs 2004 der Literaturkritikerin und Jury-Vorsitzenden Iris Radisch der Kragen platzte, denn man hatte sich zu diesem Zeitpunkt bereits gefährlich an die Mut- und Risikolosigkeit gewöhnt, die das Schreiben der jüngeren Generation charakterisiert. Radisch bemängelte, dass perfekt ausgebildete Schreibtechniker die Szene dominierten. Diese Autoren könnten wunderbar schreiben. Aber sie hätten im Grunde gar nichts zu erzählen.

„Es geht uns gut“, heißt der Roman, mit dem der 1968 in Bregenz geborene Arno Geiger beim Poetenfest das Genre des Familienromans besetzen wird. Geiger zählt zur Mehrheit der Klagenfurter Wettbewerbsteilnehmer: Er war 2004 mit einem Auszug aus dem jetzt publizierten Buch angetreten, ging aber leer aus. Dennoch gehört er nun zur Kollektion jener Namen, mit der Verlage und Festivals ihre hochkarätigen Programme bestücken. In seinem Buch wird eine Geschichte aus dem gutbürgerlichen, deutlich gehobenen Mittelstand erzählt, jener sozialen Schicht also, die als nostalgisch verklärte Alternative zur globalisierten Unsicherheit derzeit ihre Wiederentdeckung feiert.

Die Konstruktion, mit der Geiger eine Rückschau auf gut ein halbes Jahrhundert erzählerisch ins Rollen bringt, ist von banaler Solidität. Protagonist Philipp Erlach hat die Wiener Familienvilla geerbt. Die in Jahrzehnten angesammelten Nutzlosigkeiten, von denen er das Haus befreit, führen wie automatisch zu einer Auseinandersetzung mit der Vergangenheit.

Viel wurde vor dem Spross verborgen gehalten. Gleichzeitig wollte Erlach aber auch gar nicht wissen, weshalb sich die Sippe zerstritt. Selbstredend, dass die Historie der eigenen Vorfahren zugleich als ein Spiegelbild des österreichischen Wegs vom Taumel des Anschlusses 1938 über das Trauma von Holocaust und Krieg zum unerfüllten Traum eines harmonischen Neubeginns konzipiert ist.

Natürlich spielt auch der Generationenkonflikt der 1968er Jahre eine subversive Rolle. Natürlich repräsentiert das Personal alle Facetten an zeitgeschichtlichen politischen Haltungen. Das bessere Österreich ist dabei — mit einem Patriarchen, der mit Hitler nicht einverstanden war. Ebenso das fanatisierte Österreich — mit einen Teenager, dessen Sozialisation von Hitlerjugend und Heimatfront geprägt ist. Selbstredend kommen Geheimnisse zu Tage, die die Sicht auf manche Figur verändern. Selbstverständlich ist manches komplizierter, als man anfangs glauben gemacht wurde . . .

Rhetorische Frage: Kommt einem das nicht alles vor wie schon in gut einem Dutzend anderer Bücher gelesen? Rhetorische Antwort: Ja! Zumal auch Geigers Sprache weder unverwechselbar ist, noch anders als konventionell und korrekt. Und auch der Trick, Philipp aus der Inbesitznahme des Familienstammsitzes heraus in Rückblenden nach den eigenen Wurzeln graben zu lassen, ist nur ein weiteres Indiz dafür, dass Iris Radisch zufolge hier leider nicht streitbare Literatur, sondern lediglich gutes Kunsthandwerk vorliegt. „Es geht uns gut“ ist repräsentativ für eine Strömung der deutschsprachigen Autorenlandschaft.

Nur des Interesses halber, welche Horizonte sie dem Publikum zu entdecken empfiehlt, wird es sich lohnen, Arno Geiger zu lauschen. Und um sich hernach die fade Lektüre ersparen zu können.

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Es geht uns gut von Arno Geiger, 2005, Hanser2.)

Es geht uns gut.
Roman von Arno Geiger (2005, Hanser).
Besprechung von Franz Haas aus der Neue Zürcher Zeitung vom 27.9.2005:

Sieben Jahrzehnte und acht Jahrestage
Arno Geigers grosser Roman «Es geht uns gut»

Der zornige Blick zurück auf eine Vergangenheit, die man selbst nicht erlebt hat, ist sogar in der neuesten Literatur nicht mehr neu. Gar nicht in diesem Trend liegt Arno Geiger mit seinem vierten Roman, «Es geht uns gut», der von drei Generationen einer Wiener Familie von 1938 bis 2001 erzählt. Er vermeidet Klischees zur Geschichte ebenso konsequent wie das abgedroschene giftige Urteil über die Gegenwart. Mit der jüngsten Konjunktur der Familiensaga hat dieses Buch wenig zu tun, und sein Erscheinen im österreichischen «Gedankenjahr» ist eher ein Zufall – nach der vierjährigen Arbeit an dem Werk.

Es ist beileibe kein heiles Österreich und keine rosige Weltgeschichte, in der sich Arno Geigers Figuren bewegen. Die Handlung zielt immer knapp an den grossen historischen Eckdaten vorbei, und dennoch sind Vergangenheit und Gegenwart präzise präsent. Der Hauptheld ist ein verkrachter Schriftsteller, ein verschrobener Sinnierer, der «zur Strafe eine Villa erbt», der mit seinen Ahnen jedoch nichts mehr zu tun haben will. Ausserdem unterscheidet sich dieses Buch von der neuesten Welle der Familienromane durch die phantasievolle Fiktion, die auf keinen autobiografischen Fundus angewiesen ist.

Lebendig und glaubhaft

Als privates Erbgut hat der Autor nur sein Schreibtalent und seine Lebenskenntnis beigesteuert. Mit verblüffender Feinfühligkeit macht Arno Geiger seine Gestalten lebendig und glaubhaft. Diese lebensechten Kunstfiguren stehen in einem genau recherchierten historischen Rahmen von siebzig Jahren, wobei die Vergangenheit nur anhand von acht einzelnen Tagen erzählt wird. Die Personen sind trotzdem fest verankert in den Zeitläufen, sie sind durch das kontinuierliche Erzählen im Präsens von einer fabelhaften Leichtigkeit und Nähe. Alle zeitlichen Ebenen sind gleichwertig, die Figuren dadurch gleich vertraut, sei es an einem Tag im Jahr 1938, 1955 oder 1989. Geschichte ist immer noch nicht so recht vergangen.

Auch die Gegenwart ist nicht so ganz gegenwärtig. Denn Geiger lässt seinen Roman just ein paar Monate vor den Terrorattacken des 11. September 2001 spielen. In New York lebt Sissi, die vergessene Schwester von Philipp Erlach, dem verspielten Grübler, der in Wien im Frühjahr 2001 in dreizehn einzelnen Tageskapiteln drei Monate vertrödelt, der als erfolgloser Schriftsteller ein Notizbuch nach dem anderen «verduselt und verschreibt», während Schwarzarbeiter seine von den Grosseltern geerbte Villa vom Taubendreck reinigen. Halbherzig versucht Philipp seine Familiengeschichte zu schreiben. Aus den unkoordinierten Notizen muss man schliessen, dass dieser «halbgare Surrealist» seine Geschichte nie auf die Reihe kriegen wird. Doch der Leser hält sie bereits in den Händen, es ist der Roman «Es geht uns gut» von Arno Geiger, der seinem Helden unter die Arme greift – ein unauffällig raffinierter literarischer Spiegeltrick.

Die jüngste Generation, die in diesem schillernden Kaleidoskop zuerst vorgeführt wird, hat am wenigsten Halt, obwohl sie es am besten haben könnte. Der Eigenbrötler Philipp hat mit 36 auch in der Liebe keine Stabilität. Seit fast zehn Jahren ist er hoffnungslos liiert mit Johanna, der Wetteransagerin vom Fernsehen, die verheiratet ist, die eine Tochter, wenig Zeit und noch weniger Verständnis für Philipp hat. Sie schickt dem Taugenichts die Schwarzarbeiter ins Haus (einer ist Ukrainer), die seinem Leben eine neue Richtung geben könnten, die sich bald bei ihm einquartieren. Sie vertreiben eine Taubenkolonie vom Dachboden der Villa, schaufeln knietiefen Mist und verscherbeln Ramsch und Erbstücke.

Sanfter Tyrann

Als Nächstes kommt die älteste Generation ins Bild, aber schon zur Zeit ihres Verfalls. Beim Grossvater beginnt gerade der Alzheimer-Dämmer, der noch Jahre dauern wird. Dieser Dr. Richard Sterk, Jahrgang 1900, war einmal ein bedeutender Mann, schon im Kapitel vom 6. August 1938 ist er Vizedirektor der Elektrizitätswerke. Der Aufstieg der Nazis macht ihm zwar Sorgen, aber doch nicht viel mehr als sein Verhältnis mit dem Kindermädchen. In den Kriegsjahren duckt er sich und kann auf seinem Posten bleiben. Danach wird er ein grosses Tier, christlichdemokratischer Minister und Schlüsselfigur beim Staatsvertrag 1955, ein sanfter Tyrann in der Familie, Vater einer rebellischen Tochter. 1962 schiebt ihn die Partei aufs Abstellgleis. Zu Hause in der Badewanne, wo sein käsiger Körper im Wasser wabbelt («das Fett der sieben fetten Jahre»), brütet er über den Undank der Welt – auf formidabel komponierten Seiten von komischer Bitterkeit. Immer wird er flankiert von seiner Frau Alma, dem positiven Sinnbild des ganzen Jahrhunderts in seinem Glanz und Horror.

Mit meisterhafter Beiläufigkeit erzählt Arno Geiger Privates und Historisches, aus der Epoche der Väter und Grossväter mit ebensolcher Sensibilität wie aus neuerer Zeit, unscheinbare Details, die erst durch den Wortwitz ihren Glanz bekommen. Eines der sprachlichen und psychologischen Bravourstücke ist der Monolog von Grossmutter Alma am Sterbebett ihres Mannes. Die sanft resolute Frau resümiert am 9. Oktober 1989 ihr beider Leben, samt kleinlichem Liebesverrat und epochalen Ereignissen. Wenig später fällt in Berlin die Mauer, fällt in Wien eine Scheibe aus dem Dachbodenfenster von Almas Villa, öffnen sich eine Bresche in der Geschichte und ein Loch für die Tauben, die dann in zwölfjähriger Arbeit ein Zeitalter unter ihrem Mist begraben. – Begraben ist teilweise auch schon die mittlere Generation, die Kriegskinder, die Wirtschaftswundertäter. Peter Erlach, Philipps Vater, ist als 15-Jähriger im Volkssturm bei der Schlacht um Wien, in einem gruseligen Kapitel vom 8. April 1945. Auch das ist kein historischer Jahrestag, aber schicksalhaft für Peters Überleben. Er kommt aus der Unterschicht, sein Vater ist ein Nazi, die Mutter stirbt elendig an Krebs, während die Bomben fallen. Ein Studium bringt er nie zu Ende. Mit Erfindungen hat er kein Glück. Aber er hat Ingrid, die trotzige Tochter des Ministers Richard Sterk, die ihn liebt und heiratet, auch wenn sie deshalb vorübergehend mit ihrer Familie brechen muss. Schliesslich lenkt der Schwiegervater ein, hilft mit viel Geld trotz allem Groll auf den Habenichts, der für ihn ein «verwaschener Sozialist» bleibt. Hier berührt der Autor mit listiger Ironie die grosse österreichische Wunde aus den dreissiger Jahren, den parteipolitischen Zwist, der selbst die Gegenwart noch vergiftet.

Beklemmend realistischer Witz

Hier beginnt auch die Zeit, die Arno Geiger (Jahrgang 1968) aus eigener Erfahrung kennt und mit beklemmend realistischem Witz beschreibt, die Welt von Philipps Eltern, die bei allem Wohlstand im Unglück zappeln. Peter Erlach kriegt schliesslich einen guten Posten als Verkehrsexperte, seine Frau Ingrid ist Ärztin und eine zornige Feministin geworden. Die Liebe zwischen ihnen ist nicht mehr wahr. Der kleine Philipp kriegt das noch nicht ganz mit. «Es geht uns gut», sagt seine Mutter am Telefon zum Vater, der auf Dienstreise ist. Ihr Tod in der Donau bei einem Badeunfall erschüttert die Familie, schweisst sie aber zusammen. Peter gibt sich nun redlich Mühe als Vater. 1978 ist er bei einer Ferienreise nach Jugoslawien ein Wunder an Geduld mit seiner 17-jährigen Tochter Sissi. Deren Streiterei mit dem kleinen Bruder Philipp ist ein weiteres Kabinettstück, wie so oft in diesem Roman eine Synthese aus Menschenkenntnis und Sprachzauberei.

Gelegentlich pfeift Geiger sich und seine Virtuosität selbstironisch zurück, etwa angesichts von Sätzen «in dieser jämmerlichen Schönschreibart», die er dem fruchtlosen Schriftsteller Philipp unterschiebt, der beim «Klettern am Stammbaum einer windschiefen Familie» versagt. Dem geht auch sonst alles schief, sogar eine Gartenfeier mit seinen beiden neuen Kumpanen, die bald abreisen werden zur Hochzeit des Ukrainers in dessen Heimat. In einem Anfall von lächerlicher Verzweiflung bettelt er, ob sie ihn nicht mitnehmen könnten in die Ukraine. Verdutzt willigen sie ein. Am Schluss stehen Philipps triste Euphorie und die imaginäre Fortsetzung der Handlung auf der Reise durch Österreichs ehemaligen mythischen Osten – ein ungeschriebener Nachtrag zu diesem Roman und zu seiner wundersamen Entrümpelung der Geschichte.

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Es geht uns gut von Arno Geiger, 2005, Hanser3.)

Es geht uns gut.
Roman von Arno Geiger (2005, Hanser).
Besprechung von Michaela Schmitz aus Rheinischer Merkur, 6.10.2005:

Arno Geigers neuer Roman ist für den Deutschen Bücherpreis nominiert. Zu Recht! 
Wer kennt schon Österreich?  

Haben Sie schon mal versucht, gezielt an den Ereignissen vorbeizuschauen? Das Beiseiteschauen erlaubt oft ganz neue Perspektiven. Ein Effekt, den der österreichische Autor Arno Geiger in seinem neuen Roman „Es geht uns gut“ zum Erzählprinzip macht. Im Fokus seiner Geschichte stehen die alltäglichsten Begebenheiten, all diese, so der Autor, „Kleinigkeiten, die so sehr ins Gewicht fallen“.

Ein gewagtes Projekt für eine Erzählung, die sich von 1938 bis 2001 erstreckt: Auf neun einzelne Tage verteilt, entwickelt Geiger einen österreichischen Gesellschaftsroman, der auch Familiengeschichte und Bildungsroman mit Enkel Philipp ist. Dessen Geschichte und die Großmutter Almas bilden den Rahmen einer komplexen Erzählkonstruktion mit wechselnden Hauptfiguren.

Am Anfang steht das Ende. Österreich 2001. Vor dem Terroranschlag am 11. September in New York. Der Blick geht vorbei. Der 36-jährige erfolg- und orientierungslose Schriftsteller Philipp sieht der Renovierung der von Großmutter Alma Sterk geerbten, heruntergekommenen Familienvilla zu. Freundin Johanna hat die Sanierung veranlasst. Die zweite Rahmenhandlung spielt 1982 und 1989 – kurz vor der deutschen Wiedervereinigung. Alma Sterk erzählt sich über den Verfall ihres Manns Richard ins eigene Vergessen. Und stirbt im Schmerz über den Tod der Kinder Otto und Ingrid vereinsamt. Schnitt. Rückblende. Zurück zum Anfang. August 1938 – wenige Monate nach Österreichs Anschluss und vor Kriegsbeginn.

Die gutbürgerliche Familienidylle der Sterks in ihrer Hietzinger Villa wird nur durch eine Affäre Richards und einen politisch nicht konformen Prozess gegen einen Nazisympathisanten getrübt. Zeitsprung. 1945, wenige Tage vor Kriegsende. Peter Erlach wird als Hitlerjunge im Kampf gegen die in Wien einmarschierenden Alliierten verwundet. Er flieht auf ein Donauschiff und in die Erinnerung. 12. Mai 1955 – drei Tage vor Unterzeichnung des Staatsvertrages. Minister Dr. Richard Sterk zeigt nicht das geringste Verständnis für die Liebe der Studentin zum wirtschaftlich erfolglosen Träumer Peter.

1962. Trotz wirtschaftlichen Aufschwungs sind weder Richards politische noch private Träume in Erfüllung gegangen. Alma und er haben sich entfremdet, und seit dem Rauswurf ist die Beziehung zu Tochter Ingrid und ihrer jungen Familie gestört. Die siebziger Jahre. Silvester. Ingrid resümiert ihre unglückliche Ehe mit Peter, dem Erfinder des erfolglosen Spiels „Wer kennt Österreich?“. Unberührt von der 68er Bewegung lässt er sie mit ihrer Dreifachbelastung als Ärztin, Hausfrau und Mutter allein. Schnitt. Überblendung: 1978. Vier Jahre nach Ingrids Tod haben Peter, Sissi und Philipp den Verlust der Mutter noch nicht verkraftet.

Fotos, Bilder, Momentaufnahmen. Aus Details entwickeln sich Geschichten. Wiederholungen bilden Muster. Wie das Muster der kollektiven Verdrängung. Ein österreichisches Paradigma. In der Spiegelbildlichkeit von Privatem und Historischem wird es von Arno Geiger in seinem Roman vorgeführt. Zum Beispiel in Almas Versuch, den symptomatisch an Gedächtnisverlust leidenden greisen Richard an die spezifisch österreichische Zeitrechnung zu erinnern: Historische Zäsuren werden hier einfach ignoriert. Richard hatte sich im Krieg eben ein paar Jahre geduckt.

Auch Schwiegersohn Peter entzieht sich der Auseinandersetzung mit der Nazi-Vergangenheit. Und Enkel Philipp verweigert sich schließlich total seinem familiären Erbe. Und die Frauen? Sie sind vor allem Betroffene. Und sie begreifen die österreichische Heimat- und Familienidylle als kollektive gesellschaftliche Lüge. Blumig untermalt durch Filmstreifen wie „Der Hofrat Geiger“ – eines der Leitmotive des Romans. Auch hier: bewahrende Kontinuität im unaufhörlichen Verfall. Wie in der auseinander treibenden Familie.

Statt Gemeinsamkeiten dominieren Wiederholungen. Nur das Sterben durchbricht die ewige Wiederkehr des Immergleichen. Am Ende steht der Tod von Alma, nicht zufällig kurz vor Öffnung der Berliner Mauer datiert. Vielleicht beginnt mit Hauserben Philipp etwas Neues? Aber der erfolglose Schriftsteller fühlt sich außerstande, als Familienchronist die „Dokumentation einer untergegangenen Kultur“ zu leisten. Selbst zum Leben reicht kaum der Mut. Er möchte dort bleiben, wo er ist: auf der Vortreppe. Das ist sein Platz. Aber die Einsicht „Auch Nichtstun kann die Dinge zum Eskalieren bringen“ lässt den gleichgültigen Enkel zuletzt doch noch aktiv werden. Immerhin: In einem ansatzlosen Anfall von Aktivismus erklimmt Philipp wagemutig den erneuerten Dachstuhl. Und entschließt sich, mit seinen Bauarbeitern in die Ukraine zu reisen. Nicht, ohne sich vorher augenzwinkernd von den Lesern zu verabschieden. Als der große Angeber, der, so Philipp, „alles erfindet: das Wetter, die Liebe, die Tauben auf dem Dach, seine Großeltern, Eltern und seine Kindheit“.

Rittlings auf dem Dachfirst sitzend, macht er sich auf, als Baron von Münchhausen in die Welt hinauszureiten. In eine neue Zukunft: fort von Österreich, der Familie und seinem Scheitern. Auch wenn ihn die Vergangenheit verfolgt: Diesmal wird er schneller sein.

Mit „Es geht uns gut“ ist Arno Geiger ein Roman über das gelungen, was unser Leben eigentlich ausmacht: eben all jene „Kleinigkeiten, die so sehr ins Gewicht fallen“. Gerade durch Geigers Vorliebe für betont handlungsarme Passagen und sein systematisches Vorbeischauen an Großereignissen. Er bearbeitet die oberflächliche Ereignislosigkeit mit der sanften Ausdauer einer zurückgenommenen und eindringlichen Sprache. So lange, bis die Figuren, wie von selbst zu leben beginnen.

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Es geht uns gut von Arno Geiger, 2005, Hanser4.)

Es geht uns gut.
Roman von Arno Geiger (2005, Hanser).
Besprechung von Simone Dattenberger aus dem Münchner Merkur,
18.10.2005:

Träumer und Trödler
"Es geht uns gut" von Arno Geiger

"Eigentlich ist Philipp auf allen Mauern seines Lebens eine Randfigur, eigentlich besteht alles, was er macht, aus Fußnoten, und der Text dazu fehlt. Etwas in der Art, etwas in dieser jämmerlichen Schönschreibart . . ." Am Ende des Romans "Es geht uns gut", für den der österreichische Autor Arno Geiger gerade mit dem frisch "erfundenen" Deutschen Buchpreis gekürt wurde, sitzt der Schriftsteller Philipp Erlach auf dem Dachfirst seines Hauses und reitet wie ein kleiner Bub auf der Fantasie in die Welt hinaus. Der Träumer und Trödler, jetzt, 2001, 36 Jahre alt, hat von Oma Alma eine alte Villa geerbt. Er mit all seiner "familiären Unambitioniertheit" landet in dem leer stehenden Familiengehäuse.

Angefüllt mit Möbeln, in denen die Erinnerungen hausen, die er aber nicht haben will. Angefüllt der Speicher mit einer grausigen Masse aus Taubenkot und sonstigem Unrat. Dachboden: nicht ein Raum der Spinnweb-verhangenen Nostalgie, sondern ein Ekelkabinett der Natur.

Je mehr seine tüchtigen, zugleich unnachahmlich skurrilen Helfer Steinwald und Atamanov, ein ukrainischer Hochzeiter, und er das Haus ausräumen, umso mehr erfährt der Leser von Philipps Familie. Erster Rücksprung auf 1982, Dienstag, 25. Mai: Alma Sterk, die Mutter von Philipps Mutter Ingrid, geleitet uns in das Dasein einer älteren Frau, einer klugen Frau mit großer innerer Wärme. So viel (selbst-)ironisches Schmunzeln Arno Geiger (Jahrgang 1968) seinem Philipp entgegenbringt, so viel Hochachtung erweist er Alma. Sie wird 1938 und 1955, 1962, 1982 und 1989, junge Mutter und Greisin, geschildert. Ihr Mann, der Herr Minister a. D., hat Alzheimer, die Kinder Otto und Ingrid sind tot, und die Enkel kümmern sich nicht. Aber da ist kein bedauernswertes Weiberl, da ist vielmehr eine starke Persönlichkeit, die mit Schicksalsschlägen genauso ruhig und nachdenklich umgeht wie mit ihren Bienenvölkern. Geiger ist mit ihr eine ganz wunderbare Figur gelungen.

"Eigentlich besteht alles, was er macht, aus Fußnoten."
Arno Geiger

Diese großartige, jedoch leise, nie aufgemotzte Vielschichtigkeit haben die Männer nicht. Aber an ihnen lässt sich Geschichte gut erzählen - auch Geistesgeschichte, der Wandel von Einstellungen: Soziologie, leicht und blitzgescheit serviert. Richard Sterk, Anti-Nazi - hervorragend demonstriert an einer alltäglichen Arisierungsepisode -, später Minister, unemanzipierter Ehemann, sturer Vater. Peter Erlach, Hitlerjunge, dem am Weißen Sonntag, 8. April 1945, eine Welt zerschossen wird. Ihn wird Ingrids Liebe halten, so dass er nach ihrem frühen Tod nicht mehr der Verlierer sein wird als den ihn alle sehen, sondern ein guter Vater für Sissi und Philipp und ein angesehener Verkehrsexperte.

Ihnen wie auch Ingrid - dem aufmüpfig liebenden Mädchen, der einfühlsamen Ärztin, der tollen Hausfrau-Mutter - lässt Geiger an den ihnen zugewiesenen, exakt datierten Erzähl-Tagen detailliert Gerechtigkeit widerfahren. Er erzählt unangestrengt, unartifiziell, schon gar nicht besserwisserisch, er entwirft Episoden, die jeder aus dem Familienalltag kennt, sodass uns ihre Bedeutung klar wird: epochenspezifisch und zugleich überzeitlich. Die unterschiedlichen Perspektiven (je Figur) rücken Leid, Lust und Schuldzuweisungen in ein übergeordnetes Licht. Es entsteht die Gelassenheit des "Es geht uns gut" - obwohl doch so viel Verlust, so grausamer Schmerz zu beklagen ist - es entsteht "eine ängstliche, ihn (Philipp, Anmerkung d. Red.) gleichzeitig beschämende Glücksempfindung".

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