Es geht
seinen Gang oder Mühen in unserer Ebene.
Roman von Erich
Loest (1978).
Besprechung von Udo Scheer in der Frankfurter Rundschau, 12.4.2003:
Vor fünfundzwanzig Jahren, im Frühjahr 1978,
erschien Erich Loests Roman Es geht seinen Gang oder Mühen in unserer Ebene gleichzeitig
in der DDR und der Bundesrepublik. Erste freundliche Rezensionen erschienen.
Wegen seines zitronengelben Covers trug das (heute im Linden-Verlag
vorliegende) Buch im Osten den Spitznamen "Das Gelbe Buch" und
avancierte dort binnen Wochen zum Kultbuch. Zweiundzwanzigtausend Nachauflage
waren vereinbart.
Dann nahm ein literaturpolitisches Novum seinen Lauf. Prof. Dr. Werner Neubert,
gezeichnet mit Titel, wie es in der DDR üblich war, schrieb am 30. Juli 1978 in
der Wochenzeitung Sonntag: "Der ,klein-bleiben-wollende Mann'
reagiert sein Mißbehagen ab, das er selbst immerzu in sich produziert. Wenn
Loests zentrale literarische Figur sich den Luxus solcher durchweg für den
Sozialismus unproduktiver, zuweilen fast neurasthenischer Übersensibilität
leisten kann, dann wirklich nur, weil Millionen (... ) fest Entschlossener im
Lande Deutsche Demokratische Republik seit dem 8. Mai 1945 Tag für Tag und
Stunde für Stunde das getan haben und tun, was revolutionäre sozialistische
Tat, Pflicht und Verantwortung heißt!"
Mit Blick auf diesen bestellten Verriss sagt Erich Loest heute: "Es gab ja
immer dieses Auf und Ab, harter Kurs, weicher Kurs. Nach der
Biermann-Geschichte, im Frühjahr, nachdem ein halbes Jahr gestritten worden
war, da haben sie zunächst gesagt: nun mal Schluss, jetzt müssen wir wieder Bücher,
wieder Filme machen. Ein Jahr später, als das Buch da war, so lange dauerte ja
Drucken in der DDR, herrschten wieder ganz andere Verhältnisse. Da war es viel
kälter." Dabei hatte sich alles gut angelassen. Nach zehn Jahren
erfolgreicher Krimiautorschaft unter Pseudonym ließ sich Loest gern von
Freunden drängen: "Bist lange genug aus dem Knast raus, hast deinen Magen
kuriert... Nun schreib wieder was, das Hand und Fuß hat." Dazu kam
Honeckers Hoffnungssignal: "Wenn man von der festen Position des
Sozialismus ausgeht, darf es meines Erachtens auf dem Gebiet der Kunst und
Kultur keine Tabus geben."
"Also", sagte sich unser Mann, "der Prüfstein ist immer die
Praxis". Während seiner Themensuche Anfang der Siebziger beobachtet Erich
Loest: Für jene Generation, die so alt ist wie die DDR, gibt es keine
wirklichen Herausforderungen mehr und kaum Aufstiegschancen. So stattet er seine
Hauptfigur Wolfgang Wülff als DDR-Durchschnittsbürger aus, ehemals
Werkzeugmacher, dann Ingenieur in einem Kühlgerätewerk, guter Familienvater,
ehrgeizige Frau, Plattenbauwohnung und Trabant. Kaum Stoff für einen Roman also
- wäre da nicht das Urerlebnis der "Schlacht auf dem Leuschnerplatz"
von 1965.
Loest lässt seinen Ich-Erzähler Wülff mit mehreren hundert begeisterten
Jugendlichen gegen das Verbot einer Beat-Gruppe protestieren. Den historischen
Hintergrund liefern die Ereignisse um die Butlers, später Renft-Combo.
Mittendrin, zwischen Polizeiketten und Wasserwerfern, wird Wülff von einem
"Diensthund" gebissen. Bislang war die Welt klar eingeteilt: "Der
Feind stand im Westen; die Amerikaner bombardierten Vietnam (... ) nun biss mich
einer unserer Hunde, der eigentlich einen Ami hätte beißen sollen (...
)." Fortan ist sein heiles sozialistisches Weltbild erschüttert. Nicht
genug damit, dass Loest mit dieser Schlüsselepisode um den offiziell als
"Gammler-Aufstand" abgewerteten Protest ein DDR-Tabu brach, er lässt
seinen Wülff später auch dabei sein, als dessen Abteilungsleiter die täglichen
Mühen für einen besseren Sozialismus mit Herzinfarkt bezahlt. Nach diesen
Grenzerfahrungen misstraut Wülff allem, was Macht bedeutet und lehnt eine
berufliche Karriere ab - auch um den Preis seiner Ehe.
"Das Gelbe Buch" ging in Arbeitskollektiven, unter Nachbarn und
Freunden als Geheimtipp von Hand zu Hand. Es traf den Nerv der Zeit und viele
waren überrascht, dass dieser Roman die Zensurhürde genommen hatte. Bereits
1984 hatte Loest die zermürbenden Behinderungen bis zur Drucklegung und sein
Vabanquespiel um das Erscheinen des Romans aus seinem damaligen Kenntnisstand
heraus in Der Vierte Zensor, einer Publikation des in Köln ansässigen
DeutschlandArchivs, beschrieben.
Sein Motiv, die staatliche Gängelung von Schriftstellern im "Leseland
DDR" anhand neuen Materials und Erinnerungen Beteiligter nochmals
aufzurollen, benennt er im Vorwort der Neuausgabe: Alte SED-Genossen wollen sich
ihre DDR nicht schlecht reden lassen oder träumen von einem neuen
Sozialismusexperiment. Das mache es weiterhin nötig, "in alten
Dunkelkammern zu stöbern und Staub zu wischen". Staub wischt Loest in
gewohnter Abgeklärtheit. Anhand inzwischen vorliegender Akten und Erinnerungen
Beteiligter dokumentiert er in der jetzt erschienenen, stark erweiterten
Neuausgabe des Vierten Zensors (Hohenheim Verlag und Linden-Verlag 2003,
192 Seiten, 18,90 Euro) die Mechanismen der Behinderung eines seiner wichtigsten
Romane. Die Ausgabe wurde im Roten Rathaus in Berlin vor wenigen Tagen mit einem
Festakt gewürdigt, an dem unter anderen Wolf
Biermann, Rainer Eppelmann und Fritz Pleitgen mitwirkten.
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.fr-aktuell.de]
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