Erziehung vor Verdun.
Roman von Arnold Zweig (2001, Aufbau).
Besprechung von Hannelore Schlaffer aus der Frankfurter Rundschau, 12.1.2002:

Beste moralische Absichten
Aber blutarm: Arnold Zweigs "Erziehung vor Verdun"

Kleist erzählt in den Berliner Abendblättern die Anekdote von einem Soldaten, der, von einer Kugel mitten ins Herz getroffen, und, nachdem das Geschoss ihn durchbohrt hatte sowie zum Rücken wieder herausgekommen war, gesund und unverletzt weiterhin seinen Dienst erledigte. Das Wunder habe sich schließlich dadurch aufgelöst, dass die Kugel unter einem Oberkleid vom Brustpanzer abgeprallt, um den Leib herum- und hinten wieder hinausgefahren sei.

Aus ähnlich leicht verdaulichen Schrecken setzt sich Arnold Zweigs 1935 erschienener Roman Erziehung vor Verdun zusammen. Die Kugeln, die in der Somme-Schlacht von 1915 auf die Soldaten niederprasseln, umrunden weniger diese, als vielmehr den Leser. Kaum einen Toten sieht man fallen, und niemandem platzt vom Donner der Geschütze das Trommelfell. Zweig geht vorsichtig mit den Grausamkeiten des Krieges um. Zerfetzte Körperteile und Fontänen hoch aufspritzenden Blutes, wie in Erich Maria Remarques einige Jahre zuvor erschienenem Roman Im Westen nichts Neues, gibt es so wenig wie die bedrückenden Visionen, die bei Tolstoi, Zweigs Vorbild, das Hirn der Sterbenden überschwemmen. Bei Zweig ist auch das Schlachtfeld nur Anlass zu einem Landschaftsgemälde. Sonnenuntergänge und Gewehrfeuer werden mit derselben kunsthandwerklichen Sauberkeit geschildert. Höchstenfalls in der distanzierten Erzählung von einer vergangenen Schlacht spricht einer mal vom Blutvergießen, aber auch das klingt recht belehrend: "die schwitzenden Kanoniere an den Geschützen, halb betäubt von ihren eigenen Abschüssen, verlegten befehlsgemäß das Feuer vor, die Infanterie warf sich befehlsgemäß, und wie sie es gelernt hatte, gegen die französischen Trichter und Gräben und eroberte sie, sie wütete in französischem Fleisch und Blut, gab selbst Fleisch und Blut her, Schweiß und Nerven, Klugheit und Tapferkeit, Mut und Bereitschaft."

Die Vorsicht im Umgang mit dem Schrecken muss es gewesen sein, was dem Roman den großen Erfolg im Ausland und nach 1945 in Deutschland beschieden hat. Im Unterschied zu Im Westen nichts Neues, jenem Buch, das mit grausamen Todesszenen die Leser wachrütteln wollte, die sich die Hölle des Krieges noch nicht deutlich genug vorgestellt hatten, bereitet in Erziehung vor Verdun der Dichter den Krieg für Leser mit empfindsamen Nerven zu.

Aus der Tradition des 18. Jahrhunderts stammt der Roman in der Tat; schon der Titel verleugnet diese Herkunft nicht. Der Armierer Bertin, jüdischer Schriftsteller, zukünftiger Rechtsanwalt und Sozialist aus Herzensneigung, soll durch die Ereignisse und die Nachhilfe des Setzers Pahl, der die Arbeiterklasse vertritt, zur Einsicht in die Natur der sozialen und der Herrschaftsverhältnisse gebracht werden. Der Kriegsroman ist als Bildungs- und Desillusionsroman konzipiert. Zweig geht es nicht um die Unmenschlichkeit des Krieges, sondern um die Machtkämpfe der Menschen hinter der Frontlinie, nicht um das Schicksal, sondern um die Moral.

Werner Bertin ist eine Nebenfigur aus Zweigs Roman Der Streit um den Sergeanten Grischa, und wie dieser Rechtsstreit sollte auch Bertins Erziehung Teil des Romanzyklus "Der große Krieg der weißen Männer" werden. Um die Schwierigkeiten kennen zu lernen, in die Zweig mit der Aufwertung einer Nebenfigur zur Hauptfigur geriet, und um überhaupt die Probleme der Romankonzeption und des Stils zu durchschauen, lohnt es sich, das Nachwort der neuen Edition zu lesen. Eva Kaufmann, die Herausgeberin dieses Bandes der Berliner Ausgabe, arrangiert mit Geschick die Dokumente der Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte zu einer genauen Analyse des Romans. An drei Arten von Quellen, den Briefen und Aufzeichnungen des Autors selbst, den Korrekturen seiner Freunde, vor allem Lion Feuchtwangers, und den Dokumenten zur Wirkungsgeschichte macht die Herausgeberin die schwachen Punkte des Romans augenfällig.

Zweig selbst kam zunächst mit der Arbeit an seinem Werk, die Ende der zwanziger Jahre begann, nicht zurecht, weil die Hauptfigur zu blass und passiv war. Die Lösung gelingt nach langem Suchen mit der Erfindung des Pionierleutnants Eberhard Kroysing. Dieser hat im Roman einen zu Unrecht an die vorderste Front versetzten Bruder, der dort fiel, zu rächen und dabei drei Ideen des Autors in sehr deutlichen Worten auszusprechen. Lion Feuchtwanger moniert, dass Bertin im früheren Roman "manchmal zu sehr als Raisonneur und Spruchbandträger des Autors erschien" - nun übernehmen diese Rolle Kroysing und Pahl. Sie geraten nur allzu oft in eine peinliche, pubertäre Deklamation über den Lauf der Welt, über ihre Schlechtigkeit, über die Unmoral der Menschen, die im Krieg erst so recht ans Tageslicht trete. Wenn der persönliche Feind, "Herr Niggl", und der politische, die Franzosen, einmal entwischt sind, redet sich Kroysing Stärke an: "Weit kann er nicht getürmt sein, der Herr Niggl; und wenn ich ihn am Genick mit vorschleifen müsste: ich fang in mir wieder. Erst muss ich freilich mit den Herren von da drüben abrechnen, die mich aus meiner Höhle geräuchert haben." Zweig will den großspurigen Ton von Frontkameraden kopieren, seine Sprache aber bleibt selbst in solchen Momenten, weil die Kopie wörtlich ist und die Figuren kein Leben darüber hinaus haben, ihrem groben Ton verhaftet. Die Korrekturen am Stil Zweigs, die Eva Kaufmann aus Feuchtwangers Briefen als Beispiele anführt, zeigen denn auch, dass dem Freund vor allem das Pathos der Helden, das leicht dem Autor selbst anzulasten sei, missfiel. Zudem weist jede ihrer Gesten auf die moralische Absicht ihres Schöpfers hin. Wenn auch Kroysing, der den Bruder rächt, nicht gerade der ideale Mensch ist, so sind doch seine Widersacher, die Heeresführer, gründlich böse.

1935, als Zweig den Roman, vom Exil aus, in Amsterdam erscheinen ließ, waren es weniger die Kriegsteilnehmer, die darin ihre Schlachterfahrungen gespiegelt sahen, als vielmehr die Staatsverdrossenen, die durch die Auftritte der Nationalsozialisten provoziert waren und in Eberhard Kroysing ihr Sprachrohr fanden. Rezensionen aus dem Ausland kreideten die Projektion der Verhältnisse des faschistischen Deutschland in die Vergangenheit des Kaiserreichs dem Roman als Fehler an. Ein vages Widerstandsgefühl gegen den Faschismus konnte sich bei der Lektüre ebenso befriedigt fühlen wie die Hoffnungen der Kommunisten; selbst Brecht bewunderte diesen Roman trotz seiner bürgerlichen Figurenkonstellation. Die Schilderung eines Heldenlebens aus dem Ersten Weltkrieg konnte deshalb auch nach dem Zweiten Weltkrieg weiterhin Erfolge verbuchen, vor allem in der DDR. Die Dezenz, mit der Arnold Zweig die historischen Ereignisse beschreibt, lässt viele Interpretationen zu, die alle irgendeiner Erziehung des Menschengeschlechts dienen möchten. Zweigs Kriegsroman ist keine historische Erzählung, sondern ein klassischer, deutscher Bildungsroman.

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