Erzählung für einen Freund.
Roman von Halina Poswiatowska (2000, Piper).
Besprechung von
Darek K. Balejko, literaria.org:

Vom Todeslauf einer Dichterin

Eigentlich merkwürdig, dass das erste ins Deutsche übersetzte Werk der jung gestorbenen polnischen Dichterin Halina Poswiatowska (1935-1967), das in deutscher Übersetzung erscheint, gerade zur Prosa zu zählen ist. Denn Poswiatowska gilt in ihrer Heimat als eine der beliebtesten und bekanntesten Lyrikerinnen. Trotzdem scheint eben dieses Werk am geeignetsten zu sein, um die tragische Figur der Autorin selbst einem neuen Publikum vorzustellen. Die Erzählung für einen Freund ist nämlich ein autobiographischer Roman, der als eine Art Supplement zu der Dichtung der Autorin gesehen werden kann.
Im Mittelpunkt des Lebens dieser Dichterin stand immer das Herz, sowohl im übertragenen als auch im wörtlichen Sinn. Denn Halina Poswiatowska litt infolge einer verschleppten Angina aus der Kriegszeit an einem Herzfehler. Diese Krankheit machte sie seit frühester Kindheit zu einer Geisel des eigenen Körpers, jede Anstrengung konnte für sie den Tod bedeuten. So war sie zu einem Leben im Bett verurteilt und das Gefühl der Allgegenwärtigkeit des Todes sollte sie nie verlassen. An ihren Freund schrieb sie: 
Vergiß nicht, daß der Tod stets in meiner Nähe war, zu nah, als daß ich mich nicht an seine kühle, besänftigende Berührung gewöhnt hätte, als daß ich mich nicht hätte daran gewöhnen müssen.
Paradoxerweise sind jedoch gerade Poœwiatowskas autobiographischer Roman und ihre zahlreichen Gedichte von einer erstaunlichen Lebensfreude erfüllt, die sich nicht selten auf die Liebe stützt. Die Erzählung für einen Freund ist ein Zeugnis der Stärke der Autorin, der es gelungen war, trotz des ständigen Bewußtseins der Zerbrechlichkeit ihres Lebens, das Leben jeden Tag zu feiern und sich der Liebe hinzugeben. Die Tragik liegt darin, daß die Liebe eine zu große Belastung für das kranke Herz war, daß gerade die Liebe [sie] zum Tode verurteilt hat. 
Zwei verschiedene Geschichten scheint der Roman zu erzählen: Die einer unheilbar kranken jungen Person, deren Leben sich zwischen Krankenhäusern abspielt und die doch entschlossen ist, zu leben. Die zweite Geschichte erzählt dieselbe junge Frau, die sich jedoch einer lebensrettenden Operation unterzieht. Endlich kann sie sich ohne Bedenken einer harten Arbeit hingeben und in den USA, studieren, wo sie auch operiert wurde. Aber das Herz lässt ihr keine Ruhe. Diesmal sind es nicht die anatomischen Beschwerden; es ist Heimweh, das sie nach Polen treibt trotz ihres erfolgreichen Studiums. Sie hört auf ihr Herz und kehrt in ihre Heimat zurück, wo sie nach einer mißlungenen Operation im Alter von 32 Jahren stirbt.
Die Erzählung für einen Freund ist eine gute Einstimmung auf Poœwiatowskas Dichtung, denn sowohl in der Lyrik als auch in den Prosatexten lassen sich ähnliche literarische Mittel finden, so z.B die Übertragung ihrer inneren Welt auf die Landschaft.
Nach der Lektüre dieses Lebenslaufs (oder eher Todeslaufs) fällt es schwer, sofort wieder in die vertraute Wirklichkeit zurückkehren.
Halina Poswiatowska starb nur wenige Monate nach der Veröffentlichung der Erzählung für einen Freund.

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