Erzählung
eines Lebens.
Autografie von Franz
Blei (2004, Zsolnay - Nachwort Ursula Pia Jauch).
Besprechung von Oliver Pfohlmann in der Frankfurter Rundschau, 22.1.2005:
Man traute ihm alles zu
Franz Bleis "Erzählung eines
Lebens" von 1930 zeigt den Talentsucher, Trüffelfisch und Erotomanen at
his best
Müssen die Nabelschauen vergangener
Epochen ausgegraben werden, wie es jetzt der Zsolnay Verlag mit der
Autobiografie Franz Bleis aus dem Jahr 1930 getan hat? Zumindest in diesem Fall
darf man sagen: Gerade sie! Lassen Bleis Reflexions- und Erzählkünste doch
noch den Skeptiker des Genres staunen. "Alle Welt weiß genau, was man nach
dem Aufknöpfeln zu sehen bekommt. Aber es genügt die Geste, und alle Welt ist
bewegt. Das ist die Magie der Literatur", verspottete Blei den
Exhibitionismus der Roaring Twenties. Ausgerechnet Blei, könnte man sagen. Denn
diesen in Wiener und Berliner Cafés stets von hörigen Elevinnen,
hoffnungsfrohen Protegés und allerlei Gerüchten umgebenen Literaten hielten
viele für einen Pornografen. Seine Vorlieben für abseitige Autoren und Amouren
waren bekannt, ebenso die Titel der bibliophilen Lustbarkeiten, mit denen Blei
als Herausgeber betuchte Literaturgourmets beglückte, wie Die Lehrbücher
der Liebe, Das Lustwäldchen oder Die Puderquaste.
Der blassen, dandyhaften Erscheinung im klerikalen Schwarz, mit dem schlohweißen
Haar und der runden Hornbrille traute man alles zu. Man kann sich daher Bleis
Vergnügen vorstellen, als er beim Schreiben seiner Autobiografie alles tat, um
anstelle der Schaulust den Geist seiner Leser zu befriedigen. Wozu auch der überaus
exakte Stil dient, voll verwegener Satzperioden, geschliffener Paradoxien und
erlesener Ellipsen bis an die Grenzen des grammatikalisch Zumutbaren. Wie in dem
Kapitel, das jenem "süßen Mädel" gewidmet ist, das dem 16-Jährigen
einst die Unschuld verlieren half - mit seiner Synthese von Gesellschaftskritik,
Pubertätspsychologie und antiromantischer Selbstironie nicht nur ein Höhepunkt
des Buches, sondern auch der erotischen Literatur.
Mit knapp 60 Jahren "erzählte" Blei notgedrungen, d. h. aus
Geldmangel, sein Leben: "nahezu ein Privatleben", wie er schreibt, das
"ein Nichts von Schatten wirft, das als Leistung anzusprechen wäre".
Tatsächlich war der heute weitgehend vergessene Blei der bedeutendste
Literaturvermittler der literarischen Moderne. Seine Spürnase entdeckte Robert
Walser, Broch, Kafka,
Musil und viele
vergessene Dichter wie Moritz
oder Lenz, er beriet
Verleger wie Samuel Fischer, Kurt Wolff und Ernst Rowohlt und knüpfte bereits
vor dem Krieg ein europaweites literarisches Netzwerk. Nachdem er jedoch das väterliche
Erbe mit kostspieligen Zeitschriftenprojekten durchgebracht hatte, war die
finanzielle Not stärker als das "völlige Desinteressement" an seiner
historischen Person, dieser ohnehin nur "fingierten Einheit". "Es
kostet mich sehr viel Mühe, mir den Kopf so zu drehen, daß das Gesicht im
Nacken steht. Ich glaube ja immer noch, daß erst alles kommt", schrieb er
1926 seinem Freund Carl Schmitt.
Was also tun? Vielleicht sich selbst nur als
Beispiel nehmen, um statt von sich von seiner Zeit zu erzählen, ihren Ideen,
Motiven und Charakteren? Und den Leser, zunächst den zeitgenössischen, aber
vielleicht auch noch den nachgeborenen, gelegentlich daran zu erinnern, "daß
er sich hier mitlese, um nicht enttäuscht zu sein, wie er es wäre, wenn er
offenen Mundes verblüffende Mitteilung eines höchst ungewöhnlichen
Einzellebens erwartet." Wem das von Nietzsche, Mach und Freud demolierte
Ich als "zweifelhafte Personage" für ein Buch erscheint und die
allgemeine Hochschätzung des Individuums als lächerlicher Irrtum, spricht
konsequenterweise von sich nur in der dritten Person. Und wird es doch einmal
richtig intim, schrumpft Blei gar auf die unscheinbare Größe eines
"man" zusammen.
Von seinen Affären und seiner Ehetragödie erfährt der Leser wenig Konkretes,
stattdessen, dass es Menschen gibt, "die, nirgendwo eingeordnet, unfähig
sind, für eine Frau gegen alle anderen Frauen Partei zu ergreifen. Man kann von
ihnen schlankweg sagen, sie seien der Liebe nicht fähig, wenn auch immer im
Zustande der inneren Disponibilität. Vielleicht leiden sie an einem übertriebenen
Gerechtigkeitsgefühl". Umso überraschender, wenn Blei doch einmal Farbe
bekennt. Als die ebenfalls nur sparsam geliebte Mutter gelähmt auf dem
Sterbebett liegt, ohne von ihrem Schicksal zu wissen, glaubt der Sohn, ihr die
letzte Hoffnung nehmen zu müssen: "Ich habe wie in Todesangst mit der
sterbenden Mutter von ihrem Tode gesprochen, und der Schweiß lief mir übers
Gesicht, und ich konnte mir ihn nicht abwischen wie nicht die Tränen, denn sie
hielt immerzu meine Hände in den ihren, ganz fest, bis ich nicht mehr sprechen
konnte. Da lockerten sich die Hände, als ob sie mich nun freigeben und
entlassen wollte, nachdem ich alles gesagt hatte."
Faszinierender Vater
Warmherziger gezeichnet ist dagegen der Vater, die vielleicht faszinierendste Gestalt des Buches. Man merkt, dass er seinem Sohn noch über den Tod hinaus Rätsel aufgibt. Ein armer Schuster, der zeitlebens Analphabet aus Überzeugung blieb, aber seine Liebe für die Architektur entdeckte, sich das nötige Wissen am Bau abguckte und mit viel Fleiß, Sparsamkeit und einer tüchtigen Frau zum wohlhabenden Wiener Hausbesitzer avancierte. Um dann eines Tages aus heiterem Himmel seine Gattin zu verlassen und seine letzten Lebensjahre allein auf dem Land zu verbringen. Die Mutter wird über diesen Verrat halb wahnsinnig, der Vater wusste seinem Sohn auf die Frage nach dem Warum nur zur Antwort zu geben, "es sei besser so"
Freilich reibt sich der junge Blei in dieser Zeit
mehr am Reichtum dieses "Ausbeuters" als an dessen Flucht vor der
familiären Tristesse. Genüsslich führt der Autobiograf den "kritischen Jüngling"
vor, der sich, von Marx und den russischen Anarchisten berauscht, umstürzlerischen
Phantastereien und dem Gefühl moralischer Überlegenheit ergibt. Noch während
des Studiums in der Schweiz nach 1890, wo er seine spätere Frau kennen lernt,
ist Blei überzeugter Sozialist.
In Zürich und Bern, wo Blei politische Ökonomie studiert, gerät er aber auch
in die Zirkel exilierter deutscher Naturalisten. Nach einer Amerikareise lässt
sich das Ehepaar dann in München nieder, wo Blei die Redaktion der Insel
übernimmt. Dass die zweite Hälfte der Autobiografie mit den Jahren nach 1900
in eine disparate Ansammlung von mal mehr, mal weniger lesenswerten Porträts
zerfällt und Blei fast nur noch von Weggefährten erzählt, von Wedekind,
Bahr, Gide
oder Borchardt,
sogar seitenlang Passagen befreundeter Autoren übernimmt, ist symptomatisch.
Blei war zwar überall mittendrin, ein Strippenzieher. Seine eigenen
literarischen Ambitionen fruchteten jedoch wenig. Er kompensierte sein Versagen
mit selbstlosem Engagement für andere, betrieb als Talente suchender "Trüffelfisch"
literarische Mimikry, spiegelte sich in historischen Charakteren, machte sich
hinter unzähligen zeitgenössischen Bildnissen unsichtbar. Blei wurde zu einem Mann
ohne Eigenschaften. Am Ende war es der Protagonist seines Freundes Musil,
mit dem er sich am meisten identifizierte. So eitel war Blei denn doch, dass ihm
das Bild vom scheinbar alterslosen "geistigen Abenteurer" Ulrich, aus
dem nichts wurde, schmeichelte.
[...diese und weitere Besprechungen
finden Sie unter
]
Leseprobe I Buchbestellung I home 0105 LYRIKwelt © Frankfurter Rundschau