Erzähl mir vom Krieg von Gwen Edelman, Piper, 2002Erzähl mir vom Krieg.
Roman von Gwen Edelman (2002, Piper).
Besprechung von Ralf Balke aus Jüdische Allgemeine:

Konstruierte Erinnerung
Gwen Edelmans Debüt über die Liebe eines alternden Schriftstellers zu einer jungen Frau

"Was ist ein Jude ohne seine Geschichten?" Diese Frage stellt der Erfolgsschriftsteller und Holocaustüberlebende Joseph Kruger seiner Geliebten Kitty. Und die Antwort liefert er gleich mit: "Sie sind sein Zuhause, seine eigenen vier Wände, seine Arche." Kitty ist zweiunddreißig Jahre alt, als sie in einer New Yorker Buchhandlung den sechzigjährigen Joseph Kruger kennenlernt. Sie würde gerne anfangen, Bücher zu schreiben, er hat seine literarische Karriere schon hinter sich. Doch obwohl seine Schreibmaschine bereits Staub angesetzt hat, weiß Joseph Kruger Geschichten zu erzählen. Geschichten vom Krieg und von einem Europa, das es nicht mehr gibt. Geschichten, die Kitty in den Bann des alten Mannes ziehen - bis hin zu einer sexuellen Hörigkeit.

Josephs Krugers Vita gleicht einem modernen Ahasver: Geboren in Wien schicken seine Eltern ihn 1938 nach Amsterdam. Durch eine gehörige Portion Glück überlebt er die deutsche Besetzung und wandert nach dem Krieg nach Palästina aus. Doch das Leben in einem Kibbuz ist nichts für ihn. Er kehrt nach Europa zurück, wird zum Shooting-Star der Literaturszene, ist mit Günter Grass und Saul Bellow befreundet, wird mit Preisen in seiner ehemaligen Heimatstadt Wien überhäuft. Rastlos zieht er durch Europa und die USA, nirgends hält er sich länger als für ein paar Wochen auf. Bereits als Teenager in Amsterdam beginnt seine zweite Karriere, und zwar die eines Casanovas, der die Frauen gleich dutzendweise verführt, aber unfähig ist, Liebe zu empfinden. Selbst der Tode seiner Kinder läßt ihn vergleichsweise kalt.
Geschichten von Krieg und Gefahr schinden Eindruck bei einer jungen und unerfahrenen Frau wie Kitty, ganz besonders dann, wenn sie mit einem Schuß deftiger Erotik gewürzt sind. Obwohl selbst jüdischer Herkunft, scheint sie von allem restlos unberührt und ohne jegliche Identität. Kitty wirkt wie die leere Festplatte eines jungfräulichen Computers, die erst durch die Geschichten Joseph Krugers bespielt wird. „Bis ich von zu Hause weg bin, kannte ich keine Juden. Nur die aus Büchern. Meine Eltern sprachen nie über die Vergangenheit. Und weil sie nicht darüber sprachen, war sie das einzige, was mich interessierte.“
Allein die Tatsache, daß Joseph Kruger Jude, Überlebender, Playboy und Schriftsteller in einer Person ist, treibt sie in seine Nähe und in sein Bett. Eine erfahrenere Frau hätte wohl sonst die Einladung „Ich werde dich besteigen, wie ein Hengst seine Lieblingsstute besteigt“ eines maßlos egozentrischen sechzigjährigen Mannes, der zudem streng nach Limburger Käse und eingelegtem Hering müffelt, dankend abgelehnt. Aber das ist genau das, was ihre Affäre mit Joseph Kruger am Ende hervorbringt: eine erfahrenere und reifere Frau.
Erzähl mir vom Krieg ist vor allem eine Geschichte über Erinnerungen. Über die Erinnerung einer zweiunddreißigjährigen Frau an ihre bedingungslose Liebe zu einem fast doppelt so altem Mann, und umgekehrt über dessen Erinnerungen an den Holocaust und die Nachkriegsjahre sowie an seine erotischen Eskapaden mit anderen Frauen. All das wird dem Leser in kleinen Häppchen serviert, die den Charakter von kurzen Momentaufnahmen haben. Gwen Edelman beschränkt sich dabei auf zwei Schauplätze: Ein Zug auf dem Wege von Paris nach Amsterdam und eine etwas schäbige Hotelsuite in New York. Diese minimalistische Perspektive und Darstellungsweise verfehlt keinesfalls ihre Wirkung. Die Sprache ist dadurch sehr dicht, für Sentimentalitäten bleibt kein Platz – und genau darin liegt dann außer Frage auch die hohe literarische Qualität dieses Debütromans der jungen Autorin begründet.
Doch trotzdem stellt sich bei der Lektüre ein gewisses Unbehagen ein. Wer den Schekel als israelische Währung des Jahres 1948 nennt, hat bei seinen Recherchen schlichtweg geschlampt. Aber abgesehen von solchen Bagatellen sind es vor allem einige andere Umstände, die vielleicht wohl eher einem europäischen Leser aufstoßen: Gwen Edelmans Protagonist kommt eine Spur zu stark als Stereotyp und Projektionsfläche rüber. Natürlich stammt der Schriftsteller Joseph Kruger aus Wien, natürlich wird sein literarisches Schaffen nur mit Kafka verglichen. Ferner die immer wieder betonten Marotten Joseph Krugers, etwa altes Brot zu bunkern oder im Schlaf zu schreien - all das entspricht viel zu sehr den schemenhaften Klischees vom Verhalten Holocaustüberlebender.
Auch hat die zweiunddreißigjährige Kitty unzweifelhaft eine Menge mit der Autorin gemein. Beide wollen schreiben und beide leben irgendwann in Paris. Und so sagt das Buch eine Menge mehr über die Befindlichkeiten US-amerikanischer Juden der Nachkriegsgeneration aus, für die der Holocaust in zunehmendem Maße zu einem identitätsstiftenden Ereignis geworden ist.

[...diese Rezension wurde der Jüdischen Allgemeinen entnommen, der Wochenzeitung für Politik, Kultur, Religion und jüdisches Leben. Das Buch kann im Leo Baeck Bookshop, der größten Online-Buchhandlung für jüdische Literatur,  bestellt werden]

Leseprobe I Buchbestellung 0702 LYRIKwelt © Jüdische Wochenzeitung