Erzähl mir von Kuba.
Roman von Jesús Díaz (2001, Piper).
Besprechung von Fritz Rudolf Fries aus der Frankfurter Rundschau, 21.6.2001:

Dr. Stalin und das Mountain-Bike
Jesús Díaz erzählt die Geschichte einer Flucht aus Kuba

Ein Mann verbringt sechs Tage und sechs Nächte auf der Dachterrasse eines Hauses in Miami, dieser "Plastikstadt, provisorisch und ohne Wurzeln". Der Mann kommt aus Kuba. Patria o muerte, Tod oder Vaterland, heißt seit Jugendjahren der Lehrsatz seines Katechismus. Doch nun ist er hier, im El Dorado der Geflohenen aus Castros Paradies Kuba. Wir schreiben das Jahr 1994, es ist das Jahr der boat-people, die notfalls auf einer Planke rudernd Florida erreichen wollen. Miami oder Tod heißt die neue Parole. Der Mann auf dem Dach lässt sich die Haut gerben und den Bart wachsen, und die Bilder seines Lebens ziehen vorüber. Das Haus gehört seinem Bruder, "the best clown in town". Der Bruder hat vor ihm das gelobte Land erreicht und hier die Vergangenheit abgelegt, den alten Beruf, die Sprache - und den Vornamen. Ein Autor, den seine Eltern mit dem Vornamen des christlichen Erlösers belastet haben, weiß, was Kindern angetan wird, die Lenin, Stalina und Stalin heißen. Dr. Stalin Martínez heißt der Mann, der sich auf dem Dach auf seine Flucht nach Miami vorbereitet; denn er ist per Flugzeug aus einem Drittland eingereist und kann deshalb nicht als Asylant in den USA aufgenommen werden. Er muss als abgerissener Flüchtling aus dem Meer kommen. Für diese Rolle leidet er auf dem Dach.

In Havanna war der Doktor ein Zahnarzt in staatlichen Diensten. Seine Geschichte gerät zur pointierten Aneinanderreihung komisch-tragischer Niederlagen. Es sind die Niederlagen des karibischen Sozialismus. Da sein Gehalt nicht ausreicht, behandelt er die reichen Ausländer in den Touristenhotels. Die harte Währung ist der Kompass der kubanischen Unruhe. Stalins Schwester geht auf den Strich, damit ihre Mutter ein Restaurant aufmachen kann. "Die kubanische Pfanne" profitiert von einer gelockerten Gesetzgebung auf dem Privatsektor. Der Zahnarzt serviert hier am Abend den Gästen den mojito und die Gaumenfreuden der kubanischen Küche. Der Aushilfskellner aber denkt nur an seine untreue Frau, eine Tingeltangeltänzerin der Nächte von Havanna, angetan mit nichts als etwas "Zahnseide" auf dem so runden Hinterteil. Soll er sie verlassen und nach Miami gehen wie sein Bruder? Niemals. Havanna ist auch im Verfall die schönste Stadt der Welt, und seine Frau ist die Liebe, die nur einmal einen Mann überfällt wie eine unheilbare Krankheit. Doch da gerät er gegen seinen Willen auf die andere Seite der Welt. Die Fähre, die ihn täglich in seinen Stadtteil bringt, wird entführt, von einem kubanischen Patrouillenboot verfolgt, das merkwürdigerweise mit Maschinenschaden zurückbleibt. Die Stimmung auf der Fähre ist gemischt; patriotisch, solange die kubanische Küstenwache in Sicht ist, jubelnd pro-amerikanisch, als in Miami das lauernde Fernsehteam das Häuflein Passagiere empfängt und ausfragt. Ein schwarzes Mädchen entbindet auf hoher See - ist das Kind nun Amerikaner oder Kubaner? Stalin Martínez ist zusammen mit dem Fährmann der einzige, der zurück möchte. In Miami lässt er sich von seinem Bruder Lenin, der hier Leo genannt werden will, durch das Paradies eines Supermarktes führen. Kauf, was du willst, sagt der Bruder, und im Konsumrausch häuft Bruder Stalin die praktischen Dinge des täglichen Bedarfs, die in Havanna Mangelware sind. Am Ende entscheidet er sich für ein Mountain-Bike, das sein chinesisches Fahrrad in Havanna in den Schatten stellen wird.

Zurückgekehrt erwartet den standhaften Patrioten ein Fernsehteam, indes ein Polizist ihm das Fahrrad abnimmt, das ins Bild gebracht die Fernsehzuschauer verstimmen könnte. Das Fernsehteam in Miami und das in Havanna scheinen sich in ihrer Einfalt die Hand zu reichen. Schlüsselszenen des Romans, der das real Wunderbare des lateinamerikanischen Romans ins Real-Absurde verkehrt. Jesús Díaz hatte diesen Wechsel der ästhetischen Kulissen bereits in seinem Roman Die verlorenen Worte (1992) zum Programm erhoben, in einem vermutlich ausgedachten Gespräch mit Alejo Carpentier, dem Magier des real maravilloso.

Zahnarzt Martínez wird der Held des Tages, und zum Lohn für seine patriotische Tat, behaupten die Medien, hat Fidel ihm ein Mountain-Bike geschenkt. Leider entzieht Fidel der "Kubanischen Pfanne" die Lizenz. Es schickt sich nicht für die Familie eines Patrioten, ihr Geld auf so demütige Weise zu verdienen. Dafür darf der Held seine Chefin auf einem Kongress für Kiefer- und Gesichtschirurgie in Mexiko vertreten. Schwester Stalina gibt ihm einen Brief mit an den Geliebten von einst, der ein Kongressteilnehmer und gut verdienender Zahnarzt ist. Stalin Martínez, Dr. Stalin for short, wird aufgefordert, seine Thesen praktisch vorzuführen, doch es sind die Thesen seiner begabten kubanischen Kollegin. Die Angst zu versagen treibt ihn zur Flucht an, und mit Hilfe des Gelegenheitsgeliebten seiner Schwester Stalina landet er in Miami. Am sechsten Tag seiner Folter auf dem Dach - und erinnert diese nicht an die Torturen der Exilkubaner, die sich fit machen für einen Kampf gegen Castro? - besteigt Martinez das unsichere Floß. Ob die Wellen ihn an Land tragen, bleibt unserer Fantasie überlassen. "Mein Floß" steht auf den Planken, als stünde da "mein Leben". Das Blatt mit dem Datum des siebten Tages bleibt leer. Was lässt der Flüchtling zurück? In Havanna ein untreues Weib und ein gestohlenes Mountain-Bike. In Miami das Mädchen Miriam, das ihm auf dem Dach Tee und S gebracht hat und dazu in filmgerechter Erotik die Liebe ihres schönen Körpers. Obschon kubanischer Herkunft, spricht sie kein Wort Spanisch, und er nur soviel Englisch, wie die Beatles ihm vorgesungen haben. Eine in Hispanglish sich findende Liebe, ein linguistisches Pingpong-Spiel, von Klaus Laabs glänzend übersetzt.

Der vierte, Deutsch vorliegende Roman des Exil-Kubaners Jesús Díaz, Erzähl mir von Kuba, ist ein komisch-trauriges Seitenstück seiner bisherigen Arbeiten. Der sechzigjährige Díaz, der Anfang der siebziger Jahre ins deutsche und spanische Exil ging, ist ein homme de lettres, in Havanna einst Professor der Philosophie, in Berlin Dozent an der Filmhochschule. Er war und ist Herausgeber literarischer Zeitschriften. Fanden seine bisherigen Romane ihre Authentizität in der Aufarbeitung eigener Erlebnisse und Erfahrungen in Kuba, so ist dieses Buch aus den neunziger Jahren eher wie aus zweiter Hand geschrieben. Das mag ein Nachteil sein, erklärt aber bei aller auf Wirkung zielenden Dramaturgie die nostalgischen blue notes des Zahnarztes Martínez und des Autors Díaz. Es ist die Sehnsucht nach dem real Wunderbaren der kubanischen Welten in ihrer Mischung aus Sprachwitz, afrikanischen Rhythmen, Schönheit und allen kulinarischen Freuden dieser Welt. Encuentro - Zusammenkunft heißt die wichtigste kubanische Exilzeitschrift, die Jesús Díaz zur Zeit herausgibt, und die sich um einen Ausgleich der verfeindeten Landsleute in Miami und Havanna bemüht. Der Roman Erzähl mir von Kuba gehört in dieses Bild von einem Kuba der Zukunft. Entstanden ist das Buch auf der Grundlage eines Filmexposés Madrider Filmleute. Der Film kam nicht zu Stande. Wer den Roman liest, möchte den Film sehen, der auf der Grundlage des Buches entstehen könnte.

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