1.) - 2.)

Erst leben, dann spielen.
Über polnische Literatur von Marcel Reich-Ranicki,
(2002, Wallstein-Verlag).
Besprechung von Ulrich M. Schmid in der Neue Zürcher Zeitung vom 15.08.2002:

Polens Literatur
Gewürdigt von Marcel Reich-Ranicki

Wenn ein deutscher Kritiker berufen ist, über polnische Literatur zu schreiben, so ist es Marcel Reich-Ranicki. 1920 wurde er als polnischer Staatsbürger in einer Stadt geboren, deren Namen (Wloclawek) seine Berliner Gymnasiallehrer später nicht einmal richtig aussprechen konnten. 1938 wiesen ihn die Nazibehörden aus Deutschland aus, Reich-Ranicki überlebte den Krieg im Warschauer Ghetto. Nach dem Krieg begann er im kommunistischen Volkspolen seine ersten Rezensionen über deutsche Literatur zu schreiben - dieser Abschnitt seiner publizistischen Karriere ist ihm bis heute in den Namen eingeschrieben: Ranicki ist ein polonisierendes Pseudonym, das die wenig opportunen Assoziationen des Familiennamens «Reich» verdrängen sollte. Erst 1958 kehrte Reich-Ranicki nach Deutschland zurück und belieferte als Literaturkritiker bald alle grossen Zeitungen («Die Welt», «Die Zeit», «FAZ»).

In einem Band der Reihe «Göttinger Sudelblätter» gibt Reich-Ranicki nun eine Sammlung von früheren Aufsätzen und Rezensionen zur polnischen Literatur heraus. Hervorragend sind die ersten beiden Beiträge, in denen Reich-Ranicki kenntnisreich und detailliert die Rolle der Literatur in der polnischen Gesellschaft analysiert. Als problematisch erweist sich jedoch die zweite Hälfte des Buchs, in der einzelne Autoren und Werke in feuilletonistischer Kürze (und Verkürzung) vorgestellt werden. Reich-Ranicki formuliert diesen Schwachpunkt in seiner Vorbemerkung gleich selbst: Es gebe eine ganze Reihe von inhaltlichen Überschneidungen und zum Teil wörtlichen Wiederholungen, die er aber nicht habe entfernen wollen. Reich-Ranicki übersieht dabei, dass Produkte für die Tagespresse ein Verfallsdatum haben und nur im Ausnahmefall dem Konservierungsmedium Buch anvertraut werden sollten. Andernfalls geschieht genau das, was diesen Band so schwer verdaubar macht: Der Leser muss dieselben Textportionen immer aufs Neue wiederkäuen....Fortsetzung

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2.)

Erst leben, dann spielen.
Über polnische Literatur von Marcel Reich-Ranicki,
(2002, Wallstein-Verlag).
Besprechung von Dirk Uffelmann in der Frankfurter Rundschau, 26.9.2002:

Der Papst und sein Polen
Marcel Reich-Ranicki bricht eine Lanze für die polnische Literatur

Im Alter entdeckt Marcel Reich-Ranicki seine polnische Ader - und andere assistieren ihm dabei. In seiner Autobiografie Mein Leben (1999, polnisch 2000) verdeutlichte er jene Zäsur, die sein Wechsel von Polen nach Deutschland im Jahre 1958 für ihn bedeutet hatte. Fast die Hälfte dieser Memoiren ist der Zeit zwischen der Deportation nach Polen 1938 und der Rückkehr 1958 gewidmet. In den über vier Jahrzehnten, in denen er die Literaturkritik der Bundesrepublik entscheidend prägte, aber war diese persönliche polnische Vorgeschichte immer etwas im Hintergrund geblieben.

2001 erhielt Reich-Ranicki für sein Lebenswerk den Samuel-Bogumil-Linde-Literaturpreis der Städte Torun / Thorn und Göttingen für deutsch-polnische Verständigung. Wenn man seiner Vorbemerkung zu der jetzt vom Wallstein Verlag vorgelegten Aufsatzsammlung Erst leben, dann spielen glauben darf, wurde ihm selbst erst infolge einer Anregung von Heinz Ludwig Arnold , eine Anthologie aus den "polnischen" Texten des Preisträgers zusammenzustellen, klar, wie viele seiner Kritiken sich mit der polnischen Literatur befasst hatten. Der jetzt vorgelegte Auswahlband bildet eine Art nachgeschobener Rechtfertigung dafür, dass der "Papst der deutschen Literaturkritik" in der Öffentlichkeit seine polnische Seite lange hintangestellt hatte.

Der Band enthält 28 zwischen 1958 und 2001 entstandene Texte, in denen Reich-Ranicki als Makler der polnischen Literatur auftritt - Buchkritiken, Nachrufe, Dichterporträts und zwei größere Aufsätze, in denen Reich-Ranicki die interkulturellen Rezeptionshindernisse für den romantisch dominierten Kanon der polnischen Literatur erörtert. "Gern gelobt, doch wenig gelesen", titelt einer davon.

Unter den besprochenen Autoren der Nachkriegszeit begegnen die anerkannten Avantgardisten Bruno Schulz, Jaroslaw Iwaszkiewicz und Witold Gombrowicz neben dem Literaturnobelpreisträger Czeslaw Milosz, die Satiriker Lec und Mrozek neben dem deutschen Lieblingspolen Andrzej Szczypiorski, aber auch heute weniger gelesene Autoren wie Jan Parandowski oder Antoni Slonimski. Der Leser findet darin mehr oder weniger treffende Urteile; Szczypiorski schätzt Reich-Ranicki, wenngleich mit Sympathie, doch ambivalent ein; Gombrowicz' Schuldarstellung in Ferdydurke hält er für eine "billige Karikatur", was zwar zutrifft, aber doch wohl daran liegt, dass hier Gombrowicz auch formal, mit gezielt schlechtem Schreiben, das Unbehagen seines in die Schule zurückversetzten Helden wiedergibt.

In nahezu jedem Text findet sich die Formel vom außerhalb Polens unverdientermaßen unbekannten Dichter; bei einigen ist dies - auch dank Reich-Ranicki - heute nicht mehr ganz zutreffend. Um diese - noch oder einstmals - Unbekannten einem deutschen Publikum näher zu bringen, greift Reich-Ranicki gerne zur Krücke eines deutschen Pendants, zu Metaphern wie der vom polnischen Kafka Bruno Schulz oder vom polnischen Dostojevskij Hlasko. Bei  holt Reich-Ranicki gleich ganze Bataillone von Lichtenberg-, Schlegel-, Novalis-, Heine-, Schopenhauer-, Nietzsche-, Kraus-, Ringelnatz- und Kästner-Fans ab. Nur Mrozek vermag als "echte und seriöse Sensation" für sich zu stehen.

Einen roten Faden der im Band versammelten Kritiken stellt die politische Dimension dar. Der genaueste Essay des Bandes (von 1959) rollt die politischen Rahmenbedingungen für die Literatur in der unmittelbaren Nachkriegszeit zwischen Stalinisierung, Entstalinisierung und Restalinisierung auf. Für jüngere Leser vielleicht überraschend ist, dass auch der Säulenheilige Milosz 1963 von Reich-Ranicki noch durch die politische Brille betrachtet wurde, als er, damals polnischer Diplomat in den USA, mit dem kommunistischen Regime brach. Im zweiten Text über Milosz von 1980 klingt die politische Note kaum noch nach.

Bei vielen Nachkriegsliteraten, besonders bei Lec und Mrozek, sieht Reich-Ranicki eine zensurbedingte Tendenz zu Kompromissen oder Verallgemeinerungen, welche direkte politische Kritik einhüllten - und der Literatur so gar größere Universalität und Komplexität verliehen.

Das gilt nicht für den "wütenden" Hlasko., der zum Symbol der rebellierenden Generation der Tauwetter-Periode wurde und nach Reich-Ranickis Meinung von 1959 den Widerpart für seine polemische Literatur brauchte und deswegen nach seiner Emigration 1958 "im Grunde verstummte". Hier hätte der heutige Leser doch gerne in einer Fußnote erfahren, ob sich diese Prophezeiung denn auch bewahrheitet hat - sie hat es nicht.

Die Lektüre erschwert stellenweise, dass die älteren Kritiken selbst da nur inkonsequent gekürzt wurden, wo Realia klar überholt sind; etwa dass Polen "zur kommunistischen Welt" gehöre, wurde nicht herausgenommen. Eine behutsame Aktualisierung hätte dem Buch gut getan. So aber verstärken die teilweise überholten Realia den Eindruck, man höre aus der Ferne einen einsamen Rufer, der Aufmerksamkeit für die ignorierte polnische Literatur fordert.

So ist es das unbestrittene Verdienst des Buches, dass der immer noch stimmgewaltigste deutsche Literaturkritiker seinen Namen für die Sache der polnischen Literatur in Deutschland in die Waagschale wirft. Vielleicht steht gar planvolle Absicht des Verlags dahinter, dem Buch den Titel Erst leben, dann spielen zu geben, damit eine elektronische Recherche nach seinen Memoiren mit den Suchbegriffen "Reich-Ranicki" und "Leben" eben auch diese Sammlung zutage fördert. Dennoch: Reich-Ranickis Ruf nach mehr Geltung und vor allem mehr Lesen für die polnische Literatur wird gewürdigt und als verdienstvoll eingestuft - und wieder nicht beherzigt werden.

Und wenn sein Ruf auch breites Gehör fände, so müsste sich dies für Reich-Ranickis Buch selbst paradox auswirken: Ihm sind Leser zu wünschen, um die polnische Nachkriegsliteratur zu entdecken. Eigentlich noch mehr zu wünschen wäre also: dass Reich-Ranicki bald beiseite gelegt und direkt die polnischen Schriftsteller gelesen würden. Denn immer noch, auch nach 44 Jahren von Reich-Ranickis Botschafterrolle für die polnische Literatur in Deutschland, gilt es, den polnischen Kafka, den polnischen Dostojewskij, den polnischen Heine zu entdecken. Wie hießen sie doch gleich?

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