Zu Doris Lerches Gedichtband “erst sex dann krieg/erst krieg dann sex”

"ich töte und bin ein mensch geblieben
kommt alle her wir wollen uns lieben“

Krieg und Sex, zwei nicht unbedingt weit voneinander entfernte, aber auch nicht unbedingt extrem verwandte Dinge. Abgesehen davon, dass sexuelle Repression nachweislich zu Aggressionen und in der Folge zu Gewalt führen kann (kann, wohlgemerkt!), sind es wohl vor allem die enormen ästhetischen Potenziale und die derzeitigen medialen Ausformungen, in denen die beiden Begriffe wesensnah sind; auch in ihrer Allgegenwärtigkeit, der Ikonographie und der Verbreitung ähneln sie sich. Im 21. Jahrhundert haben sich diese Dimensionen noch einmal verstärkt und Worte wie Voyeurismus und Pornographie werden mittlerweile auch häufiger verwendet, um Gewaltgeilheit und Berichterstattung aus Kriegsgebieten zu beschreiben.

In Doris Lerches Gedicht- und Collagenband „erst sex dann krieg/erst krieg dann sex“ werden Krieg und Sex auf eine eher saloppe, aber nichtsdestotrotz nachdenklich stimmende Art und Weise verknüpft. Das Besondere an dem Band ist zunächst einmal die Aufmachung: Man kann das Buch von beiden Seiten lesen und entweder mit dem Krieg beginnen oder mit dem Sex. Allein schon diese Wahlmöglichkeit regt den Leser im besten Fall dazu an, sich Gedanken zu machen über die inneren Mechanismen und Kräfte, die unterhalb unserer Präferenzen wirken.

„punkt punkt komma strich
fertig ist der süße mond
unbewohnt
seit guernica
schwebt er zwischen krieg und lust“

Die vielen Facetten und Motive, die der Band in beiden Fällen dann auffächert, sind nicht unbedingt an ihre beiden großen Oberthemen gebunden, auch wenn sie sie immer wieder einbinden. Es werden aber auch viele andere Anspielungen eingeflochten, Lebensideen, Kritisches, Hintergründiges und Märchenhaftes. Die ungeheure Dynamik, die Lerches Sprache in jedem neuen Gedicht – von 0 auf 100 in drei bis vier Zeilen – erreicht, die irritierenden und zugleich sinnstiftende Verwendung von Reimen, sowie Tempowechsel und plötzliche Kippmomente, machen den Band zu einer äußerst eigenwilligen, inspirierenden Erfahrung. Ein heftiger Witz, eine aggressive Komik, schwingt oft mit, blüht auf und zwischen dem, was einem um die Ohren geschlagen wird bzw. fliegt.

„es stirbt herr müller stirbt herr meyer
qualvoll unterm friendly fire“

Bei all dem zielt die Lyrik weniger auf Diskrepanzen ab als auf Zusammenhänge, auf eine Verbindung, eine Zusammenführung. So sehr darin auch hierhin und dorthin verwiesen wird – die Bewegung der Texte führt am Ende meist durch ein Nadelöhr, eine Art der Conclusio. Die Collagen haben in ihrer Morbidität dagegen eine zersetzende Wirkung, brechen ihre Motive auf zu schablonenhaften Lügen – es wird deutlich, dass sie nur in ihren Zusammenhängen Verheißung bzw. Grauen abbilden können. Der Kontrast ist die Entlarvung. Diese unterschiedlichen Richtungen in der Wirkung der beiden gewählten Genres, geben dem Band einen zusätzlichen Reiz.

Ein sehr lebendiges, funkenschlagendes und gleichsam nachdenklich stimmendes Buch. Sex und Krieg, diese Schlagwörter begleiten uns jeden Tag, mindestens 50% aller Meldungen handeln davon, drehen sich darum. Das Bemerkenswerteste ist, dass Doris Lerche sich in diesem Band nicht damit zufriedengibt, aus dieser Tatsache irgendein Kapital zu schlagen. Sie geht in jedem ihrer Texte ein Stück weiter, fügt die eigene Note hinzu. Das macht ihre Gedichte erfahrbarer und vielfältiger als jede Zeitungsmeldung. Und so widersetzt sich das Buch am Ende seinem eigenen Titel und geht darüber hinaus.