Erste und letzte Storys.
Erzählungen von Raymond Carver (2002, Berlin-Verlag - Übertragung Hartmut Frielinghaus).
Besprechung von Jens Dirksen in der NRZ vom 21.02.2003:

Kurze Schnitte, kleine Schritte
Mit den "Ersten und letzten Storys" ist die Raymond Carver-Ausgabe des Berlin Verlags abgeschlossen - und ein neuer Klassiker fertig

Bevor der Berlin Verlag seinen ersten Band mit Erzählungen von Raymond Carver vorlegte, hätte man den Mann hierzulande leicht für den Erfinder von Skiern mit Taille gehalten. Vorbei. Heute ist Carver längst der Anstifter eines Short-Story-Booms, einer Renaissance der Kurzgeschichte, wie es sie seit Hemingway nicht gegeben hat. Carver-Verehrer Ingo Schulze etwa nannte sein Nachwende-Panorama aus dem ausverkauften nahen Osten Deutschlands "Simple Storys", weil es aus Episoden gebaut ist wie Carvers Vorlage zu Robert Altmans Filmklassiker "Short Cuts". Und die Ausnahme-Debütantin Judith Hermann, ebenfalls Carver-Fan, darf auch ein zweites Buch lang bei Geschichten bleiben, wo ihr früher ein Roman abverlangt worden wäre. Carver indes, der Dichter unter den amerikanischen Prosaschreibern, tat gut daran, sich kurz zu fassen. Ihm, der sich als "Zigarette mit einem Körper dran" bezeichnete, blieben 50 Lebensjahre, bis ihn 1988 der Lungenkrebs dahinraffte. Für Literaten ein James-Dean-Alter. Auch das trug wohl zu seinem Ruhm, zu seiner Wirkung bei. Über seinem Schreibtisch hing der Satz von Ezra Pound: "Fundamentale Präzision der Aussage ist die einzige Moral des Schreibens." Präzision geht bei Carver bis ins einzelne Wort, weil er keines zu viel macht. Die Lakonik des Stils, die kurzen Sätze sind es, die seine Prosa retten. Sie spielt in Häusern, die kein Zuhause sind - Kulissen für die ganz gewöhnlichen Alltagsdramen notorischer Verlierer und Normalmenschen. Kleine Welten ohne Notausgang, aber mit Scheidung, Schnaps und Schulden. Fallhöhe entsteht erst, wenn jemand sie erzählt. Unsicher, nervös, über Kleinigkeiten stolpernd: Carvers schlaf- und glücklose Figuren könnten zu Bukowskis werden, wenn sich nicht etwas aufbäumen würde in ihnen und dagegen, auf der Straße zu landen.

Der Carver-Sound und die Wahrnehmung

Da reichte schon ein Hauch von Mitleid und Gefühligkeit aus, und man wäre mitten im Kitsch. Nichts davon: Der Carver-Sound rührt aus dem Gegensatz von Text und Melodie. Was bei anderen wie Schuld und Versagen aussieht, weil nur vom Verhalten statt von den Verhältnissen die Rede ist, wird hier sichtbar als seelische und soziale Mechanik. Das macht Carvers Geschichten im eiskalten Fahrtwind des immer schneller zirkulierenden Kapitals so anziehend.

Doch die Wellen der Wahrnehmung bleiben wunderlich: In den achtziger Jahren hatte der Münchner Piper Verlag zwei Carver-Titel herausgebracht - ohne Resonanz. Jetzt hingegen ist mit dem vierten Band, den "Ersten und letzten Storys", die Carver-Ausgabe des Berlin Verlags komplett, die kongenial von Hartmut Frielinghaus übersetzt wurde - und es gibt einen neuen Klassiker.

Der Abschlussband riecht allerdings etwas nach Devotionalienhandel. Anfangs, das wird an den frühesten Erzählungen deutlich, traute Carver seiner Lakonik noch nicht und motzte seine Geschichten mit dramatischen Wendungen, symbolgeladenen Vorahnungen und psychologischen Übermotivierungen auf. Ihm misslingt auch mal eine Parodie, er verkrampft sich zu antiken Sujets. Aber dann die Geburt des Erzählers aus dem Schweigen: "Harrys Tod" ist der neunte Text dieses Bandes, aber der erste Carver. Ähnliches gilt für die postum veröffentlichten Geschichten: Drei, vier Goldstücke sind darunter, den Rest hätte Carver sein Lebtag nicht veröffentlicht.

Unser Bild vom Erzähler Carver ist rund. Aber eigentlich schrieb er Stories, um sich die Zeit zwischen zwei Gedichten zu vertreiben. Der Lyriker Carver bleibt zu entdecken.

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