Errötende
Mörder.
Roman von Brigitte
Kronauer (2007, Klett-Cotta ).
Besprechung von Nicole Henneberg aus Frankfurter Rundschau, 14.11.2007:
Ein Mann steht am Fenster und beobachtet die Straße.
Jeden Morgen vollzieht er das gleiche Ritual: Er schaut den Fahnenmast gegenüber
an, betrachtet ein Bild seiner Sammlung, berührt drei verzierte Tischchen;
eins, eins, drei flüstert er vor sich hin. Niemandem wird er sein heimliches Glück
verraten, denn die Welt draußen verachtet ihn als zwanghaften Spinner und Müllsammler.
Er ist ein Einsamer, der sich vor der Unverständlichkeit und Verrohung der Welt
in seine häusliche Trutzburg verkrochen hat, bis unter die Decke mit kaputten
Gegenständen vollgestopft, die er stolz mit den Beständen berühmter Museen
vergleicht.
In Brigitte Kronauers neuem Roman "Errötende
Mörder" ist er eine der Hauptfiguren, die ihren Wahn als Aufgabe
begreifen, im Alltag über hauchdünnes Eis balancieren und gleichzeitig über
ihre Ungeschicklichkeit spotten.
Die Jury der Darmstädter Akademie für Sprache und Dichtung, die Brigitte
Kronauer 2005 mit dem Büchner-Preis
auszeichnete, lobte sie als eine Meisterin des Vexierspiels - "Errötende Mörder"
ist eine kühne, erzählerisch brillante und dabei höchst unterhaltsame
Fortsetzung dieses Spiels.
In drei Geschichten, verbunden durch eine schmale Rahmenhandlung, testen die
Protagonisten das Netz der Realität auf seine Tauglichkeit; am extremsten der
manische Sammler, der jede Form der Verständigung für ausgeschlossen hält und
hinter den glatten Fassaden der Nachbarhäuser bodenlose Gewalt vermutet.
Immer weiter löst sich im Empfinden der Figuren die dünne Grenzlinie zwischen
Leben und Tod auf, immer stärker empfinden sie ihr Leben nur noch als höfliche
Simulation, die sich mit ihrem Scheincharakter schon fast abgefunden hat - fast.
Das wird lustvoll und opulent erzählt, und je alltäglicher eine Szene beginnt,
je vernünftiger die Motive der Personen zuerst wirken, desto tiefer und
skurriler gerät der zwangsläufige Absturz.
Es ist das anarchisch Bedrohliche hinter dem Normalen, das Kronauers Figuren
fasziniert, wobei der obsessive Blick aus dem Fenster ihnen nicht nur die Welt
erklärt, sondern ihr eigenes Naturell spiegelt. Irgendwann müssen sie sich
doch hinauswagen, und die mitunter höchst komische Katastrophe beginnt, wenn
etwa statt der silberlockigen Nachbarin ein volltrunkener Vamp auftaucht.
"Alles Pappkameraden" stößt Papierwarenhändler Böhme hervor, als
er vor dem Fenster die üblichen Vorstadtbewohner mit eingefrorenen Gesichtern
sieht. Zu seinen Kunden ist er liebenswürdig, sein Geschäft floriert, und dass
er glaubt, gefühllos zu sein, verrät er nur einem Schriftsteller. Der schickt
ihn mit dreien seiner Manuskripte zu einem "heilsamen"
Gebirgsaufenthalt - wohl wissend, was er in E.T.A.
Hofmannscher Manier tut.
Wenn das Gebirge ins Spiel kommt, wird es ernst, das wissen die Leser von
Brigitte Kronauer; doch ist ihr neuer Roman, motivisch so exakt konstruiert wie
der vorherige, der heiterste, bissigste und rasanteste, den sie je geschrieben
hat. Schon in "Verlangen nach Musik und Gebirge" (2004) war das
Hochgebirge ein nach außen gestülptes Seelenbergwerk.
Auch jetzt manifestiert sich das Unbewusste der Figuren mal spielerisch, mal
bedrohlich in Bergwiesen, bei Nordic Walkern und auf abgelegenen Hütten. Über
hysterisch quietschende Geröllhalden wandert Böhme jeden Tag zu einem
idyllischen Aussichtspunkt, um sein Lesepensum zu erfüllen und in die
strahlende Landschaft einzutauchen. Sie wird zu betörend geschildert, um wahr
zu sein, und man spürt die vergnügte Häme des Erzählers, als der naive Leser
mit Haut und Haar im albtraumhaften Sog der ersten beiden Geschichten versinkt.
Nach den lähmenden Ängsten des Sammlers überrollt ihn nun der Tod in Gestalt
eines Seniorenbusses, dessen Passagiere nichts mehr zu verlieren haben: Sie
wissen, dass man sie für Müll hält. In grausam kühlen Sätzen wird dieser
Todesausflug erzählt und von einer Offstimme zuerst sarkastisch, dann mitfühlend
kommentiert, bis sie ihre Liebe zum letzten und leidenschaftlichen Widerstand
bekennt.
Vier Modelle eines absehbaren Unterganges werden hier, ganz auf die Kraft des
poetischen Augenblicks vertrauend, klug und ironisch durchgespielt. Ihre
tragische Seite zeigen sie nicht in einem Mangel an Leidenschaft - wie in
"Verlangen nach Musik und Gebirge" -, sondern in einem Überschuss,
den die Physis nicht mehr aushält.
Anders als bei Wilhelm
Genazino, dessen Figuren ihren Körper als Totalität erleben, empfinden
Brigitte Kronauers Sinnsucher die Haut nur als eine Grenze unter vielen, die
sich mit den Mittel der Kunst überschreiten lässt.
Die Erzeugung des Lebens mit diesen Kunstmitteln ist das Thema der dritten
Geschichte, nach dessen Lektüre Böhme endlich versteht, dass er in einer
"entsetzlichen Berg- und Mordwelt" gelandet und jeder Gewaltexzess möglich
ist. Wie der Erzähler anmerkt, ist er nun mit literarischer Wegzehrung von Eichendorff
über Robert Walser
bis Jelinek
"bedeutsam ausstaffiert" und folgt endlich seiner Mordlust - aber da
ist dieser wunderbare Roman leider zu Ende.
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