Eros und Asche von Bodo Kirchhoff, 2007, FVA1.) - 2.)

Eros und Asche.
Freundschaftsroman von Bodo Kirchhoff (2007, Frankfurter Verlagsanstalt).
Besprechung von Martin Lüdke aus Die Zeit, Oktober 2007:

Das Ende eines Zeitalters
Der Apotheker hat seine Faust in das Fell des Dackels gedrückt, seine Frau reibt ihre Fingerknöchel gegeneinander. Leise tickt die Standuhr.

M., der Freund, wippt mit den Knien, und der junge Bodo Kirchhoff empfindet die ganze Situation als »eine Art Folter«. Es stehen Kekse auf dem Tisch, der Autor überlegt, sekundenlang, ob er damit den Dackel auf seine Seite ziehen könnte. Eine groteske Szene, die sich, später, als »Nagelprobe« ihrer Freundschaft erweisen wird. Kirchhoff war mitgegangen zu dem katholischen Elternpaar, »um die Schwangerschaft einer der Töchter als gemeinsame Tat zu gestehen«. In dem »Schweigen dieser beiden Leute, nachdem das Ungeheure heraus war«, einer endlosen Peinlichkeit, wird die lebenslange Beziehung der beiden Internatsschüler besiegelt. Von Abtreibung kann keine Rede sein. M., der Freund, fürchtet zu Recht um seine Zukunft. Beide Mädchen müssen die Schule verlassen. Die Jungs, gemeinsam in einem Zimmer untergebracht, rücken nun noch näher zusammen. Aus Kindern wurden plötzlich Männer.

Eros und Asche heißt der neue Roman von Bodo Kirchhoff. Ein Freundschaftsroman, der das Frühlingserwachen beschreibt, den Ort des Ursprungs, und (natürlich vergeblich) versucht, etwas von der Glut, die damals entfacht wurde, am Lodern zu halten. Die Freundschaft kannte, als sie entstand, noch keine Grenzen. Sie findet später, deshalb, auch kein Ende.

Am 20. August 2005 wird Bodo Kirchhoff von einer Nachricht auf seiner Mailbox überrascht - »mit schleppender Stimme« gesprochen, hört er die Worte: »Hier ist die Lebensgefährtin von deinem Freund«. Noch bevor sie ausgesprochen ist, hat er die Botschaft verstanden. Später wird er dann schreiben:

»M. starb im Spätsommer, sein Tod fiel auf einen noch strahlenden Tag, morgens schon warm, schräge Sonnenstrahlen in einem Kiefernwald, also wohl Harzduft und vermutlich das Klöppeln von Spechten, einem Wald bei seinem versteckten See (nördlich von Berlin), zwischen den Kiefern versteckt ein paar Hütten, je ein Raum mit zwei Schlafplätzen und Kochecke H., die Gefährtin, hatte entsprechende Fotos geschickt, auf einem sie, blond zerzaust, im Türrahmen der Hütte, mit ernstem Blick in die Kamera, auf einem anderen M., noch halb im Schlafsack, ein greiser Pfadfinder.«

Es war der Wunsch des Freundes gewesen, ihre Geschichte zu erzählen.

»Pack unsere Dinge in einen Roman.«

Doch die Lektüre dieses Romans, der eher einem Tagebuch gleicht, irritiert. In jeder Zeile spürt man den Willen, ja den Zwang, dieses Buch zu schreiben. Doch lange bleibt offen: warum. Der Tod des Freundes bietet den Anlass. Erinnerungen werden wach. Dazu kommt das schlechte Gewissen (je)des Überlebenden. Aber: Es geht nur nebenbei um den Freund. Mehr geht es, wie immer bei diesem Schriftsteller, um ihn selbst, Bodo Kirchhoff.

Nicht nur, weil M., der verstorbene Freund, wenig Besonderheiten zu bieten hatte. Er sammelte Bücher. Er lebte, von jeher, mit der Literatur. Hölderlin hat er, offenbar immer wieder, gelesen.

Benn-Verse »Spät im Jahre, tief im Schweigen / dem, der ganz sich selbst gehört, / werden Blicke niedersteigen, / neue, Blicke, unzerstört« waren ihm wichtig. Er ist Arzt geworden, hat aber, konsequent wie er wohl zeitlebens war, als er selbst erkrankte, seinen Beruf an den Nagel gehängt und sich an »seinen versteckten See« zurückgezogen, mit geringem Einkommen anspruchslos gelebt, und er ist offenbar bewusst gestorben.

Sein Wunsch, ihre Geschichte aufzuschreiben, kommt den Bedürfnissen des Autors entgegen. Nur schreibt Kirchhoff ersichtlich nicht dem Freund zuliebe. Ja, er sagt sogar offen, selbst wenn es »rettend gewesen wäre«, er hätte M. keine Niere gespendet, »eher nein«. Er schreibt aus Selbstliebe. Sein Narzissmus hatte sich damals, auch in der Freundschaft mit M., entwickelt. Diese »jungen Wünsche« treiben sein Schreiben bis heute an. Denn, das spürt er, diese »Wünsche altern nicht mit uns«. Zur Beerdigung, es wäre ihm auch von Italien aus möglich gewesen, dort hinzukommen, ist er nicht gefahren. Dafür schreibt er. Das Schreiben hilft, den Tod zu verdrängen, ihn sogar, zeitweilig, ungeschehen zu machen. Diese Tatsache kommt seinem Narzissmus entgegen. Denn: Die Toten leben, wenn wir es nur wollen.

Nicht nur die Erinnerung hält sie lebendig, mehr noch unsere Weigerung, ihren Tod zu akzeptieren. Johann Peter Hebels Unverhofftes Wiedersehen erzählt von einer alten Frau, die als junge Braut ihren Bräutigam bei einem Grubenunglück verloren hat. Nach Jahrzehnten wird der Bergmann, wie unversehrt, aus dem Stollen geborgen. Ihr Warten wurde belohnt - und, nebenbei, wird daran die Wirkungsmacht solchen Willens sichtbar. Auch Bodo Kirchhoff, der über Jahrzehnte hin von seinem Freund mit der Forderung verabschiedet wurde: »Halt die Ohren steif« kann diese Worte noch hören, obwohl ihr Sprecher längst begraben ist.

Vermutlich lässt sich aus dieser Tatsache das etwas befremdliche Verfahren erklären, das Bodo Kirchhoff für seinen neuen Roman gewählt hat, weniger Erinnerungen aufzurufen, sondern von der Gegenwart zu berichten. Es gehe ihm zwar um den Freund, sagt er, aber dabei gehe »es nicht weniger um das Heute, um eine Chronik der laufenden Erinnerungen entlang des laufenden Geschehens«. Also um seinen Alltag im Jahr 2006.

Vermutlich will Kirchhoff seine Pubertätsgeschichte, diese »lang zurückliegende, unerledigte Liebe«, die zwar »homoerotisch mit jeder Faser«, aber »mit keiner homosexuell« gewesen sei, wieder aufladen, indem er sie in den laufenden Ereignissen der fortlaufenden Gegenwart spiegelt. Einmal erzählt er von der »Glückssucht« seines Freundes, einem Sehnen, in dem er doch nur seine eigenen Sehnsüchte gespiegelt sieht.

Das Zeitalter des Narzissmus, wie Christopher Lasch noch 1980 seine Diagnose unserer Gesellschaft betitelte, ist vorbei. Auch der Typus des Narzissten hat sich in der Folge der globalisierten Verhältnisse gleichsam verflüchtigt. Kirchhoffs Haltung erscheint darum unzeitgemäß, seine Lebensgeschichte brüchig, denn die erinnerte Vergangenheit und die beschriebene Gegenwart gehen nicht ineinander über. Der Wechsel vom Heute ins Damals erscheint eher mechanisch.

Kontinuität gibt es nur in der Freundschaft.

Solche intensiven Freundschaften können sich nur entwickeln, wenn die Menschen noch offen, unfertig, auch unsicher sind, in ihren Gefühlen und Empfindungen, ebenso in ihren Erwartungen vom Leben, gemeinsam suchen, tasten, probieren. Sie verlieren auch nach Jahrzehnten nicht ihre Qualität. Deshalb spielt es keine Rolle, dass der Autor nur wenig von dem Freund zu erzählen weiß. Fluchtpunkt aller Erinnerungen, von den gelegentlichen Treffen, der späten Krankheit, bleibt die frühe Nähe, die Aufbruchs- und Ausbruchsversuche, wie damals die Reise nach Rom, mit den beiden Schwestern.

Solche Episoden, wie der gemeinsame Bußgang, sind selten. Es dominiert die Gegenwart. Doch ihr Glutkern liegt in der Vergangenheit. Die Freunde sind gemeinsam Männer geworden. Sie haben ihre Hoffnungen, Sehnsüchte, sogar ihre Fantasien geteilt. Sie sind sich, heute eine exotische Vorstellung, in der gemeinsamen Lektüre nahe gewesen.

Ihre Wege sind nach der Schule auseinandergegangen, obwohl M. ganze vierzehn Jahre noch mit Bodo Kirchhoffs Schwester zusammengewesen war.

Sie haben gelegentlich telefoniert. Kirchhoff hat von seinen Reisen in die große, weite Welt öfter Karten geschrieben. Viel zu erinnern gab es nicht mehr. Doch viel zu verlieren: das alte Inbild des möglichen Glücks. Darum musste Bodo Kirchhoff dieses Buch schreiben: Eros und Asche, auch ein Abgesang auf eine Epoche, das Zeitalter des Narzissmus.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.diezeit.de]

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Eros und Asche von Bodo Kirchhoff, 2007, FVA2.)

Eros und Asche.
Freundschaftsroman von Bodo Kirchhoff (2007, Frankfurter Verlagsanstalt).
Besprechung von Wolf Peter Schnetz aus den Nürnberger Nachrichten vom 7.11.2007:

Nie ohne Zigarette
«Asche und Eros»: Bodo Kirchhoff liest in Fürth

Beim LesArt-Festival stellt Bodo Kirchhoff seinen Roman «Asche und Eros» am 10. November (20 Uhr) im Kulturforum Fürth vor. Kirchhoff erzählt autobiografisch von einer lebenslangen Freundschaft bis zum plötzlichen Tod des Wegbegleiters, der selbst im erotischen Umfeld nie ohne Zigarette anzutreffen war.

«Es gibt ein Gedächtnis für alles, was sich mit Rauchen verbindet, so präzise wie das für starke Filmszenen. Ihm ging es um das Dreieck Mund mit Zigarette, Hand mit Feuerzeug und den Blick darauf, um das Zusammenspiel der drei Pole und um die Spannung daraus. Es war die immer neue Ouvertüre zu einer Sucht . . . ein Akt für sich.»

«Asche und Eros» ist ein Titel, der dem Barock mit seinem Lebensgefühl von lustvoller Gegenwart und sehnsüchtiger Todesnähe entspricht: «Wir vergehn wie Rauch von starken Winden.»

Bodo Kirchhoff kehrt zurück zu den Grundzügen seines Erzählens als «Abtragen eines Erinnerungsberges», um ihn an anderer Stelle als Geschichte neu zu errichten. Damit verlässt er die Erzählspur seiner Stoffe seit «Schundroman» (2002), worin er sich an das Innenleben seiner Figuren bis zum äußerst Banalen heranschreibt wie in «Die kleine Garbo» und «Der Prinzipal» (2007).

Gescheiterter Freund

Diesmal ist das Erzählen authentisch, glaubwürdig bis ins tiefste Gefühl. Der Autor, der wechselweise in Drittperson und als Ich-Erzähler auftritt, widmet seinem letztlich gescheiterten Freund M. (Michael Päselt) ein literarisches Requiem. Von der ersten Begegnung an im Internat am Bodensee ist es die Zigarette, die als Symbol für Glut und Asche die Beziehung der beiden bestimmt.

Frauen, Freunde, Ärzte, Literaten versammeln sich in ihrem Dunstkreis. Auf abenteuerlichen Reisen, der Autor mit Schreibblock, der Freund mit umgehängter Fototasche, unentbehrlich die Zigarette, werden Bilder eingefangen und gesammelt, die sich dem Verflüchtigen widersetzen. Im Mittelpunkt stehen Frankfurt, Berlin, der Gardasee und Lissabon. Der Freund, ein Arzt und Neurologe, der in den Anfangsjahren der Erfolgreichere von beiden war, stürzt ab in die Sucht, in Krankheit und bittere Armut.

Der Tod wurde billigend in Kauf genommen. Er kam plötzlich. Mit 58 ist das Leben für den Kettenraucher zu Ende, der als Arzt und Fotograf immer ein begnadeter Beobachter war, der diskrete Erkunder eines dunklen Gebiets, der wusste, dass man das Ableben auch ganz nüchtern als «maximalen Verlust von Gesundheitspunkten» betrachten kann oder als Flucht, wie man’s nimmt.

Die Aufrichtigkeit, die das stets gegenwärtige Bild des Freundes auch als Selbstporträt mit Zigarette beschreibt, überzeugt und besticht, ein Doppelporträt, hier ist’s gelungen!

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter Nürnberger Nachrichten]

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