Eros von Helmut Krausser, 2006, DumOnt

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Eros.
Roman von Helmut Krausser (2006, DuMont).
Besprechung von Teresa Grenzmann im Münchner Merkur, 6.9.2006:

Liebes-Mosaik
Erscheint jetzt: Kraussers "Eros"

Schneetreiben, Dunkelheit, ein Schloss, ein todkranker Aristokrat, sein wortkarger Diener, ein großes Geheimnis. Schauermärchengleich beginnt Helmut Kraussers neuer Roman "Eros", und vieles würde man zu diesem Zeitpunkt dahinter erwarten, nicht aber eine unheilbare Liebesgeschichte, die 1944 in einem Luftschutzkeller bei München beginnt und 1985 auf der Flucht vor der Stasi an einem Straßenrand bei Leipzig endet.

Ein unkonventioneller, adliger Märchenopa ist es, den Krausser in seiner lustvoll altmodisch abenteuerlichen Rahmengeschichte heraufbeschwört: Alexander von Brücken diktiert einem eigens herbeigeholten Autor, dem Ich von "Eros", den ungewöhnlichen Weg einer Liebe, welcher sein Leben gewesen ist. Ein Märchen? Mit der Ausgangssituation im Schloss verleiht Krausser der bewegten Historie, obwohl erst gut 50 Jahre alt, tatsächlich etwas provokant Entrücktes. "Was geschrieben steht, ist auf gewisse Art geschehen", rechtfertigt von Brücken selbst das zweifelhafte Mosaik seiner liebessehnsüchtigen Erinnerungssteinchen.

Doch nicht Liebe verspricht Kraussers Buchtitel, sondern Eros: "eine komplexe, vielschichtige Kraft, unter der man am Ende zerrieben werde, immer jedoch mit dem Gefühl, nicht ganz allein und unwichtig zu sein". Gern würde von Brücken diese Kraft in seiner "Geliebten" Sofie finden. Doch weil sie - "mehr Idee als Person" - ihn nicht wiederliebt, sucht er die Macht im Geld: Jahrzehntelang wird der Besessene seiner personifizierten Leidenschaft unbemerkt folgen, wird Sofies finanziellen wie anwaltlichen Schutzengel spielen, sich heimlich die Begleiterrolle erkaufen, die sie ihm nicht einräumen will.

Es scheint nur so, als halte von Brücken alle Fäden in der Hand: Er ist in diesem dramatisch ernsten Spiel das Opfer. Denn geschickt stellt Krausser den Kapitalisten vor eine ungünstige historische "Kulisse": Erst fallen die letzten Bomben über München und verschärfen das Gefälle zwischen arm (Sofie) und reich (Alexander). Dann wird Sofie Mitglied des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes, verübt Bankraube für die Revolution und geht mit Ulrike Meinhof als Idol nach Berlin, wo ihr Alexander in der Nacht des 2. Juni 1967 das Leben rettet.

In "Eros" erschreibt sich Helmut Krausser eine Zeit, die der 1964 in Esslingen Geborene nicht miterlebt hat. Doch mühelos gelingt es ihm, sich an den Tatsachen entlang zu dichten, fiktiven Möglichen zu hangeln. Im Präsens reihen sich die Ereignisse wie in einem Deutschlandalbum Bild für Bild aneinander - manchmal als bloße Stichworte aus den Geheimdienstakten Sofies. Es ergibt sich eine reizvolle Konfrontation: Wodurch unterscheidet sich denn die private Bespitzelung noch von der staatlichen? Kann es überhaupt eine Rechtfertigung für den Raub von Privatsphäre geben?

Nicht nur einmal fragt von Brücken seinen Biografen und indirekt auch seinen Leser: "Was hätten Sie getan?", und es gehört zu den rhetorischen Anziehungsgrößen des Romans, dass der ihn stets antwortlos seinen Schuldgefühlen überlässt. Mit solchen Bitten nach postumer Fremdlegitimation streift Krausser auch - und nicht unironisch - die aktuelle Frage nach der Macht der geschriebenen Biografie: Könnte sie am Ende gar den Eros eines Lebens relativieren?

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Eros von Helmut Krausser, 2006, DumOnt2.)

Eros.
Roman von Helmut Krausser (2006, DuMont).
Besprechung von Ulrich Steinmetzger aus der NRZ vom 13.11.2006:

Ein letztes großes Solo
Natürlich wieder einmal kein Roman wie jeder andere: Helmut Kraussers handlungspraller, aber leicht überdrehter "Eros".

Ein Leben neigt sich dem Ende zu, und einer will reden. Wir sind im neuen Roman von Helmut Krausser und Alexander von Brücken, Jahrgang 30, ist Fabrikbesitzer. Er residiert in einem neugotischen Herrenhaus in Oberbayern, und Geld spielt keine Rolle mehr. Aber etwas anderes, und darüber will er reden: Eros. Also hat er einen Schriftsteller in seine Kammer gebeten. Nie aber geschieht bei Helmut Krausser etwas im Kammerton. Er orchestriert genialisch dröhnend wie in einer Mahler-Sinfonie. Es gibt viele große Themen und noch mehr kleine Sentimentalitäten. Und es gibt dieses Ankomponieren gegen den Wettlauf mit dem Tod. Einer, der mit Macht gelebt hat, will sich im finalen Satz der Macht des Papiers anvertrauen. Was nicht erzählt ist, geht verloren. Als Hintergrundrauschen wird im Garten derweil das Mausoleum errichtet, im Vordergrund intoniert Alexander der Große acht Tage lang sein letztes großes Solo vor dem Schriftsteller. Der soll es zu einem Roman formen, denn er ist der beste "von allen Künstlern, die ich kenne". Eitel ist es schon, wenn Helmut Kraussers Alter Ego, dieses Lob gar nicht bescheiden und noch weniger ironisch kommentiert: "Ich hätte nie gedacht, dass er solch sicheren Geschmack besaß." Am Ende folgen ein paar editorische Sätze, die sagen, dass wir die siebzehnte und letzte Fassung lesen. Hört zu, denn ich bin wichtig. Und leicht habe ich es mir nicht gemacht.

Hoher Ton mit Abstürzen

Und dann liest man die tagelangen Erzählungen, ist gebannt von ihrem hohen Ton und befremdet von ihren Abstürzen, ist fasziniert und genervt in einem. Man liest von einer Jugend in der Nazizeit und einem Vater, der Humanist und überzeugter Deutscher war und seine Kinder mit einer Würde erzog, die in der Größe erhaben und in der Not stoisch war. Leibliche Berührung war ihm stets etwas unangenehm, und als ihn 1944 ein Minister des Führers besuchen kommt, um die Rüstungsproduktion seiner Werke anzukurbeln, zeigt er ihm stattdessen seinen mit Leidenschaft entworfenen Überlebens-Bunker. Er wird abgekanzelt und an der Demütigung zerbrechen. Das ist eine große Szene, weil sie nicht nur Wucht hat, sondern auch feine Nuancen.

Alexanders Lieblingsort in jener Zeit ist der Luftschutzkeller. Dort nämlich liegt der 14-Jährige mit Sofie im selben Bett. Er ist ihr nah, ohne sie je zu berühren. Und er wünscht sich die Bomben, um "bei brennendem Deutschland ... den Duft ihrer Scham erschnüffeln" zu können. Wie auch immer: Es muss krachen bei Krausser. Die 50 Mark, für die er ihr später den ersten Kuss abkaufen wird, werden zur Initiation einer lebenslangen Besessenheit. Sie, Kind von Angesellten der väterlichen Firma, kommt von unten, er von ganz oben: zwei Parallelen im Unendlichen, von denen er voll Pathos und unfreiwilliger Komik im Rückblick erzählen wird. Und von einer ins Groteske gesteigerten Abhängigkeit vom Eros. Das Buch ist die Geschichte einer Suche und einer Sucht: handlungsprall, detailreich, doch als Konstrukt überdreht. (NRZ)

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