Ernte 23 von Gerhard Ochs, 2004, RitterErnte 23.
Erzählung von Gerhard Ochs (2004, Ritter).
Besprechung von Helmut Schönauer -
schoenauer-literatur.com, 2004:

Bei diesem fruchtigen Titel denkt man auch als Nichtraucher zu allererst an eine Zigarette. Aus alten Inseraten, als im Spiegel noch für Rauch geworben werden durfte, steigt der Duft von Bonn und Kleinbürgertum auf, alles riecht goldig und erfolgreich.

Tatsächlich lässt sich Gerhard Ochs Erzählung wie ein Stück Wunder aus der Nachkriegszeit an. Der Icherzähler ist Schelm, Held eines Bildungsromans und mit wachsender Zeitgenosse.

Der Bogen der Ereignisse und Einschätzungen reicht von:

"Ich bin ausgebombt, das Weltbild zertrümmert" (10)

"Ich bin Lichtminister" (38)

"Helmut Kohl ist tot" (40)

"Ägypter malen, was sie wissen" (51)

"Mein Dasein hat schon immer mehr gestimmt als dass es gestimmt hat und zwar als Angst." (55)

bis hin zum mythologisch unterlegten Scince-Fiction-Finale:

"Riesige Geier, die noch Jahrs zuvor Papageien waren, haben in meiner Leber eine Bleibe gefunden. Ich bin außerdem überall verletzt und kann seit Wochen nicht mehr sprechen, deshalb wird Perry Rhodan meine Worte ergreifen: MAN WIRD MICH SCHON WIEDER HINDEICHSELN." (122)

Der Ich-Erzähler schlüpft durch alle Lücken jeglicher Klassifikation und Ordnung, als Schelm taucht er ab, wenn eine Epoche in den Zustand der Verfestigung eintritt, als Beobachter von außen schreit er freche Parolen in den Court der Akteure und sich selbst bringt er mit Rollenwechsel und Angepasstheit durch die Gezeiten.

Natürlich verwechselt der Held immer wieder Sachen, reduziert große Ereignisse auf spektakuläre Merksätze oder macht Gerüchte zu Tatsachen. Leicht eingenebelt von Ernte 23 lässt der Erzähler nie Zweifel aufkommen, dass sich deutsche Universalgeschichte mit Behaglichkeit am besten erzählt.

Gerhard Ochs hat einen skurrilen Schelmenreigen geschaffen, worin sich das Wissen in Schräglage ausbreitet. In einem Geviert aus Heimatkunde, Provinz, Vaterlandsstolz und Anarchie liegt das Leben von unheimlichen Kräften an die Hirnschale gedrückt fallweise ziemlich eng an. In den Pausen des Parforcerittes fließt das Lexikonwissen zäh in die Mitte des Hirns zurück und verklumpt sich dort zu neuen Gebilden und Einsichten. - Eine tolle Art, Wissen aufzumischen und sich selbst dabei nicht zu verlieren.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter WOZ Die Literaturdatenbank des Österreichischen BibliotheksWerks - Medium]

Leseprobe I Buchbestellung 1216 LYRIKwelt © H.Schönauer/Rezensionen-online