Erlkönig.
Roman in 64 Bildern von Olga Flor (2002, Steirische Verlagsgesellschaft).
Besprechung Christian Teissl aus Rezensionen-online *LuK*:

Scheitern als Lebensform
Über Olga Flors Romandebüt "Erlkönig"

Bei den österreichischen Autoren der jüngeren Generation hat das Erzählen Konjunktur. Die Romane von Daniel Kehlmann, Thomas Glavinic und anderen sind dafür beispielhaft; auch Peter Truschners Debüt "Schlangenkind", ein autobiographischer Kindheitsroman, steht ganz in dieser Linie. Was sie kennzeichnet, ist ein zumeist distanziertes, kühles, in hartem Tonfall vorgetragenes Berichterstatten aus einer abseitigen, randständigen Perspektive heraus.

Dies gilt in besonderem Maß auch für die 1968 geborene Grazer Autorin Olga Flor, die nun ihr Romandebüt "Erlkönig" vorgelegt hat. Auch dieser Text ist erzählerisch, auch er transportiert so etwas wie einen Plot, auch in ihm geht es um die möglichst schonungslose Darstellung eines zeitgenössischen Wirklichkeitsausschnitts - und dennoch darf man sich, schlägt man das Buch auf, keine in breitem Erzählton vorgetragene Geschichte erwarten; denn erzählt wird von der Autorin auf eine Weise, die das Erzählte, den Weltstoff, der dem Text zugrunde liegt, fragmentiert und zersplittert.

Dem Leser ergeht es dabei wie jemandem, der durch ein Museum wandert: Er sieht hier eine surreale Skulptur, dort ein kubistisches Gemälde, einen Raum weiter ein farbenprächtiges Gruppenbild in Öl, und gelangt erst nach und nach zu der

Erkenntnis, daß alles das miteinander zusammenhängt, einen gemeinsamen "Sinn" ergibt, etwas wie eine Geschichte. Nicht von ungefähr nennt Olga Flor ihren Text einen "Roman in 64 Bildern", denn es sind keine Kapitel, geschweige denn erzählerische Einheiten, die sie aneinander reiht, es sind vielmehr kurze Momentaufnahmen aus unterschiedlichsten Figurenperspektiven, es sind mitunter geradezu filmische Szenen, Situationen, Begegnungen, manchmal überhaupt nur kurze, tagebuchartige Aufzeichnungen; das alles steht in einer lockeren Chronologie, in der das Nebeneinander mitunter ebenso viel Gewicht hat wie das Nacheinander. An keiner Stelle wirkt das Buch überladen, die Autorin behält, so sehr sie auch im Hintergrund bleibt und es vermeidet, kommentierend einzugreifen, alle Fäden in der Hand und versteht es, sie zu verknüpfen und die Knoten dann wieder zu lösen.

Seiner Anlage nach ist das Buch eine Familiengeschichte, allerdings nicht im Sinne einer Saga, sondern vielmehr im Sinne einer Bestandsaufnahme: Geschildert wird der Zustand einer nach außen hin intakten, nach innen aber zerbröckelnden Industriellenfamilie, der Maier-Meiensteins. Das Hauptaugenmerk der Erzählerin gilt hierbei der jungen Generation, von der Elterngeneration erhält lediglich der Firmenvater, der "Fürst" Karl-Adolf, einigermaßen Kontur. Er ist die geheimnisumwittertste Figur des Romans. Wiewohl ihn noch am ehesten die Aura dessen umgibt, der die Zügel in die Hand nimmt und sie auch zu halten vermag, ist auch er ein Untergeher, einer, der in seinem Inneren von der eigenen Position im Getriebe des Tages längst Abstand genommen hat und dessen Weg zunehmend in kindliche Verwirrung und schließlich in die Isolation führt.

Sein Sohn Titus ist eine haltlose Existenz. Er läßt sich treiben, steht am Rand und bleibt dort stehen, in lethargischer Beharrlichkeit.

Auch Titus" Cousine Elisabeth scheitert, trotz ihrer Angepaßtheit. Sie, die sich als einzige ihrer Generation in den familiären Betrieb zu integrieren versteht, ist eine in sich zutiefst gespaltene Figur; in ihr kommt jener Konflikt zum Ausbruch, der unterschwellig das gesamte Romangeschehen bestimmt: Es ist der Konflikt zwischen zwei einander entgegengesetzten Bereichen: der von Rationalität bestimmten Welt des Konzerns, des beruflichen Fortkommens einerseits und dem unberechenbaren Ineinander von Lockungen, Verlockungen und Ausbrüchen aus der eigenen Beschränktheit andererseits. Für diesen zweiten Bereich steht die titelgebende Chiffre des Erlkönigs; in ihr fallen Verlockung und Untergang in eins. Dem entspricht in der Anlage des Romans auch der Tod, den seine beiden Protagonisten, Elisabeth und Titus, am Ende finden: "Die Reifen des rutschenden Wagens hatten die Erde freigelegt, gefroren unter dem harschen Schnee. Der Teich war nicht tief, und so barg man das Auto am nächsten Tag. Auf der Gerichtsmedizin dann waren sie aufgebahrt, die Kinder, eines neben dem anderen. Und weil das Wasser die Gesichtszüge ausgelöscht hatte, lagen sie in Eintracht und Frieden beisammen, als sei das Ertrinken ein Leichtes gewesen."

Auffallend ist, wie sehr die Figuren dieses Romans - obwohl dieser über weite Strecken aus deren individuellen Perspektiven heraus erzählt ist - gesichtslos, gestaltlos, ja, schattenhaft bleiben. Alle ihre Züge verblassen, je näher man ihnen kommt, sie zerfallen gleichsam inmitten einer zerklüfteten, zerfallenen Welt. Man vermag sich in der Folge nur schwer mit ihnen zu identifizieren, zu verschwommen und schemenhaft wirken sie in all ihren Handlungen und Motivationen, und selbst in Rede und Gegenrede bleiben sie kryptisch. Auch die Autorin selbst scheint keinerlei Sympathie für sie zu hegen; sie geht zu ihnen auf Distanz, und diese Distanz überträgt sich über weite Strecken auch auf den Leser. Sie läßt ihre Charaktere in ihrer Halt- und Hilflosigkeit allein und registriert dies alles - Verfall und Untergang, Lethargie und Exzeß - mit einer nüchternen, schonungslosen, bisweilen auch staccatoartig gehetzten Sprache. Immer wieder überläßt sie ihre Sprache aber auch den Figuren, läßt diese das Wort ergreifen, und gerade in diesen Passagen ist die Sogwirkung von Flors Sprache am stärksten, in ihnen wird aber auch offenkundig, wie sehr nahezu alle Figuren Gefangene ihrer eigenen Rede und der darin manifest werdenden eingeübten, nicht hinterfragten Normen sind.

Das Buch hinterläßt einen bitteren Nachgeschmack; die Atmosphäre, welche erzeugt wird, ist beklemmend, die anhaltende Düsternis wird lediglich durch die trockene Ironie, die bisweilen in einzelnen Schilderungen und vor allem in der Figurenrede aufblitzt, ein wenig aufgehellt. Der Roman vermeidet es konsequent, "konstruktiv" zu sein, er ist vielmehr im Wortsinn heillos, das allerdings auf eine virtuose, beeindruckende Weise. Olga Flor rührt an viele Wunden: zunehmender Realitätsverlust, Beliebigkeit in Denken und Handeln und die vielfach unbemerkte Isolalation des einzelnen - das alles wird in und zwischen den Zeilen ihres Textes angesprochen; Form und Inhalt sind dabei vollkommen zur Deckung gebracht.

Dieses Prosamosaik, mit dem sich eine neue Autorin vorstellt, ist, so ernüchternd und verstörend seine Lektüre auch sein mag, ein Text von Gewicht; zudem erscheint es als die Ouvertüre zu einem größeren, noch breiter angelegten Romanprojekt, das von Olga Flor zu erwarten ist.

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