Erledigungen vor der Feier von Tilman Rammstedt, 2003, DuMont1.) - 2.)

Erledigungen vor der Feier.
Roman von Tilman Rammstedt (2003, DuMont).
Besprechung von Markus Köhle, 200
3:

Eine Gebrauchsanweisung für die Liebe kann und darf es nicht geben. Dennoch, das was der 1975 geborene, 2001 mit dem Open-Mike-Preis gekürte Tilman Rammstedt in seinem Debüt macht, kommt dem nahe.

Freilich gibt er weder wohlwollende Ratschläge, noch stellt er verbindliche Regeln auf, er beleuchtet Beziehungsgeschichten einfach. Das heißt er beleuchtet sie nicht bloß einfach, sondern so, dass vorgeführt wird, warum, wie es zu etwas gekommen ist und dass dies, so man es anders gemacht hätte vielleicht nicht dazu gekommen wäre (quasi Umkehrschluss!).

Klingt, zugegeben sehr vage, ist aber tatsächlich sehr aufschlussreich (fast hätte ich vor Überschwang "erleuchtend" geschrieben). Thematisch bedingt (es geht ja um ungeglückte Liebe) herrscht ein leicht melancholischer, larmoyant-selbstanklagender Ton vor, doch ist die Schreibe weder trocken-traurig, noch langweilig-lustlos, sie ist schlicht treffend.

Formal besteht der Roman (?) aus 21 Episoden, die nicht miteinander verknüpft sind und zum Teil recht abgründig wirken. Durch diese bisweilen grotesken Geschichten verliert man den roten Faden der eigentlich vorgeführten Beziehungsgeschichte jedoch nicht, sondern sieht ihn vielmehr erst wieder deutlicher, konzentrierter. Diese absurden Ausritte bieten Gelegenheit, Gelesenes anhand persönlich Gelebtem zu überprüfen und man muss es meist respektvoll verifizieren.

Das tut (geschundenen Herzen) natürlich wohl, gibt einem das (zwar kläglich-billige, aber immerhin) Du-bist-nicht-allein-Gefühl. Trotzdem ist "Erledigungen vor der Feier" kein sich jedem eröffnendes Trost+Rat-Buch, denn den Erfolg muss man sich erarbeiten, indem man des Autors Sprache (das Wesentliche bleibt unausgesprochen aber erahnbar) knackt.

Das sind ja auch die wahren, schöneren Erfolge, wenn einem etwas nicht leicht fällt. Für bibliophile Leser sei noch erwähnt, dass das Cover zu einem zweiseitigen Poster entfaltbar ist, das dermaßen gelungen ist, dass man am liebsten drei Exemplare davon (einmal als Schutzumschlag, zweimal als Poster für die seit dem letzten Beziehungsende kahlen Wände) hätte.

Und übrigens, mit dem Gros dessen, was momentan unter neuer, junger Literatur oder diversen beliebigen Etiketten kursiert, hat dieses gelungene Buch nichts zu tun.
Auch gut.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.autohr.at]

Leseprobe I Buchbestellung 0305 LYRIKwelt © Markus Köhle


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Erledigungen vor der Feier von Tilman Rammstedt, 2003, DuMont2.)

Erledigungen vor der Feier.
Roman von Tilman Rammstedt (2003, DuMont).
Besprechung von Jan Karsten aus dem titel-magazin, 2003:

Kräfteraubende Unverbindlichkeit
Tilman Rammstedt seziert das Nichtzusammentreffen seiner Protagonisten und bleibt in der Schwebe

2001 gewann Tilman Rammstedt mit seinem Kurzgeschichten-Zyklus Ausflug mit L. den
Literatur-Nachwuchswettbewerb „Open Mike“ in Berlin. Die Verlagsscouts hefteten sich an seine Fersen, und nun präsentiert der Verlag DuMont das Romandebüt des 1975 geborenen Rammstedt gleich an erster Stelle im neuen Programm – und schraubt so die Erwartungen hoch.
Erledigungen vor der Feier sind zunächst einmal sehr sorgfältig gebaute kleine Episoden – erzählt von einem vorsichtigen, ja ängstlichen Erzähler, einem distanzierten Beobachter, der sich dazu zwingen muss, traurig zu sein oder wütend oder wenigstens so zu tun: „Ich übte sogar vor dem Spiegel, begeistert zu sein.“

Ein fast ängstlicher Erzähler

Begeisterung wäre aber vielleicht auch ein bisschen zu viel verlangt, schließlich steckt Rammstedts Held mitten in einer sehr verwirrenden (Nicht)Beziehung zu L. Die beiden machen eigentlich alles, was ganz normale Liebespaare auch tun, bloß das Eine nicht, oder doch, einmal, aber dann nicht wieder, dann konzentrieren sie sich wieder auf Sachen, die sie besser können: „Gut waren wir im Kaffeetrinken, gut waren wir im Musikaussuchen fürs Frühstück, gut waren wir im gemeinsamen Zähneputzen. Nicht gut waren wir im Miteinanderschlafen.“
Rammstedt seziert sehr genau das Nichtzusammentreffen seiner beiden Figuren, ihre Strategien und Gegenstrategien und Gegengegenstrategien, die längst zur Routine geworden sind. Die sprunghaft flirrende L. und der zurückhaltende Erzähler haben sich eingerichtet in ihren Paralleluniversen, und aus seinem Universum heraus beschreibt der Erzähler die unerreichbaren Welten um ihn herum. Gerade seine Beziehung zu L. bleibt schemenhaft und ungewiss. So ist das einzige Foto, das er von ihr besitzt, eigentlich ein Foto von ihm, und nur ungenau gespiegelt im Fenster ist L. zu erahnen, die auf den Auslöser drückt. Unentschlossen treibt das Paar durch sein seltsames Leben: „L. zog sich einen Mantel an und wir gingen los. Los ist aber leider keine Richtung.“
Alles bleibt unentschieden in Rammstedts wunderlichem Buch, leider auch das Interesse des Lesers. Und am Ende, nachdem die Atmosphäre der „kräfteraubenden Unverbindlichkeit“ quälend genau etabliert ist, nachdem die Beziehung mit L. vorüber ist, oder auch nicht, wird gefeiert:„... es muss gefeiert werden, weil sich alles vertagt, weil sich alles entschieden hat, weil man Fragen stellt, ... es muss gefeiert werden, weil das ja wohl ein Anlass ist, weil diese Anlasslosigkeit ein Anlass ist ...“

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.titel-magazin.de]

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