Erklärte Nacht von Durs Grünbein, 2002, Suhrkamp1.) - 2.)

Erklärte Nacht.
Gedichte von Durs Grünbein (2002, Suhrkamp).
Besprechung von Nico Bleutge in der Stuttgarter Zeitung vom 12.4.2002:

Venedig buchstabiert
Durs Grünbeins neuer Gedichtband "Erklärte Nacht"

In seinem literarischen Tagebuch "Das erste Jahr" setzt sich Durs Grünbein an einer Stelle kritisch mit den schriftstellernden Kollegen aus dem Prosafach auseinander. Die Schreibenden seiner "Generation", meint Grünbein, verlören sich auf der Jagd nach Authentizität in der Oberfläche des Alltags, sie besäßen kein Gespür mehr für das hinter den Phänomenen lauernde Allgemeine: "Der ungeheure Boom junger deutscher Prosaliteratur hat weniger mit einem Mangel an Lebenserfahrung zu tun als mit dem Unvermögen, sich in der Menschheit wiederzuerkennen." Text: Mit dem unreflektierten Eintauchen in die schillernden Dingwelten der Schaufenster und Werbespots geht für Grünbein fehlendes Bewusstsein historischer Tiefe einher: "Dass die Welt, die sie beschreiben, nur durch hauchdünne Membranen von Ovids Metamorphosenkosmos getrennt ist, entgeht ihrem Neugeborenenblick." Nicht allein die Prosa, auch das zeitgenössische Gedicht, davon ist Grünbein überzeugt, könne sich dem Panoptikum der Dinge nur schwer entziehen und verfalle dem "verfluchte(n) Kolumnen-Stil" der Zeitungen und Kataloge. Es sei denn, der Dichter verfügt über eine Perspektive jenseits der Säuglingsoptik, besitzt also die assoziative Kraft und die poetischen Mittel, um die lackierte Oberfläche aufzubrechen.

Der Vers ist ein Taucher

Durs Grünbein hat von seinem ersten Gedichtband "Grauzone morgens" an versucht, genaue Wahrnehmung mit Reflexion zu verknüpfen. Er macht Ernst mit einem Denken in Bildern und Vergleichen, indem er alle Anschauungs- und Wissensbereiche für sein höchst formbewusstes Schreiben nutzt. Das titelgebende Gedicht seines neuen Lyrikbandes "Erklärte Nacht" spricht davon: "Der Vers ist ein Taucher, er zieht in die Tiefe, sucht nach den Schätzen / Am Meeresgrund, draußen im Hirn. Er konspiriert mit den Sternen." So entstehen polyphone, ins Allgemeine wie in die historische Tiefe ausgreifende lyrische Konstellationen: "Metaphern sind diese flachen Steine, die man aufs offene Meer / Schleudert vom Ufer aus. Die trippelnd die Wasserfläche berühren, / Drei, vier, fünf, sechs Mal im Glücksfall, bevor sie bleischwer / Den Spiegel durchbrechen als Lot. Risse, die durch die Zeiten führen."

War es in den Gedichtbänden "Schädelbasislektion" und "Falten und Fallen" vor allem die naturwissenschaftliche Diktion der Nerven und Knochen, die den Gedichten ihre Tiefenschicht verlieh, so hat sich seit dem Band "Nach den Satiren" eine Art geschichtsphilosophischer Betrachtungsweise in den Vordergrund geschoben, die unsere Gegenwart mit der Dekadenz des späten Rom kurzzuschließen trachtet. Auch in "Erklärte Nacht" ist dieses Motiv in vielen Texten spürbar. Daneben tritt aber eine Tendenz zum rein Philosophisch-Erklärenden hervor - und eben jenes "Erklären", in das Grünbein die Anlehnung an Arnold Schönbergs "Verklärte Nacht" umschreibt, bekommt vielen der neuen Gedichte nicht gut.

Suche nach überzeitlicher Warte

Es scheint, als bemühe sich Grünbein zunehmend um das Paradox eines objektiven Blickwinkels, als suche er, dem das Wörtchen "Ich" schon immer verdächtig war, nach dem sprachlichen Äquivalent einer überzeitlichen Warte. Statt auf ein wie gebrochen auch immer daherkommendes lyrisches Ich oder die in früheren Versen gern benutzte Ich-Du-Konstellation stützt er viele seiner Gedichte nun auf anschauungsarme Begriffe, vor allem auf das pseudoobjektive Pronomen "man".

Freilich gibt es immer noch sehr genaue Formulierungen und sinnlich aufgeladene, intensiv nachwirkende Bilder zu entdecken. Die erste der fünf Abteilungen dieses Bandes etwa zeigt den Dichter als Reisenden, der den Seifenschaum auf den Bordsteinen von Florenz registriert oder die unscheinbaren Kleinigkeiten in einer umbrischen Landschaft: "Es fing mit dem Kies an, der anders klang hier. Weit vorm Schritt / Weckte das Rascheln die Eidechse auf, ein schlankes S auf der Flucht. / Ein weiblicher Schriftzug, der über Steinchen und Grashalme glitt." Auch hat Grünbein seine formalen Fertigkeiten noch verfeinert. Wie er den langen Vers meistert, über Seiten hinweg immer wieder Spannungs- und Schwebezustände erzeugen kann, wie er mit den Metren jongliert, wie er - wenngleich nicht immer motiviert - verschiedene Reimschemata kombiniert, das ist durchaus beeindruckend.

Doch schon die Gedichte über Venedig, die den erwähnten florentinischen Skizzen nachfolgen, verlieren ihre Lebendigkeit und die Möglichkeit des Gleichgewichts an verallgemeinernde Formulierungen wie "Überwältigt, zieht man den Kopf ein" oder "wie sonst definiert man Kultur". Sie antworten auf die kritisierten Venedig-Topoi nur mit anderen bekannten Ansichten und einfachen Kalauern: "Enttäuscht buchstabiert man Venedig, und es klingt wie ,Erledigt’." Und ein Stück mit dem Titel "Arabia Felix", entstanden nach einer Reise in den Jemen, entpuppt sich als Sammelsurium von arabischen Märchenmotiven, Spott und Ressentiments: "Sunnit, Schiit, Wahhabit, auf seine Art beherzigt jeder hier den Koran, / Seine schmeichelnden Suren. Im Säugling schon reckt sich der Muezzin, / Der am Mittag die Gläubigen aussaugt durch Lautsprechertrichter. / Männer in Kleidern, mit Krummdolch, tief verschleierte Frauen."

Selbst die "Neue(n) Historien", eine Fortsetzung jener ins spätantike Rom führenden Rollengedichte aus "Nach den Satiren", wollen oft nicht über das Allgemeine versifizierter Geschichte hinauskommen. Am wenigsten von dieser Diktion beeinflusst sind vielleicht die "Drei unzeitgemäße(n) Gedichte" über die DDR, in denen Grünbein noch einmal in die Rolle des zwischen allen Stühlen stehenden Grenzhundes aus "Schädelbasislektion" schlüpft, diesmal als "Jungwolf mit Mähne". Auch die Schlussabteilung enthält nicht nur Verse über das Schreiben und die Sprache, sondern unter dem bezeichnenden Titel "In einer anderen Tonart" verblüffend leicht gefügte Kindheitserinnerungen. Allerdings finden sich diese disparaten Erinnerungsbilder zuletzt wieder verflacht im Begriff, hier der "Fratze Kindheit".

Der Dichter Durs Grünbein, der sich einmal als "poeta empiricus" bezeichnet hat, lässt sich nur noch selten auf die unmittelbare Anschauung ein. Die genaue Einzelbeobachtung und die nervösen, vielstimmigen, bewusst sperrigen Bilder, für die seine Lyrik einmal zu Recht hoch gelobt wurde, hat er zu Gunsten des Bekannten, zum Bildungsgut Verfestigten und begrifflich Überladenen aufgegeben. Ob da der Neugeborenenblick nicht mehr sehen lässt?

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Erklärte Nacht von Durs Grünbein, 2002, Suhrkamp2.)

Erklärte Nacht.
Gedichte von Durs Grünbein (2002, Suhrkamp).
Besprechung von Roman Bucheli in Neue Zürcher Zeitung vom 27.7.2002:

Der melancholische Flaneur
«Erklärte Nacht» - Gedichte von Durs Grünbein

«Was bleibt, sind Gedichte. Lieder, wie sie die Sterblichkeit singt. / Ein Reiseführer, der beste, beim Exodus aus der menschlichen Nacht.» So lauten die letzten beiden Verse im Titelgedicht von Durs Grünbeins neustem Gedichtband, «Erklärte Nacht», das zugleich das Buch beschliesst. Das klingt nach Hölderlins «Was bleibet aber, stiften die Dichter» und hält mit diesem eine gefährdete Mitte zwischen Wahn und Klarheit, zwischen Aufruhr und Gelassenheit, zwischen Zerfall und Bestand. Denn gewiss, da werden noch Lieder gesungen, aber es singt eben doch die Sterblichkeit; und freilich führen die Gedichte aus «der menschlichen Nacht», aber sie begleiten eben einen «Exodus», von dem es zum Exit dann wahrlich nicht mehr weit sein muss. Und die Nacht aus dem Titel und diesem letzten Vers mag dann auch «erklärt» sein, an ihrer fortdauernden Bedrohlichkeit und Trostlosigkeit ändert dies nichts. Und wenn man sich zuletzt noch neben die «erklärte» eine «aufgeklärte» Nacht hinzudenkt, so tritt dann vollends das Widersprüchliche und nie ganz Auszusöhnende dieser Fügungen hervor. «Oder Dichtung, was war das noch?» Auf die eingangs gestellte Frage gibt sich das Gedicht versuchsweise selbst seine Antworten: «Die Kälte der Selbstbegegnung, ein Tanz zwischen sämtlichen Stühlen.»

Ein später Wanderer ist unterwegs in diesen Gedichten, entstanden um die Jahrtausendwende. In Berlin sehen wir ihn, «an Friedhofsmauern vorüberfahrend», und hören ihn seufzen: « Die haben's geschafft.» Die Lagunenstadt gehört wie selbstverständlich in dieses Itinerarium der letzten Dinge, und während er also Venedig buchstabiert, klingt es ihm wie «erledigt». Unter «umbrischem Himmel» stellt er mit Erleichterung und Genugtuung fest, dass in der Tierwelt «die Arten bestimmt sind» und «die Dinge durchleuchtet», doch hält er dann inne, denn «die Stunde war um». «Früh verliebt ins Verschwinden», heisst es einmal und ebenso lapidar wie salopp: «Der Mensch? - Ein Kadaver in spe.» Und schliesslich liest man - nun kaum mehr überraschend - vom «Diktat des Verschwindens».

Diesem melancholischen Blick enthüllt sich noch in der harmlosesten, in der aufbruchseligsten Szenerie ein memento mori : Da heisst dann Frühling auch, «zu leben und leben zu lassen, sich einzumischen ins Grosse Ganze»: Wobei immerhin der leise Zwiespalt zwischen dem ersten und zweiten Teil dieses Verses zu klären wäre, zwischen dem Gewährenlassen und der Einmischung. Das Gedicht hebt solche sophistischen Bedenken spielend auf, indem es zuletzt an primordiale Instinkte appelliert: «Denk also dran, wenn Skandal und Affäre sich überstürzen / Mit jedem Wetterwechsel, es könnte dein letzter sein.»

Doch woher nur kommt die Trauer, diese verführerische Verfallenheit an den Tod, diese Gewissheit des Schwindens und Verschwindens, so dass jede Gebärde verlangsamt erscheint, als könnte jedes Wort ein letztes und jeder Blick ein sogleich verlöschender sein? Das Gedicht «La Città Ideale» gibt ernüchternd Auskunft. «Dort», so weiss das Gedicht von den idealen, nach den Träumen der Herrscher erbauten Städten, «dort liess sichs leben.» Man muss die grammatische Ambivalenz in diesem «liess» zwischen Vergangenheit und Konjunktiv mitbedenken, um dessen doppelte Irrealität für den in der Gegenwart Lebenden herauszuhören. «Dort» hatte sich - «aus dem Fluchtpunkt tretend» - der «Einzelne im Zentrum» wieder gefunden, «nach Augenmass» war dort alles gefügt und also nach dem Mass der Menschen, angemessen mithin, in Harmonie mit dem eigenen Mass. «Dort» fand man zu sich: «Die vierte Dimension war nun die Atemstille.» Heute und «hier» dagegen: «Ein Mensch wird Zahnarzt, Architekt und Barfrau. / Im Ohr die Brandung, taucht er unter im Verkehr.» Verloren die Mitte, verschoben ins Unbekömmliche das Mass, und wo alles einst einer inneren Notwendigkeit gehorchte, herrscht nun Kontingenz und Willkür. ...Fortsetzung

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