Erinnerungen an meinen Porsche von Bodo Kirchhoff, 2009, HoCaErinnerungen an meinen Porsche.
Prosa von
Bodo Kirchhoff (2009, Hoffmann&Campe).
Besprechung von Frank Dietschreit in der Westf. Rundschau, 27.02.2009:

Die Welt als erotisches Experimentierfeld

Bis vor kurzem war Daniel Deserno ein erfolgreicher Investmentbanker und kassierte manch schönen Bonus. Vorbei. Die globale Finanzkrise hat ihn und viele Anleger an den Rand der Pleite gebracht: Die Weltwirtschaft steht kurz vor dem Kollaps.

Doch dafür hat Deserno nur das müde Lächeln eines Zockers übrig, der immer wusste, dass die Finanzwelt unter faulen Krediten, Schrott-Immobilien und Leerverkäufen wie ein Kartenhaus zusammenbrechen würde.

Viel schmerzhafter für Deserno ist, dass seine Freundin Selma ihn mit einer Attacke aufs Genital außer Gefecht gesetzt hat. Während um ihn herum die Börsen kollabieren, verliert sich der in einem Kurhotel in Badenweiler von der Genital-Verstümmelung erholende Gernegroß in nostalgische „Erinnerungen an meinen Porsche": Das hoch gezüchtete Sportauto, das er mit Leidenschaft über die Autobahnen jagte, wird für Deserno, der seinen Penis als Porsche versteht, zum Synonym für Macht und Potenz.

„Wenn ich ein Buch Ihres Autors Kirchhoff lese, muss ich danach duschen": Das schrieb einmal ein Leser an Siegfried Unseld, den früheren Verleger des Autors. Das dürfte auch diesmal manchen Lesern so gehen. Zwar hat Bodo Kirchhoff inzwischen mehrfach den Verlag gewechselt. Doch in seinem Hang, die Welt als erotisches Experimentierfeld und die Menschen als pornografische Schmuddelkinder zu verstehen, ist der Autor sich über nunmehr 30 Berufsjahre treu geblieben.

Auch wenn die PR-Maschine angeworfen und sein Porsche-Buch als wichtiger Roman zur aktuellen Finanzkrise annonciert wurden, so ist er doch vor allem eines: ein neuer „Schundroman" (so ein Buch-Titel Kirchhoffs von 2002). Denn in der Kurklinik, in der Kirchhoff manch ausgebrannte Gestalten des Medienzeitalters stranden lässt (leicht erkennbar: Sabine Christiansen, Elke Heidereich), hat der im Rollstuhl sitzenden Deserno nur ein Ziel: seine malträtierte Männlichkeit wieder flott zu bekommen. Weil die erotische Suada nicht abendfüllend ist, träufelt Ich-Erzähler Deserno ein paar Fachbegriffe aus der Finanzwelt ein. Tief schürfend ist das nicht. Warum auch? Kirchhoff will zeigen, dass Geld nicht nur gierig, sondern auch geil macht.

Selma, schwangere Kultur-Beauftragte einer Bank, möchte jedenfalls dringend das Porschewrack aufrichten. Selbiges hat Helene im Sinn, die Autorin eines „Hämorrhoidenbestsellers", die mit ihrer unappetitlichen Po-Beschauung einen Mega-Erfolg landete und darüber depressiv wurde. Das ist genauso geschmacklos wie die Idee, einen Martin-Walser-Doppelgänger in die Klinik einzuladen und aus seinem erotischen Goethe-Roman vorlesen zu lassen. Dass Deserno dabei seine sexuelle Wiedergeburt erlebt und fluchtartig die Klinik verlässt, interessiert den Leser eigentlich schon nicht mehr. Er möchte nur noch duschen gehen.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie in www.westfaelische-rundschau.de]

Leseprobe I Buchbestellung 0209 LYRIKwelt © Westf.Rundschau