Erinnerungen an die 90er Jahre von Gerald Fiebig, Yedermann, 2002Erinnerungen an die 90ger Jahre.
Gedichte+Prosa von Gerald Fiebig (Yedermann).
von Tom Schulz/Jan Röhnert aus der titel-magazin:

Generation Golfkrieg im Doppelpack

Tom Schulz zum 1.:

Dem kleinen Münchner Verlag yedermann ist es zu danken, dass nach über 5 Jahren wieder eine neue Sammlung von Gedichten und lyrischer Prosa des vielseitigen Augsburger Dichters Gerald Fiebig erschienen ist.

Fiebig (Jg. 73) zählt zu den jungen, mehr als talentierten und doch zu wenig gefragten Sprachkünstlern, um die Großverlage so gern einen Umweg machen mit der marktgängigen Empfehlung: Schicken Sie uns doch Ihren ersten Roman!

Doch schon vorher scheidet es sich, ob Pop oder Postpunk, ob Generation Golf oder Generation Golfkrieg, ob Literatur als bedingungslose Unterhaltungssatisfaktions-Bedienungsmaschinerie oder als Möglichkeitsform des (Selbst)Hinterfragens und Widersprechens. Gerald Fiebig hat sich für letzteres, nein nicht entschieden, ihm blieb wohl gar keine andere Wahl, als alles andere, als literarisch mehrheitsfähig zu werden.

Die Texte seiner Erinnerungen an die 90er Jahre, denen Zeilen und Motti von Enzensberger und Krolow, die 60er bis 80er Jahre betreffend, vorangestellt sind, lesen sich zum großen Teil als Programmtexte gegen eine deformierte Wirklichkeit:

"ich trinke fleischermeister/mit der kraft der zwei herzen & der knochensäge gottes im brustkorb/in dem ein defekter schließmuskel zuckt ..." heißt es in blutalkohol.

Lesen sich als Manifeste gegen die Betriebssysteme des vorinstallierten Lebens an einem, nach den Körpern greifenden, zernichtenden Wirtschaftsstandort. Einer Gegenwart mit dem immer noch virulenten politischen Gestern, jener gefährlichen Mischung aus nicht aufgearbeitetem Faschismus ("der tod ist ein schlachtermeister aus deutschland, lyoner aus eigener produktion; ein fleisch-wurstteig, der noch "mama" sagt, als klaus barbie die lichtleitung durchzieht ...") und neuer ökonomischer Gewalt ( " ... hier in der westlichen misswelt des freizüzigen marktes, nur viereinhalb miese greenwichstunden von der dritten entfernt ..." ) aus Abgrenzung und Globalisierung. Mit Menschen, die menschlich wohl nicht mehr sein können, unter dem Druck der Verhältnisse: "... & jeder selber versehen/mit kabale & kabelfernsehen, mit fertiggerichten/&kaffee oder tee & alle allein mit dem markt." Allein mit Sozialversicherung und Bluterpaß, mit dem Ausgang in die eigene Mündelsicherheit, allein mit der Räumungsklage und dem Pfandbrief, dem Bausparvertrag, den Depots, allein mit der Offenbarung und am Ende der Abtretungserklärung.

In Gerald Fiebigs Texten wird eigene und also Geschichte, die mehr als einen Einzelnen betrifft, aufgerissen wie eine Straßendecke: " ... verwurzelt in unseren wohnland-schaften schießen/aus den holzstümpfen unserer hände die fernbedienungen wie pilze ...". Hier wird Geschichte aufgebrochen, um tiefer zu blicken, um das Entsetzliche zu erkennen als Exkrement an der eigenen Haut, in der Bestürzung des Ausgesetztseins; resümierend: " ... dagegen helfen nicht tranquilizer noch therapien/dagegen hilft nur ein anderes leben ...".

Nicht immer kommen die Texte des Bandes so durchscheinend "einfach" und selbst-verständlich daher, so wenig bemüht wie in ein anderes leben. In einer Reihe von Gedichten verrennt sich der Autor in eine Form von Bilder- und Gedankenflutung und sieht sich zunehmend der Schwierigkeit ausgesetzt, die eigens angehäufte Materialfülle zu ordnen, was ihm leider nur zuweilen gelingt.

Gedichte wie die neue s-klasse oder die getaktete zeit werden so zu Textgebäuden, mit starkem politischen Impetus, jedoch ohne einen genauen Plan für Über- und Ausgänge, die es dem Leser ermöglichen könnten, sich darin zurechtzufinden. In gewisser Weise, scheint es mir, sind einige Gedichte Fiebigs als verspätete Kaufhausbrandhymnen zu lesen, die je nach Perspektive des Lesers (noch) zu früh oder (schon) zu spät kommen.

Zum Glück jedoch bleibt Fiebig nicht bei den Politischen Gedichten, für die die keine politischen Gedichte lesen stehen und öffnet sich anderen Geosphären, sanfteren Erschütterungen. Hierfür mag der Lissabon-Zyklus stehen mit ganz anderen Tonarten, denen die Befreiung vom Kommst du mit in den Alltag anzuhören ist, die Lust des Lastverlierens mitteleuropäischer oder genauer: deutscher Erfahrungen.

"das licht in dieser stadt/ist ein film ohne handlung, der erzählt vom vergehen der zeit/in dieser stadt, durch die ich gehe, ohne zu handeln." heißt es in einem der Gedichte. Oder: " ... der rauch schreibt lange briefe auf die tafel der wälder. zum lesen viel zu schnell verweht die schrift. die alten villen , längst im winterschlaf:
sie werden älter.

Diese Verse stehen durchaus in einem tradierten Bezug zu den ersten Gedichten der Moderne, wieder an einem Jahrhundertanfang angekommen. Mit den Erinnerungen an jene 90er Jahre, die, so darf man Gerald Fiebig folgen, nurmehr als weißes Rauschen in den Leitungen memoriert werden können: "... wozu abschied feiern/vor dem weg in die anstalt." Und wenn schon: "... noch vor dem ersten regen/zerfällt der schaum auf dem bier."

Fiebig, der so scheint es, vierhändig am Klavier, die postkarten vom mond verschickt hat: " ... das alles sähe ich wie stumme bilder vom mond/durch die scheibe meines funkstillen raumhelms, hinge er nicht über all dem/wie eine wolke aus eis.

Ach ja, eines der schönsten Liebesgedichte, das ich in den letzten Jahren gelesen habe, findet sich auch in dieser Sammlung. Das Gedicht Stundenhotel #2. Ich meine, es hat fast schon die Tragelehnsche Größe des Abends in Deutschland.

" ... i remember you well in the stundenhotel/& ich liege dabei schief unter den
blicken/des porträts an der wand & nebenan ficken/zwei tonspuren. wir nannten es
nie so. hell/wird es nicht mehr. an den häusern klebt/wie erkaltetes sperma im laken
der schnee."


Jan Röhnert zum 2.:

"Die Existenz des Entsetzlichen in jedem Bestandteil der Luft." Eine ganze Anzahl von Werken moderner Dichter lässt sich genau auf diese Aussage zurückführen, die Rilke in seinen "Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge" fallen lässt. Weniger offensichtlich an dessen eigener Lyrik, vermag dieser Satz eine zwar lose, aber kontinuierliche Tradition freizulegen, die Lautréamont, Rimbaud, Heym und Trakl zu Stammvätern hat, und die ebenso von Artauds Theater wie Bunuels und Pasolinis Filmen weitergeführt wird; Ginsbergs "Howl", Paulus Böhmers "Kaddish" sind Stoßgebete gegen diese "Existenz des Entsetzlichen", von der Paul Celans schwarze Milch der Frühe genauso durchdrungen ist wie Rolf Dieter Brinkmanns Rolltreppen im August. Ein Grundakkord modernen Poetenlebensgefühls also, der weniger mit einer Variante des älteren "Weltschmerz"-Motivs zu tun hat als mit einer akuten Ohnmacht des Dichters in einer von Wörtern und Bildern übersättigten Welt. Gerald Fiebig stellt sich mit seinem Gedichtband ohne viel Selbstmitleid oder –beweihräucherung in die Reihe dieser poètes maudits, aber auf der "Wurlitzerorgel" (Adorno) seines Geistes, zwischen Kritischer Philosophie, Punk, Rock, Pop und Philosophie des Punk, Rock, Pop moduliert Fiebig mit messerscharfem Kalkül die eigenen "erinnerungen an die 90er jahre" – gestohlene Erinnerungen, die keine mehr sind, wie sich schnell herausstellt:

... das gesicht gefriergetrocknet im eigenen atem, / bis es dem passfoto gleicht. // blindgefrorene jahre. / die sonne hat den brennpunkt verloren. / unter ihr versteinert die zeit. / die erinnerung gefriert zum standbild: / passbilder, gruppenbilder: speicherinhalte. ... bis die zeit einen einholt / & man zum faktum erstarrt / in einem fremden gedächtnis: / eine information, zu der es / kein passwort mehr gibt. ("eiszeit")

Jeder Poet hat seine Zeit, in der er sich bewegt, und folgerichtig findet man in Fiebigs Poesie die Terminologie der Neunziger mit ihrem Informatikvokabular eingearbeitet vor ("der himmel ist der bildschirmschoner gottes"); der Wortabfall standardisierender, unsere Sicht auf die Welt erneut einschränken wollender Begriffe aus Politik, Kommerz und Tagesjournalistik mutiert bei ihm zu Sarkasmen, die dem Leser keine Gelegenheit zum lauten, befreienden Lachen lassen: es erstirbt in der Kehle in dem Moment, in dem jeder sich selbst in diesen Zeilen wiedererkennt:

... als gehörlose geiseln vor den fernsehgeräten / suchen wir die tagesschau mit der ab- / schiebemeldung; im videotext findet jeder / seinen eigenen namen: der ein- / lieferungsbescheid läuft / über den bildschirm – // das weiße rauschen live / aus dem toten trakt ("karl may in stammheim")

Wenn Pop, wie es bei Thomas Meinecke heißt, ein "analytisches Verfahren" ist, "mit vorgefundenen Oberflächen auf politisch produktive Weise umgehen zu können", dann tut Fiebig genau dies: Laborieren mit den Extrakten der "Bewußtseinsindustrie" (Enzensberger), dem schönen, unverdächtigen Schein höchstverdächtiger Wörter aus der Second-Hand-Sphäre unserer Städte, die uns anstelle einer originären Vorstellung von 'Leben' als 'echte' Erfahrungswelt vorgegaukelt wird – Identität wird eine Frage der richtigen Haarwäsche, Kaffeesorte, der bevorzugten Band, die Anonymität der eigenen Biographie auch in den intimsten Regungen noch bewahrt: "i remember you well in the stundenhotel ... & nebenan ficken / zwei tonspuren".

Fiebig kümmert sich selten um die "großen" Ereignisse, die "großen" Namen des vergangenen Jahrzehnts, das seinem Band den Titel gibt – was "groß" ist, werfen uns die Tonspuren der Massenmedien ohnehin am laufenden Band, Tag für Tag vervielfältigt, um die Ohren –, es sind vielmehr die Schlagzeilen der zweiten oder dritten Seite, auf die man beim nervösen Umblättern stößt, die hilflosen, immer verschachtelter werdenden Sätze des Tagesschausprechers ab der siebten Minute, die freudschen Fehlleistungen verstört lächelnder Moderatoren, die unbewusst im Gedächtnis abgelegt werden und so das eigentliche Erinnerungspotenzial dieser Jahre darstellen. Kein Wunder, dass mich der Satz "das glück ist eine warme pistole in der hand von gerd bastian" wie kaum ein Satz dieses Bandes in Atem halten musste – mein Gott, genauso waren die Neunziger! Ein Satz, hinter dem sich tatsächlich die Erfahrung eines ganzen Jahrzehnts verbirgt...

Eine solche Erfahrung lässt sich auch durch Reisen nicht umschreiben; immerhin entstehen im atlantischen Portugal, dem südwestlichsten Zipfel des europäischen Festlandes, ein paar glänzende Stadtschilderungen, die für einen Moment den melancholischen Akkorden eines Fado mehr Raum einräumen, als der ständigen Konfrontation mit denjenigen, denen man zu entfliehen glaubte: "die netzstrumpf-tussi einen tisch weiter / spricht mit ihrem freund wienerisch" oder der geschichte, die zuende zu sein scheint und an die man doch ständig erinnert wird: "gestern war der neunte november. / man ist niemals am richtigen ort. / ob in büchern oder städten: / zwischen zeilen & zeichen : der tod. / das ticket ist ausgestellt auf den elften."("herbst in lissabon")

Auch in den Texten, wo songwriter Fiebig ausnahmsweise zu Reimen oder gebundenen Versen greift, zeigt er sich deswegen um kein bisschen versöhnlicher: "denn wehe wer hat uns verraten / wer uns verkauft."

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie in der www.titel-magazin für Literatur und Film]

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