Erinnerung an meine traurigen Huren von Gabriel Garvía Marquez, 2004, Kiepenheuer & Witsch1.) - 4.)

Erinnerung an meine traurigen Huren.
Roman von Gabriel García Márquez (2004, Kiepenheuer& Witsch - Übertragung Dagmar Ploetz).
Besprechung von Karin Ceballos Betancur aus der Frankfurter Rundschau, 4.12.2004:

Eine Hommage auf den liebestollen Verzicht
"Erinnerung an meine traurigen Huren": Gabriel García Márquez lässt mit einem schmalen, sehr traurigen Roman von sich hören

Es gibt noch Menschen, die Briefe schreiben, lange Briefe, von Hand, in denen sie über ihr Leben berichten, über Grundsätzliches. Einigen gelingt es, die Welt in ein schmales Kuvert zu passen und dabei Kunstwerke zu schaffen. Und einige dieser Briefe stammen aus Kolumbien. Gabriel García Márquez hat einen neuen Roman geschrieben, seinen zehnten und den ersten seit zehn Jahren. Erinnerung an meine traurigen Huren erzählt die Geschichte eines betagten Kolumnisten, der sich "im neunzigsten Jahr" seines Lebens "eine liebestolle Nacht mit einer Jungfrau zum Geburtstag schenken" möchte. Nie hat er mit einer Frau geschlafen, ohne dafür zu bezahlen. Sein Verzeichnis, in dem er "Alter, Ort und eine knappe Gedächtnisstütze über die Umstände und die stilistischen Eigenarten" notiert, weist bereits an seinem 50. Geburtstag 514 Einträge auf.

Das Mädchen, das ihm die Bordellbetreiberin Rosa Cabarcas zur Feier des Tages vermittelt, ist kaum 14 Jahre alt. Erschöpft von ihrer Arbeit in der Fabrik, mit der sie sich und ihre Geschwister ernährt, betäubt vom Baldrian, der ihre Angst vorm Blutbad der Entjungferung dämpfen soll, schläft sie, als der Kolumnist das Zimmer betritt. Entgegen seinem Vorhaben, für das er ein ganzes Monatsgehalt investiert hat, verbringt er die Nacht erfüllt von tatenloser Zärtlichkeit an der Seite des "sanften Kampfstiers", den er auf den Namen Delgadina tauft.

Im Verzicht erlebt der Greis ein "Gefühl der Befreiung, das ich mein Lebtag nicht gekannt hatte, und endlich erlöst von einem Zwang, der mit seit meinem dreizehnten Lebensjahr unterjocht hatte". Immer wieder kehrt er schweigend an das Lager der Träumenden zurück und erlebt das "Wunder meiner ersten Liebe im neunzigsten Jahr". In fünf Kapiteln variiert der kolumbianische Großmeister Gabriel García Márquez auf 160 Seiten das Thema der Schlafenden Schönen, einem Roman des japanischen Nobelpreisträgers Yasurani Kawabata, aus dem er ein Zitat voranstellt: "Er möge sich, beschwor den alten Eguchi die Frau in dem kleinen Hotel, nur ja keine üblen Scherze erlauben; dem schlafenden Mädchen etwa mit dem Finger in den Mund zu langen gehe nicht an." García Márquez soll über Die schlafenden Schönen einmal gesagt haben, es sei das einzige Buch, das ihn neidisch gemacht habe, aber Gabo-Zitate dieses Kalibers neigen dazu, ein Eigenleben zu führen.

Die schlafende Jungfrau

Das Motiv der erotischen Traumbegleitung jedenfalls beschäftigt García Márquez schon seit Jahren. In der Erzählung Dornröschens Schlaf (Zwölf Geschichten aus der Fremde, 1993), schildert der Ich-Erzähler seine Nacht an der Seite der "schönsten Frau, die ich je in meinem Leben gesehen habe", auf einem Flug von Paris nach New York: "Es schien mir unglaublich. Im vergangenen Frühjahr hatte ich einen wunderbaren Roman von Yasunari Kawabata über die greisen Bürger Kyotos gelesen, die Unsummen zahlten, um eine Nacht lang die schönsten Mädchen der Stadt zu betrachten, die nackt und betäubt dalagen, während die Männer sich im selben Bett vor Liebe verzehrten. Sie dürfen die Mädchen nicht wecken, nicht berühren und versuchen es auch nicht, denn das Wesen der Lust ist, sie schlafen zu sehen. In jener Nacht, während ich über den Schlaf der Schönen wachte, habe ich diese senile Raffinesse nicht nur verstanden, sondern sie voll ausgelebt."

Erinnerung an meine traurigen Huren kreist um das Wesen der Liebe, vor allem aber um das des Alterns. "In Wahrheit kommen die ersten Veränderungen langsam und fast unmerklich", schreibt der Kolumnist, "man sieht sich von innen immer noch so wie früher, die anderen aber nehmen von außen den Verfall wahr". Ein Sujet, das man als naheliegend empfinden mag. García Márquez, der vor wenigen Jahren gegen eine Krebserkrankung kämpfte, wird im kommenden Jahr 78 Jahre alt. Menschen, die in Liebe altern oder alternd auf die Liebe warten, bevölkern Romane und Erzählungen des Nobelpreisträgers. Es kann nicht allein am geringen Umfang des Romans liegen, dass Erinnerung an meine traurigen Huren über weite Strecken auf einer Oberfläche zu treiben scheint, die trauriger stimmt als jeder ihrer Protagonisten.

Die Kraft verhinderter Liebe

Niemand muss 90 Jahre alt werden, um zu erkennen, dass es "kein größeres Unglück" gibt, "als allein zu sterben", dass "die unbesiegbare Kraft, die diese Welt bewegt, nicht aus glücklicher, sondern aus verhinderter Liebe erwächst". Die Warnung "Stirb ja nicht, bevor du das Wunder erlebt hast, aus Liebe zu vögeln" mag durch die Entdeckung des Kolumnisten verzeihbar werden, "dass die Liebe nicht ein Seelenzustand, sondern ein Zeichen des Tierkreises ist", aber die Versöhnung gelingt nur zum Teil.

Der Roman setzt zu vielem an, fügt fußnotenähnliche Mosaiksteine in den Grund der Geschichte: der Zensor, der das Diario de la Paz kontrolliert, in dem die Kolumnen des Journalisten erscheinen, der Vertrag von Neerlandia und der Krieg der Tausend Tage, Musikstücke und Romantitel, Thomas Mann, Lope de Vega und Cicero, die gelben Rosen vom Schreibtisch des Autors. Ein doppelter Boden entsteht daraus nicht. Gabriel García Márquez evoziert eine Bordellromantik, die vergangen in die Gegenwart leuchtet wie die Kerzen an den Weihnachtsbäumen alter Fotografien. Als Brückenschlag erweist sich der "Akt des Wahnsinns", in dem der Kolumnist innerhalb weniger Tage "zwölf Paar blaue und rosafarbene Babyschuhchen" strickt, "um mir damit Mut zu machen".

Pünktlich vor der offiziellen Auslieferung von Erinnerung an meine traurigen Huren kursierten in den kolumbianischen Großstädten gleichwohl die ersten Raubkopien zu umgerechnet drei Euro das Stück. Und würde nicht traditionell irgendwo zwischen Cartagena und Leticia ein Lieferwagen mit druckfrischen Exemplaren des neuen Werks von García Márquez überfallen, müsste man die Räuber bezahlen.

In einer Sonderausgabe der kolumbianischen Zeitschrift Cambio schreibt der frühere Kulturminister Alberto Casas Santamaría: "Für meine Schwestern muss es lästig sein, ein Buch mit diesem Titel auf dem Nachttisch liegen zu haben, der meines Erachtens auch unnötig ist, weil Huren so gut wie nie traurig sind." Man darf davon ausgehen, dass die Schwestern Casas Santamaría im goldenen Herbst des Lebens stehen und schamrot ihre Gesichter abwenden, wenn ihnen in einer Buchhandlung der Roman Masturbationstechniken zwischen Batman und Robin begegnet, dessen Autor, Efraim Medina Reyes, auf dem Cover so gut wie nackt ist und in Interviews gerne T-Shirts mit der Aufschrift "Paolo Coelho hat mir einen geblasen" trägt.

Gabriel García Márquez hat dieses Mal keinen Brief, sondern eine Postkarte geschrieben. Sie ist ein bisschen knapp ausgefallen, aber es tut gut, von ihm zu hören. Er lässt schön grüßen.

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Erinnerung an meine traurigen Huren von Gabriel Garvía Marquez, 2004, Kiepenheuer & Witsch2.)

Erinnerung an meine traurigen Huren.
Roman von Gabriel García Márquez (2004, Kiepenheuer&Witsch - Übertragung Dagmar Ploetz).
Besprechung von Jens Dirksen aus der NRZ vom 8.12.2004:

Traurige Huren
Der neue Márquez - oder wie ein Nobelpreisträger danebengreift.

Seitdem Viagra auf dem Markt ist, hat sich kaum ein Romanmotiv so rasend vermehrt wie "Der alte Mann und das Mädchen". Bei Philip Roth ("Der menschliche Makel") und Martin Walser ("Der Augenblick der Liebe") hatten die Auserwählten der liebeslustigen Greise immerhin noch das Alter von Wahlberechtigten. Gabriel García Márquez aber treibt es auf die Spitze und führt eine kaum 14-Jährige mit einem Methusalem von beispielhafter Hässlichkeit zusammen, der sich zu seinem 90. Geburtstag "eine liebestolle Nacht mit einem unschuldigen Mädchen schenken" wollte. Im Bordell.

Verjüngungskur für ein paar Pesos

Ein Jahr später ist der steinalte Mann wirklich liebestoll, er häkelt zwölf Paar blaue und rosa Babyschühchen. Nicht, dass er einen Grund dazu hätte - die ganze Verjüngungskur hat nur ein paar Pesos gekostet und die kleine Delgadina ("Schmalchen") nicht mal ihre Unschuld. Aber verknallt wie ein Springinsfeld, glaubt der Alte plötzlich an die Chance, "sich auf dem Rost umzudrehen und neunzig weitere Jahre auf der anderen Seite zu braten". Was für alle anderen eine Horrorvorstellung sein muss, schildert García Márquez (76) von innen: Mit gefühlten Hämmorhoiden, Atemnot und der Sorge, dass man sich selbst immer noch wie früher sieht, während die anderen nur den Verfall wahrnehmen. Plausibler wird die Wandlung vom betagten Lustsaulus, der bis zum 50. Lebensjahr die Zahl seiner Frauen nachgehalten hat (514, sagt er), zum Liebespaulus dadurch allerdings nicht.

Aber warum gucken wir eigentlich einem über die Schulter, der so gerne auf sich selber reinfällt?

Weil jedes neue Buch des Literaturnobelpreisträgers García Márquez ein Bestseller-Abonnement hat. Weil er zu den wenigen seiner Art gehört, die nicht nur hoch angesehen sind, sondern auch gelesen werden. Und weil man kaum glauben kann, dass er für eine einigermaßen peinliche Fingerübung wie die "Erinnerung an meine traurigen Huren" die Arbeit an seinen Memoiren unterbrochen hat. Die sind doch das, was das neue Buch zu sein behauptet: Der Roman eines langen Lebens.

In Erinnerung bleiben wird die "Erinnerung an meine traurigen Huren" vor allem als das Buch, dessen Schlusskapitel García Márquez noch einmal umgeschrieben hat. Weil kolumbianische Kriminelle trotz aller Geheimhaltungsmaßnahmen an das Manuskript gelangt waren und versucht hatten, mit Raubdrucken noch vor Erscheinen der Original-Ausgabe ein dickes Geschäft zu machen. Bei diesem Roman, der nicht einmal durch den demographischen Faktor literarische Potenz entwickelt, ist es allerdings auch ganz egal, wie er ausgeht. (NRZ) 

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Erinnerung an meine traurigen Huren von Gabriel Garvía Marquez, 2004, Kiepenheuer & Witsch3.)

Erinnerung an meine traurigen Huren.
Roman von Gabriel García Márquez (2004, Kiepenheuer&Witsch - Übertragung Dagmar Ploetz).
Besprechung von Michaela Schmitz in Rheinischer Merkur, 09.12.2004:

Gabriel García Márquez erinnert sich ohne Wehmut an seine „traurigen Huren“
Herbst des Lebemannes
Ein greiser Don Juan erfährt am Ende doch noch die wahre Liebe – der alte Stoff erstrahlt in den Händen des großen Erzählers in frischer Farbe.

Nach zehn Jahren erzählerischer Enthaltsamkeit ist es endlich so weit: Gabriel García Márquez, der Meister sinnlicher Erzählkunst, unterbricht die Arbeit an seiner Autobiografie für eine Novelle – wie kann es anders sein – über die Liebe. Mit dem mittlerweile 77-jährigen kolumbianischen Schriftsteller scheinen auch seine liebestollen Helden in die Jahre gekommen zu sein, denn der Protagonist des kurzen Romans ist ein rüstiger Greis. Der Titel „Erinnerung an meine traurigen Huren“ fiel mir, so der namenlose Ich-Erzähler der Geschichte lakonisch, „in den Schoß“.

Der wenig attraktive ledige Pensionist blickt auf ein mittelmäßiges Leben von bewundernswerter Gleichförmigkeit zurück. Über ein halbes Jahrhundert lang schreibt er die wöchentlich erscheinende Sonntagsglosse im „Diario de la Paz“. Und er bringt es – seit er mit elf Jahren von Castorina, der Königin der Nachtschwalben, gewaltsam in die Liebe eingeführt wurde – bis zu seinem fünfzigsten Lebensjahr auf stattliche fünfhundertvierzehn Frauen. Jetzt wohnt er in „heiligem Frieden mit seinem Körper“ in der elterlichen Villa, wo er sich mit einer gediegenen Bibliothek und klassischer Musik eingerichtet hat und „wo ich mir vorgenommen habe, allein zu sterben, in eben dem Bett, in dem ich geboren wurde“.

Aber einen Tag vor seinem neunzigsten Geburtstag drängt ihn angesichts des biblischen Alters das plötzliche Begehren, das Fest mit einer libertinen Nacht in den Armen einer Jungfrau zu begehen. Die bekannte Puffmutter Rosa Cabarcas erfüllt ihm den Wunsch und legt ihm am Vorabend des 29. August ein vierzehnjähriges nacktes Mädchen schlafend auf das „Gabenbett“. Aber weder in dieser noch in den folgenden Nächten wird der zweimal zum Bordellkunden des Jahres gekürte Ex-Casanova mit dem „Prügel eines Galeerensklaven“ den Erwartungen des Lesers und Rosa Cabarcas' gerecht. Die Unschuld und Schutzlosigkeit der jungfräulichen Kleinen aus der Knopffabrik verzaubert alle seine fünf Sinne. So legt sich der nur mit seidenen Unterhosen mit aufgedruckten Kussspuren bekleidete professionelle Liebhaber von nun an regelmäßig schamvoll neben seine schlafende Delgadina, singt ihr Lieder ins Ohr, liest vor und schläft stets selig, ihre Hand in der seinen, neben ihr ein. Obwohl die Symptome der Vergänglichkeit unübersehbar sind – die Villa zerfällt, das Herbst-Unwetter bedroht die undichte Bibliothek, die Möbel vermodern, und das Herz des alternden Liebhabers kommt aus dem Tritt –, wird das Mädchen zur ersten Liebe seines Lebens mit neunzig Jahren.

Die Leidenschaft für das engels-, ja göttergleich überhöhte Mädchen mit der „Ausstrahlung des Apoll von Praxiteles“ verführt den verjüngten Greis zu überschwänglichen Liebesbeweisen: Er kauft Geschenke, fährt singend auf dem Fahrrad über den Markt und erwirbt mit seinen affektvollen Glossen lokale Berühmtheit als „Meister der Liebe“. Delgadina beherrscht die Vorstellungskraft des greisen Gelehrten so vollständig, dass er sie in seinem Haus neben sich zu spüren meint: „Ich erinnerte mich daran, wie sie am nächsten Tag das Frühstück bereitete, das es nie gegeben hat.“ So weit, dass sie nur in seiner Imagination wirklich präsent ist; dagegen, wenn „ich sie leibhaftig vor mir hatte und berührte, erschien sie mir unwirklicher als in meiner Erinnerung“.

Die Grenzen von Wirklichkeit, Fiktion und Erinnerung verschwimmen, oder die Verhältnisse drehen sich sogar um: „Die Wirklichkeit erschien mir phantastisch.“ Wie in dem vom greisen Helden geliebten „Zauberberg“ verändert sich in einer Art Zeitvakuum das Bewusstsein, „es ist, als ob die Zeit nie verginge.“ Ein Zwischenfall im Bordell zerbricht die Illusion des paradiesisch zeitenthobenen Liebesglücks, und der Verlust von Delgadina konfrontiert den Liebhaber mit der plötzlich hereingebrochenen Realität, „dass ich, alt und mutterseelenallein, gerade dabei war, vor Liebe zu sterben“.

In der mit Rosa Cabarcas geteilten Erkenntnis „Der Bolero ist das Leben“ bewegt er sich im Schutz des sentimental verlangsamten Rhythmus auf den unausweichlichen emotionalen Höhepunkt zu. Nach einer eruptiven Eifersuchtsszene findet der Antigreis – geläutert durch eine Beichte bei Ex-Hure Casilda Armenta, einer wohlfeilen Liebe aus alten Zeiten – mit Vollendung des Jahreskreises „endlich das wirkliche Leben, mein Herz war gerettet und dazu verdammt, an wahrer Liebe zu sterben, in glücklicher Agonie, an irgendeinem Tag nach meinem hundertsten Geburtstag“.

Die Prosa Márquez' besticht in „Erinnerung an meine traurigen Huren“ durch die mit großer erzählerischer Macht gebändigte sinnliche Sprachgewalt. Wie in Skizzen alter Meister zeichnet er das Wesentliche mit einigen unscheinbaren Linien: seien es die Konturen der zufällig nackt beim Mittagsschlaf überraschten Ximena Ortiz mit der giftigen orangefarbenen Blüte hinter dem Ohr oder das den Roman ein- und ausleitende Bild der zwischen den Mandelbäumen im Park explodierenden Augustsonne. Seine gezähmte Fabulierlust verdichtet die Sprache bis zur lakonischen Einfachheit, die großzügig indiskrete Details ausspart. Márquez genügen wenige Worte, um einen Kosmos anzudeuten, und er erzählt mit so selbstironischer Nonchalance, dass er sich sogar Exkursionen bis an die Grenze des Kitschs und der Sentimentalität erlauben kann. Dieses Alterswerk weiß zu begeistern.

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Erinnerung an meine traurigen Huren von Gabriel Garvía Marquez, 2004, Kiepenheuer & Witsch4.)

Erinnerung an meine traurigen Huren.
Roman von Gabriel García Márquez (2004, Kiepenheuer&Witsch - Übertragung Dagmar Ploetz).
Besprechung von Kirsten Knipp in Neue Zürcher Zeitung vom 21.12.2003:

Die Unlust, der Tod
Gabriel García Márquez meditiert und phantasiert über das Begehren

Fäulnis unter Tropenhimmel. Sonne, Hitze, Feuchtigkeit schieben den Stoffwechsel an, treiben Pflanzen in die Höhe, um sie flugs wieder vergehen zu lassen. Bedroht auch die Kultur: Bücher, die der Schimmel frisst, Möbel, an denen die Fäulnis kaut. Wer hier das neunzigste Lebensjahr erreicht, kann sich was einbilden auf seine Resistenz, hat gut daran getan, sein Todesbewusstsein erst mit Anfang sechzig zuzulassen. Und doch schleicht sich von hinten schon die Zeit heran, legt sich schwer auf die Glieder, hindert am freien, unbeschwerten Gang, schickt böses Blei in Knochen und Muskulatur. All dies kann man verdrängen wollen. Doch gewonnen ist damit nicht viel: Im Alter stösst auch der entschlossenste Idealismus irgendwann an seine Grenzen. «In Wahrheit», entfährt es dem gereiften Protagonisten von Gabriel García Márquez' Roman «Erinnerung an meine traurigen Huren» (vgl. NZZ vom 28. 10. 04), «kommen die ersten Veränderungen langsam und fast unmerklich, man sieht sich von innen immer noch so wie von früher, die anderen aber nehmen von aussen den Verfall wahr.»

Und doch, viel mehr als trotziges Selbstbewusstsein lässt sich gegen das Alter nicht aufbringen. Allerdings kann man die Phantasie ausstaffieren: durch ein junges Mädchen etwa, Jungfrau nach Möglichkeit, zu ordern bei der lokalen Bordellchefin, für fünf Pesos die Nacht. Eine hübsche Stange Geld zwar, aber doch auch eine lohnende Investition. Denn es kommt zwar nicht zum Beischlaf, sondern lediglich zu ein paar Küssen; aber schon nach wenigen Nächten lässt das Mädchen den Alten eifersüchtig werden und regt darüber seine Lebensgeister an, verführt ihn gar zu einer kühnen Hoffnung: Eines Morgens, im Bett neben dem Mädchen, berichtete der Erzähler, ging ihm «der wohltuende Gedanke durch den Kopf, das Leben sei nicht der unruhige Fluss, den Heraklit beschreibt, sondern eine einzigartige Gelegenheit, sich auf dem Rost umzudrehen und neunzig weitere Jahre auf der anderen Seite zu braten».

Der alte Mann und die Jungfrau. Man kann das unanständig, unmoralisch, obszön und widerwärtig finden. Man kann es aber auch lassen. Denn vor allem ist dieses kleine Buch eine Meditation auf den Tod und die Unlust, Abschied von dieser Welt zu nehmen. Denn dass es schön sein kann auf Erden, davon zeugen viele Bilder, besonders eben das des jungen Mädchens, Sinnbild des Lebens - des jungen Lebens vor allem, das von Endlichkeit noch nicht viel weiss. Daran wird man sich, an der anderen Grenze des Lebens, trösten dürfen. Und was zählt schon, im Angesicht des Todes, ein sündiges Begehren? Ein Narr, wer Arges dabei denkt.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter nzzonline.jpg (1303 Byte)]

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