Erika Mann-Eine jüdische Tocher von Viola Roggenkamp, 2005 Arche1.) - 2.)

Erika Mann. Eine jüdische Tochter. Über Erlesenes und Verleugnetes in der Familie Mann-Pringsheim.
Biografie von Viola Roggenkamp (2005, Arche).
Besprechung von Barbara von Becker in der Frankfurter Rundschau, 2.11.2005:

Die ideale Vatertochter
Viola Roggenkamp wagt neue Thesen über das verleugnete Jüdische und die Homosexualität in Erika Manns Leben

Sie war zeitlebens sein "kühnes, herrliches Kind", das "lebens- und liebevolle, stets heiteren Auftrieb bringende Kind", sie selber unterschrieb als längst erwachsene Frau ihre Briefe mit "Inniglich Kind E.": Erika Mann war die Vater-Tochter par excellence. 1947 zog die Anfang Vierzigjährige bis zu ihrem Tod wieder bei den Eltern ein, lektorierte Thomas Manns Dr. Faustus und den Felix Krull. Sie war um das Werk, seine Auftritte und sein Wohlergehen besorgt, agierte wie eine zweite Ehefrau, die sich mit der Mutter über die Befindlichkeiten des Dichters in intimer Weise wie über ein gemeinsames Kind austauschte.

Mütterlicherseits stand sie in einer Genealogie starker Frauen. Die Urgroßmutter Hedwig Dohm war prominente Frauenrechtlerin und Romanautorin, ihre Großmutter Hedwig Pringsheim hatte ihre Karriere als Schauspielerin zwar zugunsten ihrer Ehe schnell wieder aufgegeben, aber ihre gelegentlichen Feuilletonartikel ebenso wie ihre zahllosen Briefe und der Ruf ihres Salons in München, wo die künstlerische und wissenschaftliche Elite der Stadt ein und aus ging, zeugen von ihrer geistigen Brillanz. Katia Mann, die Mutter Erikas, brach ihr Mathematikstudium, für das sie offensichtlich nicht unbegabt war, widerwillig ab, um "Frau Thomas Mann" zu werden, wie sie sich selber später bezeichnete. Obwohl nie berufstätig, war sie letztlich die Managerin der "Firma Mann". Diese Ahnenreihe vereint aber nicht nur starke, sondern in ihrer Abstammung auch jüdische Frauen, ein Erbe, mit dem Erika Mann sich selber jedoch nie explizit in Verbindung gebracht hat.

Als Kabarettistin, als politische Publizistin, als Rednerin hatte sie sich vehement mit Nazi-Deutschland und dem Antisemitismus auseinander gesetzt, seltsamerweise ohne den Judenhass in Bezug auf ihr eigenes Leben zu reflektieren. Sie selbst, ihre Eltern, ihre Geschwister sahen sich im Exil alle ausschließlich als politisch Verfolgte. Die Tatsache, dass der große deutsche Dichter Thomas Mann mit einer "Volljüdin" verheiratet war und seine Frau und seine Kinder nach den national-sozialistischen Rassengesetzen somit als hochgefährdet gelten mussten, wurde ausgeblendet. Von Katia Mann ist überliefert, dass sie "immer vollkommen rasend" geworden sei, wenn sie auf ihr Jüdischsein angesprochen wurde. Golo Mann schrieb in seinen Erinnerungen, dass er lange nicht gewusst hatte, dass seine Mutter "aus einem jüdischen Haus" stammte.

Viola Roggenkamp, die vor einem Jahr einen stark autobiographisch geprägten Roman über ihre Kindheit in einer ebenfalls nur von der Mutterseite her jüdischen Familie geschrieben hatte, versucht sich nun dem "Verleugneten in der Frauengenealogie der Familie Mann-Pringsheim" über eine interessante These zu nähern: Diente der manchmal geradezu frivol-offene Umgang mit der Homosexualität innerhalb der Familie dazu, "das Jüdische als das vermeintlich Bedrohliche" zu verdecken?

Es fällt tatsächlich auf, dass in einer Familie, in der über absolut alles, inklusive der sexuellen Neigungen des eigenen Vaters, ausführlich debattiert wurde, die eigene jüdische Herkunft offensichtlich zum Tabu erklärt war. Hinzu kommt, dass Thomas Mann in Äußerungen seinen von antisemitischen Stereotypen nicht freien Ressentiments wenig Zwang anlegte. Eine Haltung, die sich seiner Tochter zweifellos mitteilte und die zumindest unbewusst dazu beitragen mochte, selber so wenig wie möglich mit Jüdischem zu tun haben zu wollen, um die Liebe des Vaters nicht auf die Probe zu stellen.

Das ging soweit, dass Erika Mann ihr apart dunkelhaariges Äußere wie auch ihren scharfen, schnell und spitzzüngig urteilenden Intellekt Gaben - die eher zurückweisen auf die Talente von Groß- und Urgroßmutter mütterlicherseits - lieber zurückgeführt sehen wollte auf die exotische brasilianische Urgroßmutter väterlicherseits, eine, so Roggenkamp, "gänzlich unbekannt gebliebene Urwaldschönheit, die jung verstarb".

Natürlich stellt die Autorin auch die Frage, ob es zulässig ist, Erika Mann in der Abwehr ihrer jüdischen Identität nun nachträglich in exakt diesem Zusammenhang zu verankern. Eine Frau, die ihr Leben lang Weltbürgerin war, evangelisch getauft, aber keine Religion praktizierend, von liberalem Freigeist, der sich in kein etikettiertes Kästchen sperren ließ, rebellisch gegen Konventionen, eine Bohémienne und Lesbierin. Roggenkamp argumentiert, dass gerade das Jüdischsein ihrer Mutter "für die Töchter und Söhne Thomas Manns zur hilfreichen Unterscheidung und Eigenständigkeit ihm gegenüber" hätte führen können. Eine Möglichkeit, die jedoch keines der Mann-Kinder als Chance zu einer nicht vom Vater dominierten Identität begriffen und genutzt hatte.

Viola Roggenkamp lehnt es offensiv ab, "jüdische Deutsche, die lieber keine Juden sein wollten", in diesem Gefühl "zu respektieren". Für sie verhindert diese Art von fragwürdiger Rücksichtnahme das nötige Nachdenken, mutet an, als ob das Jüdische "etwas Unzumutbares" wäre. Sie kennt die Sekundärliteratur zu ihrem Thema sehr genau, und es ist wirklich frappant, wie ausweichend in der biographischen Literatur über die in Deutschland mittlerweile zu fast schon dynastischer Bedeutung aufgestiegene Mann-Familie mit dem Signum "jüdisch" umgegangen wird, auch in Zusammenhängen, die eigentlich eine Erklärung oder Frage danach geradezu zwingend nahelegte.

Genau dieses peinliche Vermeiden, die bemühte Auslassung führt Viola Roggenkamp in ihrem Buch vor. Sie schlägt weiter einen Bogen zu dem verdrängenden, negierenden, beschönigenden Umgang mit der Schoa vom Nachkriegsdeutschland bis heute, und hin zur neueren Diskussion über das Verlangen der Deutschen, sich eben falls als Opfer - von Krieg, Vertreibung, Naziterror - ansehen zu dürfen.

Erika Mann hatte sich nie als Opfer gefühlt - auch nicht als das des übermächtigen Vaters. Vielmehr gab es ein starkes Band zwischen ihr und dem Vater: das Homosexuelle. Dieses "schloß die Mutter aus. Das Jüdische verband die Kinder mit der Mutter und schloß den Vater aus. Verbotene Nähe war nicht das Homosexuelle, sondern das Jüdische", spitzt Roggenkamp zu. Die androgyne Tochter sei die ideale Partnerin für den Vater: Weder stoße sie ihn durch zuviel Weiblichkeit ab noch bedrohe sie ihn durch einen schönen Knabenkörper, so wie der Sohn Klaus. Das Jüdische war somit, wie es Viola Roggenkamp in ihren Ausführungen schlüssig zeigt, für die Tochter in mehrfacher Hinsicht keine wünschenswerte Identität.

Natürlich müssen solche Analysen letztlich im Bereich der Zuschreibung, der Vermutung bleiben. Aber dieser Versuch einer Annäherung, gerade weil die Autorin an manchen Stellen ihre Thesen gezielt forciert und bewusst provokant einbringt, schafft es mit Verve und intellektueller Schärfe, dem Bild des mittlerweile sattsam durch alle Generationen, Kinder und Kindeskinder erforschten Familienclans eine neue, bedenkenswerte Facette hinzuzufügen.

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Erika Mann-Eine jüdische Tocher von Viola Roggenkamp, 2005 Arche2.)

Erika Mann. Eine jüdische Tochter. Über Erlesenes und Verleugnetes in der Familie Mann-Pringsheim.
Biografie von Viola Roggenkamp (2005, Arche).
Besprechung von Teresa Grenzmann aus dem Münchner Merkur, 8.11.2005:

Die jüdische Tochter
Passion und Mission: Zum 100. Geburtstag von Erika Mann

Dieses Buch ist ein ausgefallenes Plädoyer. Es ist zu didaktisch, um nur der persönlichen Neigung und zu literarisch, auch zu pathetisch, um nur der wissenschaftlichen Untersuchung zu dienen. Die Bestsellerautorin Viola Roggenkamp übt sich als vehemente Rechtsanwältin. Ungewöhnlich ist, was sie verteidigt, es ist das verleugnete Jüdischsein in der Familie Pringsheim/ Mann: "Die schlimme Verführung. Das verbotene Andere. Das Besondere."

"Worüber ich schreiben will, hätte Erika Mann nicht gefallen, und ihrer Mutter Katia Mann auch nicht." Schon im ersten Satz von "Erika Mann. Eine jüdische Tochter. Über Erlesenes und Verleugnetes in der Familie Mann-Pringsheim" distanziert sich die Biografin von ihren Protagonisten. Doch nur in der Streitfrage. Im heftigen Engagement hingegen, mit dem die jüdisch-deutsche Autorin ihre entdeckerischen Zeitreisen unternimmt, manifestiert sich ungeheure Nähe.

"Wir können es uns nicht leisten, auf Dich zu verzichten."
Erika Mann

Feinfühlig und in zahlreichen Originalzitaten sicher verankert, vertieft Roggenkamp Umstände, die zu dem Versuch geführt haben mögen, das Jüdische in der Familie beiseite zu schweigen. Als Beweisstücke für das bisherige Versäumnis, die Sprache auf "das Jüdischsein" zu bringen, unterzieht sie gleichzeitig verschiedene Publikationen einer minuziösen Szenenanalyse, etwa Heinrich Breloers Film "Die Manns" oder verschiedene Erika-Mann-Biografien. Die Folge dieser Verquickung von Passion und Mission: Zuweilen dreht sich der detaillierte, aber oft rhetorische und auch sprachlich sehr elliptische Ansatz um sich selbst. Doch zweifellos ist die These der Autorin bedeutend; sie macht eine Philosophie daraus. Sie erzählt die Lebensgeschichte der Pringsheim/Mann-Frauen von der gesellschaftstüchtigen Hedwig bis zur einzelkämpferischen Erika exemplarisch neu: als eine jüdische. Denn so leicht es das jüdische Versteckspiel bei den Manns auch hatte - mit dem berühmten eingeheirateten Thomas Mann vor sich, auch mit der ausgesprochenen familiären Toleranz Homosexualität gegenüber -, trotzdem hat das unbestreitbare Verschwiegene ihr Leben entscheidend beeinflusst.

Die Fülle der Argumente Roggenkamps ist fundiert und beginnt bei wichtigen grundsätzlichen Fragen, etwa nach dem Antisemitismus vor den Nationalsozialisten. Eine interessante und weitreichende Überlegung ist sicher auch: "Was wäre aus Thomas Mann geworden ohne die Juden?" Eine Antwort liefert Katia: "Wir emigrierten, mein Mann hatte gar keine Möglichkeit, sich nicht von Nazi-Deutschland zu distanzieren." Und die "jüdische Tochter", die keine sein wollte, schrieb ihrem "Zauberer": "Wir können es uns nicht leisten, auf Dich zu verzichten und Du darfst es Dir nicht leisten, uns zu verraten." Das kleine jüdische Eingeständnis einer in eigenen Worten "selbstmörderisch unbequemen" Kabarettistin und politischen Journalistin. Heute wäre Erika Mann hundert Jahre alt geworden.

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