1.) - 2.)
Ergebenst,
euer Schurik.
Roman von Ljudmila
Ulitzkaja (2005, Hanser -
Übertragung Ganna-Maria Braungardt).
Besprechung von Birgit Ruf aus den Nürnberger
Nachrichten vom 14.10.2005:
Im Dienst der Frauen
Ljudmila Ulitzkaja liest in Erlangen aus neuem Roman
Aus ihrem neuen Roman
„Ergebenst, euer Schurik“ liest die Russin Ljudmila Ulitzkaja am 20. Oktober
(20 Uhr) in der Erlanger Buchhandlung „Palm & Enke“ (Hugenottenplatz 6)
Anders als bei ihrem letzten Buch „Die Lügen der Frauen“, mit dem
Ljudmila Ulitzkaja vor zwei Jahren zu Gast beim Erlanger Poetenfest war, dreht
sich diesmal alles um einen männlichen Protagonisten. Schurik heißt er, ist
ein uneheliches Kind und lässt trotz der unablässigen Bemühungen seiner
Mutter und seiner Oma, ihn zu einem richtigen Mann zu erziehen, doch jegliches
Machogehabe vermissen.
Aufgewachsen in einem Frauenhaushalt, „bildete sich bei Schurik unbewusst das
Gefühl heraus, das Gute an sich sei etwas Weibliches“. Ein sympathischer
Softie, willensschwach und herzensgut, der den Frauen in jeglicher Hinsicht
dient — angetrieben von Mitleid und Höflichkeit. Denn, so sein Credo: „Bei
der Wahl des Herzens sind die Makel von größerer Anziehungskraft als die Vorzüge
- als ausgeprägteste Merkmale der Individualität“.
Mit beglückender Manneskraft
Schuriks Dienst an den Frauen geht weit, sehr weit. Mit der schwangeren Lena
geht er eine Schein-Ehe ein, mit der wesentlich älteren Bildhauerin Matilda
trifft er sich jeden Montag, um „restlos in ihr zu versinken“. Faina,
Buchhalterin und Vorgesetzte seiner Mutter, beglückt er ebenso pflichtbewusst
mit seiner jugendlichen Manneskraft wie seine eigene Chefin, die gehbehinderte
Bibliothekarin Valerija, die ahnt, dass bei Schurik, „Mitleid und Begehren an
derselben Stelle saßen“.
Die Frustrierten und vom Leben Gebeutelten zieht der Student unwillkürlich an:
Die Psychopathin Swetlana, die Liliputanerin Shanna, die Kommilitonin Alja, die
Schuriks notgedrungene Geste männlicher Höflichkeit für einen gewaltigen
Triumph hält und fortan hartnäckig am Endziel Hochzeit arbeitet. Damit der
Leser dabei die Übersicht nicht verliert, liegt dem Buch eine Aufstellung über
die Vielzahl von „Schuriks Frauen“ bei.
Wahre Liebe
Seine wahre Liebe gilt Lilja, die allerdings kurz nach dem Aufflammen der
Leidenschaft, die sie mit ihren „krummen Beinchen“ in ihm auslöst, mit
ihren Eltern auswandert. 15 Jahre später werden sie sich noch einmal treffen, für
Schurik eine Offenbarung, für Lilja eine Ernüchterung: „Er ist fast ein
Heiliger, aber ein Volltrottel“, urteilt sie über ihre frühere Liebe, der
sie inzwischen selbstbewusst entwachsen ist.
Das Märchen vom Frauenversteher, das im schön gefärbten Moskau der 50er bis
80er Jahre spielt, erzählt Ulitzkaja mit Ironie und melancholischem Humor, mit
großer Liebe zu ihrem Protagonisten und den Frauen, die seinen Weg kreuzen. Auf
die Dauer, also auf 500 Seiten gesehen, ist das immer gleiche Muster allerdings
ermüdend: Mann mit Helfersyndrom trifft problembeladene Frau. Schurik, zugleich
Jäger und Gejagter, bleibt dabei eine tragische Gestalt. Er zollt seinen Frauen
„sexuellen Respekt“ und sucht doch selbst die Liebe vergebens.
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Leseprobe I Buchbestellung 1005 LYRIKwelt © Nürnberger Nachrichten
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2.)
Ergebenst,
euer Schurik.
Roman von Ljudmila
Ulitzkaja (2005, Hanser - Übertragung Ganna-Maria Braungardt).
Besprechung von Werner Jung in der Frankfurter
Rundschau, 08.02.2006:
Ein Frauenversteher unterwegs im
trüben Moskau
Blick zurück in die Prä-Perestroika-Ära
ohne Zorn: In Ljudmila Ulitzkajas Roman betört ein gewisser Schurik ergebenst
die Moskauer Damenwelt
Der todkranke Maler Alik liegt in seinem New
Yorker Atelier. Um sich herum hat er seine Freunde und Nächsten, seine Frauen
geschart, und zwischen Wachen und Tagträumen, in einem momenthaft von der
Krankheit geschärften Geist drängt sich ihm mit Macht eine tiefe Erkenntnis
auf: "Er", der exilierte Russe, Dissident und Künstler im fernen
Amerika, "genoss die Alltäglichkeit, und er, der ein Leben lang auf der
Jagd nach Phantomen aus Form und Farbe gewesen war, wusste jetzt, dass es in
seinem Leben nichts Besseres gegeben hatte als diese sinnlosen Gelage, die alle,
die ihn besuchten, durch Wein, Fröhlichkeit und menschliche Wärme vereinten in
diesem Atelier, wo es nicht einmal einen richtigen Tisch gab, nur eine
zerkratzte Tischplatte auf zwei Holzbänken."
Vielleicht ist diese Passage aus Ljudmila Ulitzkajas Ein fröhliches Begräbnis
(dt. 1998) die geheime Utopie nicht nur dieses Romans, sondern aller Texte der
russischen Erzählerin. Denn immer wieder wird ein fröhliches Zusammensein
zelebriert - kein deutscher Kult der schönen Seelen und blutleeren
Freundschaften, sondern eine geradezu epikuräische Ausgelassenheit. Die
Gemeinschaft jedenfalls ersetzt eine widrige Gesellschaft; sie bietet einen
Fluchtraum, ein pièce de résistance in Fontanes Sinne.
Ulitzkajas Erzählungen und Romane illustrieren das alltägliche Leben, sie
vermessen der Höhe und Breite nach die Lebenswelt ihrer Protagonisten, um
ebenso listig wie unaufdringlich einer soziologischen Einsicht poetisch auf die
Sprünge zu helfen, dass das wirkliche Leben nämlich immer reichhaltiger,
widerständiger und reizvoller ist als alles, was auf das Konto von Geschichte
und Gesellschaft geht.
Damen lieben Mitleid,oder?
Liebe und Tod, Freundschaft und Feindschaft, die
Sexualität und der (Liebes-)Wahnsinn, kurz: das Existentielle bestimmt das
Leben und die Figuren - gleich, in welchen Systemen sie zu existieren genötigt
sind. Und Ulitzkajas epischer Kosmos spannt sich vom alten Russland über die
Zeit der Sowjetunion bis in Perestroika- und Nach-Perestroika-Zeiten und reicht
dabei von St. Petersburg über Moskau und die Provinz bis auf die Krim und
schließlich bis ins New Yorker Exil und wieder zurück. Ihre Texte sind prall
gefüllte Erzählsäcke, die ihre Herkunft aus der traditionellen oralen Form
einerseits, dem russischen Realismus des 19. Jahrhunderts andererseits nicht
verleugnen können, ja dies nicht einmal wollen. Am Ende ihres neuen Romans ist
der Held, Schurik Korn, gerade einmal dreißig Jahre alt und wird in eine
offen-trostlose Zukunft entlassen - weit und breit jedenfalls ist noch nichts
von Glasnost und Perestroika zu spüren.
Und er ist, wie die Jugendfreundin Lilja in ihrem Notizbuch wohl abschließend
bemerkt, zwar "unheimlich zärtlich, aber vollkommen unsexy. Irgendwie
altmodisch", dabei noch dick und unförmig. "Aber er hat", fügt
sie hinzu, "etwas Besonderes an sich - er ist irgendwie fast ein Heiliger.
Aber ein Volltrottel." Lilja hat bereits zehn Jahre zuvor gemeinsam mit
ihrer jüdischen Familie die Sowjetunion in Richtung Israel verlassen, und es
hat zwischenzeitlich nur sporadische Kontakte gegeben; dennoch sieht und
beobachtet sie genauer als die anderen, erkennt die blinden Flecken.
Denn Schurik, dieser Semi-Intellektuelle und Fachübersetzer, der sein ganzes
Leben mit der Mutter und - zeitweise auch - der beherrschenden Großmutter unter
einem Dach gelebt hat, ist möglicherweise als Produkt und Resultat einer
stagnierenden Gesellschaft zu verstehen. Ebenso unambitioniert wie politisch
desinteressiert, hat er sein Leben darauf eingerichtet, der Moskauer Damenwelt
hilfreich zur Hand zu gehen, genauer: unter die Wäsche zu greifen. Irgendwann
schon in recht frühen Jahren glaubt er herausgefunden zu haben, dass alle
Frauen immer nur das eine und selbe von ihm erwarten: nämlich Mitleid, das er
großzügig auszuteilen bereit ist. Mitleid und männliches Begehren, so ahnt es
auch Valerija, eine seiner Gespielinnen, sitzen bei Schurik an derselben Stelle.
Also schläft er sich durch sämtliche Moskauer Bezirke, verwöhnt in seiner
Jugend bereits reifere Damen, spendet später Witwen und Waisen Trost, bisweilen
der (ihrerseits wieder betrogenen) Frau des besten Freundes, um insgesamt den
Part des Frauenverstehers nicht nur zu spielen, sondern geradezu platzfüllend
einzunehmen. Und sich dann - trotz aller Hektik und Terminkoordinierungen -
vergleichsweise gut dabei zu fühlen.
Wer nicht krank ist, glänzt durch Klugheit
Dennoch. Eine Lektüre, die sich einzig auf den
Protagonisten kapriziert, trügt, denn auf subtile Art und Weise entlarvt
Ulitzkaja nicht zuletzt alt- und hausbackene Vorstellungen von romantischer
Liebe. Klug und berechnend sind sie alle, wenn sie denn nicht tatsächlich krank
und suizidgefährdet sind. Wie Swetlana, die sich, sexuell zurückgewiesen, das
Leben nimmt, oder - genauso unheimlich - hoffnungslos romantisch infiziert, wie
die Mutter mit ihrer Liebe zum Theater und zur Literatur.
Schuriks Frauen huldigen einem gesunden sexuellen Pragmatismus und ziehen generös
einen Trennungsstrich zwischen der Liebe und den reinen Freuden des Körpers.
Weshalb schließlich auch Schurik, getreues Sprachrohr der vielen einsamen und
selbst noch - mit Erich Kästner zu sprechen - zweisam-einsamen Frauen, nicht
verstehen kann, was ihm seine Mutter gelegentlich über Liebe daher fabuliert:
"bei normalen Menschen", hält er ihr entgegen, "ist alles ganz
pragmatisch... Das ist kein Zynismus, das ist das simple Leben." Punktum.
Ja, so war es offensichtlich damals zwischen Chruschtschows Tauwetter und
Breschnews Stagnation, damals, als nicht nur die politische Welt noch in Ordnung
und übersichtlich, nämlich klar geteilt bis in die Geschlechter(un)ordnung
hinein war. Und heute? Vielleicht liegt er, Schurik, inzwischen um die 50, bloß
fett und faul auf dem Diwan und träumt Gontscharows Oblomow hinterher - von
diesen wunderbaren alten Zeiten.
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