Erdlebenbilder von Wulf Kirsten, 2004, Ammann

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erdlebenbilder.
Gedichte aus 50 Jahren, 1954-2004 von Wulf Kirsten (2004, Ammann-Verlag).
Besprechung von Michael Braun in Neue Zürcher Zeitung vom 21.06.2004:

Der poetische Chronist
Zum 70. Geburtstag von Wulf Kirsten

Die «Erde bei Meissen», die der Mittelpunkt seiner Welt war, hat ihr Gesicht verändert. Wulf Kirsten, der passionierte Wörtersammler, Literaturhistoriker und Naturdichter, vernimmt die Grundtöne seiner Dorfkindheit weitab in der sächsischen Provinz nur noch ganz leise. Die «alten dörfer hinter den hügelriffen» sind untergegangen, die «veilchenzeit» enthält keine Verheissungen mehr. Der poetische Chronist kann als «Flurgänger» nur noch akribisch genau die Verluste aufzeichnen.

Im Rittergutsdorf Klipphausen, das gerade einmal sechzig Häuser und dreihundert Seelen umfasste, ist Wulf Kirsten vor siebzig Jahren geboren worden. In dieser Gegend auf den Elbhöhen zwischen Dresden und Meissen hat der «entschlossene Landgänger» die Geduld der Naturbeobachtung gelernt; dort hat er begonnen, die Flussläufe, Roggenfelder, Brennnesselwinkel, Pferdeställe und Feldscheunen zu erforschen und durch «inständiges Benennen» in Poesie zu verwandeln. Er sei «der Okularinspektionen nie überdrüssig geworden», bekennt der Erzähler in der Kindheitsgeschichte «Die Prinzessinnen im Krautgarten».

Der Sohn eines Steinmetzen hat viel von der Arbeitsweise seines Vaters in die poetische Produktion hinübergerettet. Vor der Verfertigung seiner Gedichte versammelt er alle notwendigen Werkzeuge um sich, um dann beharrlich «aus wortfiguren standbilder (zu) setzen», wie es in einem seiner Gedichte heisst.

Der junge Mann aus dem Häuslerwinkel liess sich in den fünfziger Jahren zur «Arbeiter-und-Bauern-Fakultät» nach Leipzig delegieren, lernte die Weltliteratur kennen und faszinierte sich an seinen «Erweckungsbüchern»: an Gedichtbänden von Peter Huchel und Johannes Bobrowski und einer Anthologie von Wolfgang Weyrauch. Seine Sprachempfindlichkeit schärfte Kirsten ab 1962 durch die Mitarbeit am «Wörterbuch der obersächsischen Mundarten», die es ihm nach eigener Aussage ermöglichte, «abgesunkenes Wortgut wieder auszugraben und in die Poesiesprache als Kolorit und Stilschicht hineinzunehmen». Angestachelt von so viel Mundartenkunde, begann Kirsten alsbald sprachkritische Fundbücher anzulegen und seltene Wörter seiner bäurischen Herkunftswelt darin zu archivieren. Aus dem Spracharchäologen wurde bald einer der eigensinnigsten deutschen Dichter, der sich an der erdverbundenen Landschaftsmalerei seiner Vorbilder Huchel und Bobrowski orientierte.

«auf wortwurzeln fasse ich fuss»: Dieser frühe Vers Kirstens, formuliert in seinem Débutband «satzanfang» von 1970, ist bis heute das Sprachfundament seiner Lyrik geblieben. Kirsten war einer der ersten Dichter in der DDR, die die Destruktivkräfte einer rücksichtslosen Industrialisierung anprangerten. In seinem Gedichtband «der bleibaum» (1977) spricht er von der irreversiblen Vergiftung jener Landschaften, die den Grundstoff seiner Poesie bilden.

«Bei mir», hat Kirsten in seiner Dankrede zum Peter-Huchel-Preis 1986 gesagt, «läuft so ziemlich alles auf Chronik und Lebensbericht hinaus.» So werden auch in seinem Spätwerk, dem Gedichtband «Wettersturz» (1999) und den Erzählungen «Die Prinzessinnen im Krautgarten» (2000), immer wieder Urszenen seiner «biblisch-feudalen» Kindheitsverhältnisse heraufbeschworen. Das lyrische Gesamtwerk Wulf Kirstens hat nun der Ammann-Verlag in einem prachtvollen Sammelband zusammengetragen. In den neuen, noch unveröffentlichten Gedichten, die dem Band beigefügt sind, versucht Kirsten sich gegen die bittere Einsicht in die Verlorenheit der Welt durch eine emphatische «darbietung zirzensischer natur» aufzulehnen. Aber auch die «frohe Botschaft» des letzten Gedichts ist nur eine Einübung ins Verschwinden.

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Erdlebenbilder von Wulf Kirsten, 2004, Ammann2.)

erdlebenbilder.
Gedichte aus 50 Jahren, 1954-2004 von Wulf Kirsten (2004, Ammann-Verlag).
Besprechung von Jan Röhnert aus dem titel-magazin vom 5.7.2004:

handgreiflich vor augen geführt
Wulf Kirstens erdlebenbilder ziehen die Bilanz einer einmaligen dichterischen Landnahme.

Vor einiger Zeit noch, nachdem Ende der sechziger Jahre ein neuer, an Vorbildern von Übersee geschulter, dem Alltag der Großstadt verpflichteter Ton in die deutsche Poesie hereingebrochen war, mag es ganz danach ausgesehen haben, als sei die deutsche Tradition des Landschafts- und Naturgedichts auf dem Abstellgleis untergekommen. Wie der celansche Hermetismus, so schien auch das, was ein Lehmann, Loerke, von der Vring, die Langgässer, der frühe Eich und Krolow, und nicht zuletzt Bobrowski und Huchel, an den Versen der Droste geschult, geschaffen hatten, an ein 'natürliches' Ende gekommen zu sein – konnten doch Huchel und Bobrowski sich selbst höchstens als letzte Mohikaner innerhalb einer Tradition verorten, der schon aufgrund politischer Zwänge und desaströser Umbrüche in Landschaft und Natur kaum eine Chance des Fortbestehens zu geben war. Eine Schar von Epigonen bringt eine Tradition noch nicht zum Wiederaufleben – da bedarf es schon eines eigensinnigen Individuums, das derart angelesene und verinnerlichte Literaturgeschichte innerhalb seiner aktuellen Lebenszusammenhänge, im Hier und Heute, aufzuheben versteht.

Genuin-genialischer Nachfahre

Es ist nicht zu hochgegriffen, in Wulf Kirsten jenen Typus des genuin-genialischen Nachfahren zu vermuten. Sein siebzigster Geburtstag, den er am 21. Juni 2004 feiererte, war dem Verleger Egon Ammann Anlass genug zu einer fein gebundenen Werkschau des Dichters, die einen Überblick über die letzten 50 Jahre seiner (nicht allzu umfänglichen, dafür überblickbaren und kontinuierlichen) lyrischen Produktion gestattet. Landschaft – dieser schillernde Begriff, der "ländlich" mit "Lebenswelt", "(Natur-)Raum" mit "Gestalt" verbindet, ist Ausgangs- und Zielpunkt seiner Poesie, nicht zuletzt von ihm selbst immer wieder reflektiert, von dem "Entwurf einer Landschaft" 1968 (in dem Essayband Textur, Ammann 1998) bis zu "Landschaft als literarischer Text" 2003 (in dem gleichnamigen Sammelband aus Anlass seiner Jenaer Ehrenpromotion, Glaux-Verlag 2004).

"saataufgang heißt mein satzanfang", definierte er knapp und unpathetisch in "satzanfang", was bekenntnishaft seinem ersten Gedichtband (1970, Kirsten zählte 36 Jahre) zum Titel verhalf. "eine landschaft gestiftet", wie es in seinem Gedicht auf den Orgelbauer Gottfried Silbermann heißt (zuerst 1977 in der bleibaum, dem zweiten Band, erschienen), das hat er mit seiner Poesie seitdem in mehrfacher Hinsicht. Zunächst, indem er die ostelbische Gegend um Meißen, in der er die ersten fünfundzwanzig Jahre seines Lebens verbrachte, zum selbsterklärten Sujet seiner Dichtung machte. Damit setzte er zugleich einer ländlich-archaischen Lebensweise und ihrem uns heute fremdgewordenen, erd- und dingennahen Vokabular ("unmittelbar / wie griffiges mehl") ein Denkmal, das dank der bewussten lokalen Beschränkung eine versunken geglaubte Welt mikrokosmisch detailliert, in sinnlich oszillierender Fülle gegenwärtig macht. Das lyrische Subjekt artikuliert sich als Teil der Landschaft, indem es die verschiedenen Schichten freizulegen vermag, zwischen denen sich vergangene wie gegenwärtige Geschichte abgelagert hat. Die Schlussverse von "die erde bei Meißen", jenem Gedicht, das, als Titel des 1986 (Reclam) bzw. 1987 (Suhrkamp) erschienenen Auswahlbandes seinen Ruf begründete, illustrieren diese poetische Kartierung seiner selbst im geschichtlich wie unmittelbar wahrgenommenen Raum beispielhaft:

an der wetterscheide, wo im juli die gewitterbäume sömmern,
steh ich breitspurig auf der landschaft widerrist.
die flußorgeln durchbrummen das bauerngebreit.
eine schwadron schwedenreiter späht auf zugiger kuppe.
stoppelfrösche springen täppisch über den woilach des herbstes.
die grasigen senken von rindern gefleckt.
am hellichten tag zur saatzeit im hügelland
ich – auf der erde bei Meißen.

Doch mit diesen Versen ist Wulf Kirstens lyrisches Latein keineswegs am Ende angelangt (auch wenn das aus der Reclam-Ausgabe von 1986 wiederabgedruckte Nachwort es so suggeriert) – stattdessen bot ihm die frühe territoriale Restriktion v.a. in den Jahren nach der politischen Wende im Osten die Möglichkeit zur Ausweitung seiner bisherigen Sujets auf andere Landschaften und Erfahrungen, immer jedoch im Rahmen der eigenen poetischen Vorgaben. Größten Wert messe ich deshalb seinen späteren, noch weitgehend unausgeloteten Gedichten (der Bände stimmenschotter, 1993, und wettersturz, 1998) zu. Landschaften werden erkundet, die von der deutschen Poesie bislang kaum berücksichtigt waren; ihnen liegen, z.T. schon in den siebziger Jahren unternommene Reisen zugrunde, die ihn zu unseren östlichen Nachbarn führten – nach Tschechien, Polen, Rumänien zumeist. Unter diesen Nachbarn sind auch viele der direkten Stichwortgeber seiner Poesie zu entdecken – der Poetismus der Tschechen ist ihm genauso vertraut wie die Verse eines Huchel oder Bobrowski. Unübertroffen etwa die bereits 1975 entstandenen Verse, "Jiri Wolker zugedacht" mit "jene[r] verkäuferin im kupferhaar, / eine leibhaftige göttin der morgenröte, die tag für tag / mit vollendeter anmut schallplatten auflegt." Und "Herbstfahrt" (aus stimmenschotter) beschreibt eine Balkanreise so, dass wir zugleich eine Ahnung vom Reichtum der dort angesiedelten Poesie erhalten:

(...) pferdegespanne samt peitschen-
schwingenden kutschern, aufgebracht aus einem andern jahr-
hundert. im ausgetrockneten adernetz der wasserläufe rollte die
schwermut der worte zu tal, getränkt vom klaren herbstlicht und
von den einfachen wahrheiten der landleute, die neben uns saßen
mit klumpigen brotsäcken. heimwärts auf ihre abgeschrotenen
dörfer hinter den erdfalten auf dem Balkan. die köpfe der bauern
vom schlummerfieber gedrückt auf die atmenden leiber der vom
fahrtwind gefächelten fraun.

Wulf Kirstens späte Gedichte haben graphisch oft die Gestalt in eins gegossener, monolithischer Textblöcke, deren Sprache jedoch voller Bewegung, rhythmischer Atemlosigkeit ist, deren suggerierte Bilder sich in unaufhörlichem, nahezu cinematografischem Fluss befinden – ganz so, als wolle hier eine Stimme die Mannigfaltigkeit und Simultanität wahrgenommenen Lebens, das sich, kaum erblickt, schon wieder seiner Feststellbarkeit entzieht, mit eisernem Willen auf eine Seite bannen. Ich lese diese Gedichte als den Versuch, authentische, gelebte Erfahrung vor dem Verschwinden im Orkus des Vergessens zu bewahren: "wo bleibt dein auftritt, einmaliger tag, / eine himmelserscheinung, bitte sogleich, / die mich der welt zurückgibt, kaum / zu erwarten, daß er eintrifft, sich heraus- / windet aus nacht und fahlem dämmer, / ein gehölz, das ich quere, zeigt schon / konturen, eine amsel hebt an, laß mich / deine stimme hören (schon wieder zitat!)".

Kompromissloser Standpunkt

Die Kompromisslosigkeit seines poetischen Standpunktes überzeugt. Wie er soziale Tatbestände genauso wie alltägliche Beobachtungen in meisterhafter Zuspitzung beim Namen zu nennen vermag, das nimmt für ihn ein. Billiges Wörterklauben und Metaphernjonglieren zum Selbstzweck ist seine Sache nicht – das Übersetzen des Geschauten ins genaue, treffende Wort ist ihm körperliches Bedürfnis; nicht von ungefähr zählt er gerade Steinmetze zu seinen Vorfahren – Leute, die wissen mussten, wie Lettern dauerhaft und wetterbeständig mit dem Meißel einzugravieren sind. So wäre denn auch der Pessimismus des von Ernst Meister entlehnten Mottos "und so rede ein jedes das seine / umsonst" über dem späten Gedicht "örtlich betäubt" am besten mit einem Fragezeichen zu versehen, denn wie sollten auch künftige Generationen von Dichtern nicht zu würdigen imstande sein, dass er uns die "schattenzungen, langhin gestreckt, / ein ausgehämmertes lichtband / einfach so achtlos hingeworfen, / des sandigen landstrichs vorgefaßtes gehabe, handgreiflich vor augen geführt" hat, "während schon wieder / ein abend unabwendbar verwittert", wie es darin heißt? Kirsten gehört zu den wenigen Dichtern hierzulande, deren Konfessionen man ohne Misstrauen Glauben schenken darf.

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