Erdkunde von Marcel Beyer, 2001, DuMontErdkunde.
Gedichte von Marcel Beyer (2001, DuMont).
Besprechung von Nico Bleutge in der Stuttgarter Zeitung vom 28.6.2002:

Ohne Schutzhelm
"Erdkunde": Marcel Beyer legt neue Gedichte vor
 
Was eigentlich ist Staub? Jene Substanz, die sich auf Regalen sammelt, die sich aus Teppichen klopfen und im Gegenlicht beobachten lässt? Die zartgraue Schicht auf einem Stalinbild? Memento der Vergänglichkeit oder einfach nur Dreck? Den Schreibenden treibt die Frage nach dem Staub wie keine zweite an, überall entdeckt er "Staubspuren", "Kohlenstaub". Er weiß, Staub besteht nicht nur aus "Schuppen toter Haut" oder aus "Trockenlaub und Lehm". Was Staub aber wirklich ist, vermag er nicht zu sagen, er kann nur beobachten und seine Beobachtungen zu genauen Sprachbildern formen, zu Sprachbildern freilich, die wiederum Fragen stellen: "Was ist das, frage ich dich / manchmal, wenn ich die Staubwolke, den Schatten / sehe, über die Wäscheleinen, den Kamin und / dann, noch immer Schatten, über die Antennen / hin."

Im Gelände von Marcel Beyers neuem Lyrikband "Erdkunde" ist der Staub allgegenwärtig. Zeichen und Spuren sind dem Staub eingeschrieben, gleichzeitig liegt er selbst wie ein großes Fragezeichen über den Sedimenten. Er bedeckt "versandete Areale", in denen das lyrische Ich zu schaben und zu graben beginnt. Seine "Schürfstelle(n)" findet es im Osten des europäischen Kontinents, auf jenen Feldern zwischen Böhmen, Estland und der Halbinsel Krim, die mit den geschichtlichen und ideologischen Spuren zweier Weltkriege versehen sind.

Gleichwohl ist es eine triste Gegenwart, auf die der Reisende stößt. Die Städte in den "Oststeppen" wirken leer, sogar Gerüche und Geschmacksstoffe sind fast ausnahmslos verschwunden. Jeder sehnt sich nach "Vergessenheit", die alten Gesichter mit den "Schwarzwaldschatten", deren "Schnauzer im Akkord gepinselt" sind, und auch die Jugendlichen unterm "Leninmal" mit ihrem "Drogenblick".

Einerlei, ob es den lyrischen Wanderer in die "Ackermanngegend" des Johannes von Tepl verschlägt oder in die "alten Kosmonautenstädte" Königsberg und St. Petersburg: seine Erinnerungsreise zielt nicht auf die Präsentation von Ergebnissen, gar auf historische oder zeitdiagnostische Thesen. Vielmehr leben die Gedichte ganz von der Prozedur des Erinnerns, wozu gerade auch das Scheitern der Vergegenwärtigung gehört. Die Texte sind direkt an die Wahrnehmungs- und Spracharbeit gekoppelt. Sie registrieren, wie das lyrische Ich sieht und hört, wie es atmet und schwitzt, wie es schichtet, träumt, fragt und sich täuscht.

Zugleich schieben sich immer wieder fremde Stimmen in die Sprechhülse des "Ich". Es ist dasselbe Verfahren, das Beyer schon in seinem letzten Lyrikband, "Falsches Futter", angewandt hat: Die Gedichte arbeiten mit biografischen Einsprengseln und Zitaten, deren Spannweite diesmal von Josef Stalin bis Johannes R. Becher reicht, von Joseph Beuys bis Heinz Sielmann. Übersetzt ins Physiologische gleicht das sprechende Ich letztlich einem Narbenwerk aus vielen Gesichtern: "Das also ist mein Kopf, von vorne, / von der Seite, unterm Kinn genäht, / so eine Narbe, wie sie jeder hat, / ich weiß nicht mal, wie viele Stiche, // genäht oder geklammert."...Fortsetzung

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