Erbmütter - Welttöchter von Inger-Mari Aikio-Arianaick, 2014, Eichenspinner, zusammen mit Rauni Magga Lukkari, hrsg. von Johanna Domokos - Übertragung Christine Schlosser1.) - 2.)

Erbmütter - Welttöchter.
Lyrik von Inger-Mari Aikio-Arianaick und Rauni Magga Lukkari (
2014, Eichenspinner Verlag, hrsg. von Johanna Domokos, Übertragung Christine Schlosser).
Besprechung von Michael Starcke für LYRIKwelt.de, Oktober 2015:

die Zeit vergeht/ trotz allem
Es gibt Gedichtbücher, die man nach der Lektüre nicht sofort aus der Hand legen kann, weil das Gelesene Herz und Kopf derartig beeindruckend überschwemmt hat, dass man nach dem Zuklappen des Buches noch lange nicht damit fertig ist.

Dem Eichenspinner Verlag und seiner Herausgeberin Johanna Domoskos sei Dank, uns mit solch einem Buch beschenkt zu haben, das uns unter dem Titel „Erbmütter Welttöchter“ die Gedichte zweier samischer Dichterinnen unterschiedlicher Generationen in deutscher Sprache vorstellt, die von Rauni Magga Lukkari und die von Inger-Mari Aikio-Arianaick.

Beide Frauen, sie könnten Mutter und Tochter sein, gehören der ethnischen Minderheit der Sámi an, uns noch als Lappen bekannt, und schreiben beide in ihrer Muttersprache, die ältere, nachdem sie in finnischen Schulzentren der eigenen Kultur und Sprache entfremdet worden war, die jüngere, die von einer muttersprachlichen Erziehung profitieren konnte, nachdem sich das Recht und die Selbstverständlichkeit, in der eigenen Muttersprache lesen und schreiben zu lernen, durchgesetzt hatte.

Die Gedichte beider Frauen, Lukkai Jahrgang 1946, Aikio-Arianaick, Jahrgang 1961, sind ohne ihre traditionellen Verwurzlungen nicht zu denken, mit deren Hilfe sie die poetische Brücke in die Moderne schlagen. Und sie vermitteln uns eindrücklich die Tatsache, wie sehr die samische Literatur hauptsächlich von ihren Dichterinnen verkörpert wird.

Es fällt schwer, aus all dem, das ich mir von beiden Dichterinnen auf notierte, eine, einer Besprechung gemäße, Auswahl zu treffen, wenn man nichts Wichtiges auslassen möchte und beiden Gedichtzyklen gerecht werden will.

Der Zyklus von Rauni Magga Lukkari, kommt mir wie eine Familienchronik in Versen vor, erzählt aus der Sichtweise der Dichterin als Frau, Geliebte, Mutter und Tochter. Eingewoben in uralte Traditionen, die von ihren Eltern noch eins zu eins umgesetzt und gelebt werden, sucht die Dichterin nach einem eigenen, veränderten Rollenbild und Selbstverständnis, ohne die Verankerung in der Familie und ihrem Verbund leugnen zu wollen.

„Mein Wille, „ schreibt sie, „gleicht eher/ einem kleinen Mädchen/ dem Summen einer Mücke/ dem Lufthauch/ gegenüber/ den Geboten des Körpers“.

Ihre Verse sind ein vorsichtiges sprachliches Herantasten an Gefühle wie Nähe und Vertrauen, ist die Suche nach Offenheit zwischen Mann und Frau, nach einem behutsamen Umgang mit der Familie und ihren Angehörigen, etwa dem im Krieg verletztem Bruder.

Kaum Satzzeichen gibt es in diesen, wie mir scheint, völlig authentischen Versen, die ihre Themen wie von alleine finden, ohne irgendwelche Orientierungshilfen in Anspruch nehmen zu müssen.

Der unbestechliche Blick aufs Frausein ist ebenso ein Thema wie Weiblichkeit, Mutterschaft und die großen Themen Liebe und Tod. Abschied und Trauer finden ebenso dazu wie der Umgang zwischen Mann und Frau.

„Mein Hemmnis/“, lesen wir, „bringt dich voran/ meine Wunden/ machen dich gesund/ Du schöpfst deine Kraft/ aus meiner Kraftlosigkeit“.

Oder „Gedanken glühen/ rauchen/ sprühen Funken“.

„Das Gewissen/ habe ich angeschirrt/ das Gemüt angespannt/ das Joch zu ziehen“.

Die Dichterin zollt dem Leben Respekt: „Meine Mutter war/ wirklich ein Kind der Natur“.

Ohne Groll konstatiert sie: „Ich rupfe/ du rupfst/ er rupft// wir zwei ihr zwei sie beide/ wir sie // gerupfte Vögel/ fliegen nicht weit“.

„Wie lange bleibt die Tränenquelle/ eisfrei“, fragt sie.

Den Tod des Bruders hält sie mit folgendem Eindruck fest: „Ich betrachte/ sein ruhiges Gesicht/ Stirn und Kinn/ Haaransatz/ die gerade Nase/ Alle Falten/ und Furchen sind geglättet/ er schläft/ wie ein Baby! So/ genau so/ sah Mutter/ ihren ältesten Sohn/ nach der Geburt“.

Rauni Magga Lukkari, so mein Eindruck, ist eine große Dichterin, eigenwillig und zart, empfindsam und hoch sensibel. Im Wort hat sie aus der Vergangenheit in die Gegenwart der Moderne gefunden:

„Gesegnet seien/ die Erbmütter/ die Bescheider des Schicksals/ die krabbelnden Säuglinge/ gesegnet seiest/ du und ich“.

Nicht minder empfindsam eröffnet sich mir Inger-Mari Alkia-Arianaicks Gedichtzyklus „Aus der Welt nach Hause“, der, wie ich denke, mit dem von Rauni Magga Lukaris „Erbmütter“ in einen geheimnisvollen Dialog tritt, womöglich wirklich in eine Art poetischen Austausch zwischen einer Mutter und ihrer Tochter, obwohl sie auf dem Papier weder verwandt noch verschwägert sind. Es ist die Dichtung, die das möglich macht.

Auch sie ist in der samischen Welt verwurzelt und dennoch neugierig zu Reisen um die Welt aufgebrochen, um sich an anderen Kulturen zu reiben und sich mit diesen und der eigenen auseinanderzusetzen, jemand, der die Welt umrunden musste, um mit der Frage zurück nach Hause zu kehren: „warum/ ist die Welt/ immer so fern// warum/ nicht ich/ und du“.

Auch in ihrem Zyklus geht es um das Selbstverständnis als Frau, um Liebe und das Verhalten zwischen Mann und Frau.

Deutlich spürt man den Generationsunterschied. Die Dichterin Inger-Mari Aikio-Arianaick ist selbstbewusster, emanzipierter und fordernder als ihre literarische Mutter Rauni Magga Lukkari und scheut sich nicht, die sehr intime Erfahrung ihrer Schwangerschaft und Geburt wie eine Art Tagebuch aufs Papier zu bringen.

Knapp ist ihre Sprache, an Einsprengsel erinnernd oder kurze Filmsequenzen, die gerade wegen ihrer Kargheit ein wahres Bilderfeuerwerk im Kopf des Lesers entfachen, großartig!

Manchmal arbeitet sie mit ungewöhnlichen Landschaftsmetaphern oder anderen Besonderheiten, elementar, klar und offen und ebenso authentisch wie Rauni Magga Lukkari, entwaffnend.

„Der Teufel lauert/ unter dem Ringfingernagel“, schreibt sie.

Oder: „eine Libelle landet/ auf der Telefonleitung// auf den Lippen/ dicke Schweißperlen// es ist Zeit/ zu gehen“.

Der Gartenrotschwanz ist ihr Liebesvogel: „und wenn/ der Gartenrotschwanz sich niederlässt/ im Herzen/ klingt der Hass ab/ zornige Worte versiegt// der frühe Morgen jubiliert/ von Abend zu Abend“.

Faszinierend ist es, lesender Zeuge ihrer Schwangerschaft und Geburt zu werden, ihrer Stimmungen „von himmelhoch jauchzend zu Tode betrübt“, die sie klar und deutlich zu benennen versteht:
„Menschen/ grüßen/ meinen Bauch// und dann/ erst mich// falls sie sich noch erinnern“.

Oder: „Hormone/ bestimmen die Stimmung der Mutter// als, wenn der Mensch/bloß Chemie// warum/ impft man nicht// gegen den Hass/ den Neid/ das Teuflische“.

In diesem Zyklus ist nichts geschönt oder verbrämt. Die Dichterin erzählt ohne Scheu, was Sache ist, ohne sich selber davon auszunehmen.

„zwei Wochen/ friedlich wie eine Federwolke/ leuchtend wie gelbe Blütenpollen/ Tief wie die Quelle des Frühlings// am fünfzehnten Tag/ ein Erdrutsch// so weit das Auge reicht/ endlos/ flaches Land“.

Oder: vorbei/ vorbei// die Zeit/ als/ ich selbst formte/ meine Flügel“.

Selten habe ich in der Literatur eine Frau gefunden, deren lyrische Stimme der Mutter ähnelt, die sie mit der Geburt eines Jungen, („Guten Morgen/ Fußballspieler“), geworden ist. Eine Stimme, die das Repertoire von Flüstern, Schreien, Stammeln, Hauchen in jeder Situation beherrscht, die Stimme einer Dichterin, die für mich einmalig ist, unverfälscht und unvergleichlich. Chapeau

Johanna Domokos und die Übersetzerin Christine Schlosser, der Verfasserinnen des Nachwortes, mögen es mir nachsehen, dass ich dasselbe Gedicht ans Ende meiner Besprechung stelle, welches sie am Ende ihres Nachwortes zitieren. Ein besseres gibt es nicht, um das Zusammengehen von literarischer „Mutter“ und „Tochter“ in diesem unbedingt empfehlenswerten Buch zu kommentieren: „Sie legten sich beide daneben/ und stimmten einen Sommerpsalm an/ Nach der ersten Strophe/ erschien mit dem Wind Mutters Mutter/ legte sich zwischen die Neugeborenen/ und sang mit“.

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Erbmütter - Welttöchter von Inger-Mari Aikio-Arianaick, 2014, Eichenspinner, zusammen mit Rauni Magga Lukkari, hrsg. von Johanna Domokos - Übertragung Christine Schlosser2.)

Erbmütter - Welttöchter.
Lyrik von Inger-Mari Aikio-Arianaick und Rauni Magga Lukkari (
2014, Eichenspinner Verlag, hrsg. von Johanna Domokos, Übertragung Christine Schlosser).
Besprechung von Paul Alfred Kleinert, Berlin-Kreuzberg, IX/2015:

„Erbmütter und Welttöchter“
In einer sorgfältigen Edition stellt die derzeit an der Bielefelder Universität unterrichtende Johanna Domokos Gedichtsammlungen zweier samischer Dichterinnen vor: „Àrbeeadni/Erbmutter“ (Lukkari) und „Máilmmis dása/Aus der Welt nach Hause“ (Aikio-Arianaick) bilden die beiden Bestandteile des Bandes. In den (dankenswerter Weise einige Male zweisprachig abgedruckten) Texten (hier wünschte sich der Rezensent durchgehend eine nicht durch Seitenumbruch unterbrochene Synopse) haben die Autorinnen Naturbetrachtung und enge -bindung, Geschlechterbeziehungen in ihren Konflikten, Generationsfolge, Fragen nach dem Ich, dem Selbst und der Person, der Identität und Sinnanfrage in dichten Texten verwoben.

Die schlichte Sprache, an der Tradition des Joik und genuinen Erzählliedes geschult, entfaltet in kraftvoller und energetisch dichter Sprache ein Panorama der benannten Themen und nimmt die Lesenden in eine sehr weibliche Welt der Betrachtung hinein.

Rauni Magga Lukkari

Auf dem Grund der Finsternis / Trinke ich den kalten Schnee / Das Blut kühlt ab
Kühle Wetter warten Abenddämmerung legt sich nieder / Die Tage der wollüstigen Mutter /
Sind vorbei

Mit dem Haar der Kinder / spielt der Wind / Die Erschöpften bitten / das Leben / den Rand zu enthüllen

Bei der bereits der nachfolgenden Generation angehörenden Inger-Mari Aikio-Arianaick finden die Texte teilweise zu noch stärkerer Verknappung:

er wird anfangen zu trinken / du wirst krank / ihr werdet euch trennen //
dein Wille geschehe! // Jetzt gerade / Bin ich glücklich


Vorbei / vorbei // die Zeit / als / ich selbst formte / meine Flügel

Den Reiz des Bandes machen deutlich die sich ergebende Zwiesprachen der beiden in Generationsfolge zu Wort kommenden Dichterinnen aus, für die Übertragungen konnte die (wie immer) sensibel und kenntnisreich übertragende Christine Schlosser gewonnen werden.

Ist das äußere Erscheinungsbild des Bandes (erschienen im ambitionierten und höchst interessanten Eichenspinner Verlag zu Chemnitz) im ersten Moment bestechend, so ergibt sich beim Gebrauch des Buches und Lesen im Band das funktionale Dilemma einer Hybridbindung (einem Taschenbuch wurden zu schwere Pappdeckel aufgeklebt): die Buchdecken knicken ab und das Taschenbuch kommt mehr und mehr an seine Grenzen. Hier wünschte der Rezensent den Lesenden einen dem Inhalt angemessenen Festeinband oder (alternativ) eine schlichte englische Broschur.

Inhaltlich ist der Band zudem ein Hinweis auf eine in unseren Breiten weitgehend terra incognita, auf Sápmi, den Kulturraum der Saami. In nuce spiegelt sich in den abgedruckten Gedichten der tiefe und lebensbejahende Wille eines indigenen Volkes auf Mitsprache und Selbstbestimmung, wobei die letztere ihren Ansatz am Eigenen nimmt und somit, dem entsprechend, die allgemeine Gültigkeit eines solchen Anspruches formuliert und erhält.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter ]

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