Erbin des verlorenen Landes von Kiran Desai, 2006, Aufbau1.) - 2.)

Erbin des verlorenen Landes.
Roman von Kiran Desai (2006, Berlin Verlag -
Übertragung Robin Detje).
Besprechung von Martin Zähringer in der Frankfurter Rundschau, 11.10.2006:

Luxus oder Kellerküche
Kiran Desai zieht uns hinein ins postkoloniale Indien

Kalimpong ist eine Stadt im äußersten Norden des indischen Bundesstaates Bangla (Westbengalen). Sie ist der indische Schauplatz in Kiran Desais zweitem Roman, und über das hohe Kalimpong am Rande des Himalaya wusste man bisher so wenig wie über das niedere New York der Kellerküche, den amerikanischen Erfahrungsraum dieser bikontinentalen Geschichte. Man wusste, dass Millionen Inder im Ausland leben und arbeiten, dass sie englischsprachige Länder bevorzugen und dass das indische Volk grundlegende historische Erfahrungen mit dem britischen Empire gemacht hat, bevor es eine Nation werden sollte. Von berühmt gewordenen Auslands-Indern der Literatur weiß man auch, dass London einmal das Zentrum eines höheren Kulturversprechens war. Heute geht es beim indischen Blick über die Grenzen weniger um Kultur und mehr um den Dollar, die Arbeitsmigration führt viele Inder eher nach Amerika als ins Königreich. Die meisten aber entweichen der Armut nicht, bleiben im Land, und manche suchen ihr Heil in der Revolution. Zwischen dem britischen Erbe, dem amerikanischen Versprechen und einer revolutionären Hoffnung sucht Kiran Desai die Befindlichkeiten der indischen Gegenwart.

Das Zentrum der indischen Szene ist der malerische Ruhesitz des pensionierten Richters Jemubhai P. Patel. Jemubhai Patel genießt sein Leben allerdings nicht, er ist ein verbitterter Menschenfeind, vor allem aber ist er das spezifisch indische Modell des "mimic man", des ins Britische umgeformten Elite-Inders der Kolonialzeit. Er hat die rassistische Lektion der Fremdherrschaft verinnerlicht - kulturell ein Engländer zu werden, sozial aber immer ein Inder zu bleiben - und seine peinvolle Karriere wird in Rückblenden bis zu den ersten Erfahrungen mit dem Empire aufgerollt. Der "mimic man" wird zivilisatorisch getauft in gnadenlosen Missionsschulen, höher geweiht in Cambridge und schließlich in den indischen Staatsdienst erhoben, um für die Briten die Kronkolonie zu verwalten. Jemubhai Patel ist der perfekte "mimic man", der indische Gentleman und bessere Engländer. Sein Drama ist, dass er sich weder mit seiner Herkunft identifizieren kann, noch mit der lebenslangen Scham fertig wird, eben dieser Inder geworden zu sein.

Neben dem Hund des Richters, der ihm als letzter Hort für seine Gefühle dient, und dem Koch, der sein eigenes Leben restlos auf den abgöttisch geliebten Sohn Biju in New York projiziert, lebt noch die siebzehnjährige Enkelin Sai auf dem Anwesen, von Nonnen erzogen und ins Haus geholt, weil eine zusätzliche Hilfskraft nicht schaden kann. Sai ist das subjektive Zentrum der neuen Welterfahrung, ein wenig wohl die autobiografische Linse der Autorin, ein wenig jene Erbin des verlorenen Landes, mit der das Hoffnungspotential Frauenmacht im deutschen Titel hervorgehoben wird. Ans Erben denkt die aufblühende Sai allerdings nicht, sie ist erst einmal gründlich verliebt. Der Student Gyan, Spross der armen, entrechteten indisch-nepalesischen Mehrheitsbevölkerung, bringt ihr Mathe und die Grundzüge des Küssens bei, doch seiner Glückserwartung wird eine böse Mitgift beigemischt. Er verdient sein Geld als Hauslehrer, lernt am Tisch des Richters mit Messer und Gabel zu essen, muss aber zum englischen Mahl auch die perfide demonstrierte Verachtung schlucken, und für ihn, den "Nep", gibt es keinen Fluchtpunkt New York.

Wenn der minoritäre Held des postkolonialen Dramas das Erbe der kulturellen Mimikry verweigert, bieten sich im zeitgemäßen indischen Roman die lokalen Alternativen der Geschichte an, die Mächte des Kommunalismus. Im westbengalischen Brennpunkt Kalimpong, zwischen Nepal, Sikkim und Bhutan gelegen, gedeihen sie ganz natürlich, und ebenso natürlich gerät Gyan in ihren Sog. Die politischen Kämpfe der Ghorka National Liberation Front (GNLF) sind keineswegs nur Kulisse für die Dramaturgie einer jungen Liebe, an drastischer Darstellung (erst Polizeifolter, dann Polizistenköpfe auf Stangen) und hintergründigen Informationen lässt der Roman es nicht fehlen. Die literarische Dekonstruktion dieser Geschichte greift allerdings einer politischen Erzählung vor, die dem deutschen Publikum bisher weitestgehend vorenthalten wird. Ihr kommt man im Roman über die unbequemen Wahrheiten und Kommentare der Schwestern Noni und Lola näher, oder auch über deren Lektüre, die bengalische Schriftstellerin Mahashveta Devi und die Literaturwissenschaftlerin Gayattri Spivak, ein dezenter Lesetipp der Autorin.

Dem Roman geht es natürlich primär um seine eigene Geschichte, und die erhält ihre Spannung durch das bikontinentale Setting. Die Autorin schöpft dabei aus ihrer persönlichen Lebenserfahrung, sie lebt abwechselnd in Sikkim, London und New York. Das Milieu der sans papiers, der illegalen Inder in New York, dürfte die Tochter der Schriftstellerin Anita Desai allerdings durch jene systematische Recherche kennen, die viele indische Romanciers heute auszeichnet. Das Küchenkeller-New York der indischen Hilfskräfte ist der zweite Fluchtpunkt dieses Romans, sein Personal ist eine Klasse von Migranten, die mit der Aufarbeitung des anglo-indischen Kulturerbes nichts mehr zu tun haben. In Desais Roman ist der Protagonist dieser Klasse Biju, der Sohn des Kochs aus Kalimpong. Biju durchkreuzt das New York der tiefen Keller, der harten Arbeit im "Hot Tomato", "Don Pollo" oder "Ali Babas Fried Chicken", eine einsame Welt mit flüchtigen Freundschaften, in unbehaglicher Nähe zu seinen scheinheiligen Chefs, den neuen Hybriden (Harish-Harry, Jaynand-Jay), und zu jenen obdachlosen Gestalten, die auf U-Bahnschächten überwintern oder in Müllsackzelten. Indien hat ihn verworfen, Amerika braucht ihn nicht unbedingt, und er selbst erblickt in seiner Geschichte kaum tiefere Werte als die fahlen Versprechen des Konsums. Biju hat nicht einmal eine hybride Identität zu verlieren, und als er den Flug zurück in die Heimat wählt, anstatt die Greencard zu ergattern, wählt er eine Welt, in der andere gerade eine revolutionäre Hoffnung entdecken; für ihn wird es eine schlechte Erfahrung.

Biju hat in Amerika nichts Bleibendes gewonnen, die Liebesgeschichte von Sai und Gyan zerbricht, die Aktivitäten der GNLF bleiben undurchschaubar, mit diesen Ergebnissen nähert sich der Roman seinem Ende. Man fühlt sich leicht irritiert, aber um lineare Handlung kann es im bikontinental-epischen Erzählen gar nicht gehen. Dafür setzt das Finale in der anglophilen Kulisse Kalimpongs einen Schlussakkord, der das symbolische Spektrum des aufgefächerten Geschehens noch einmal grell beleuchtet. Der betrunkene Koch, der nur den echten (weißen) Sahib liebt, liefert sich dann doch in einer wahrhaft grotesken Geste der Unterwerfung dem Richter aus, der nicht einmal sich selbst lieben kann. Mit dieser Szene von Dostojewski'scher Intensität wird das kulturelle Spannungsfeld aufgelöst, das der "mimic man" in diesem Roman erzeugt hat. Im Original heißt der Roman The Inheritance of Loss, wörtlich "das Erbe des Verlusts", sinngemäß auch - das Erbe der Unterwerfung. Dieses Erbe wird ausgeschlagen.

Kiran Desai schreibt hervorragend, sie kann es wohl manchmal selbst nicht glauben und liefert hin und wieder Passagen, die wie Stilübungen wirken. Den künstlerischen Wert ihres Romans mindert das nicht, denn selbst diese leichten Fingerübungen führen in einer ungeheuer komplexen Geschichte immer auf neue, gangbare Wege. Man denkt ans Klettern in unwegsamem Gelände, und so ungefähr laufen die poetischen Suchbewegungen auch ab, aber der Vergleich bietet sich nicht deshalb an, weil die Geographie das zufällig hergibt. Die Leistung dieses Buches liegt weniger im bemühten Aufstieg in den Himalaya der Literatur, als im notwendigen Abstieg in die Kellerruinen der indischen Geschichte, um etwas ans Licht zu fördern, was allzu viele gerne im Dunkeln lassen würden.

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Erbin des verlorenen Landes von Kiran Desai, 2006, Aufbau2.)

Erbin des verlorenen Landes.
Roman von Kiran Desai (2006, Berlin Verlag -
Übertragung Robin Detje).
Besprechung von Manuel Gogos aus der Neue Zürcher Zeitung vom 18.10.2006:

Geliehene Leben
Kiran Desai zeigt kleine und grosse Fluchten aus Indiens Realität

Es ist die wilde Gebirgslandschaft hoch im Nordosten des Himalaja, die sich die Autorin Kiran Desai als Schreibstatt und Hauptort der Handlung ihres Romans «Erbin des verlorenen Landes» ausgesucht hat, als könne die Wildheit dieses unwegsamen Grenzlandes zwischen Indien, Bhutan und Sikkim die Kraft der Vorstellung erhöhen. Und tatsächlich entwickelt die junge Autorin ihre Geschichte mit einer traumwandlerischen Sicherheit, als folgte ihre Intuition den kühnen Manövern der fliegenden Lamas, wie sie die buddhistische Kunst dieser Gegend kennt.

Sai Mistry lebt hier unter einem Dach mit ihrem Grossvater, einem ehemaligen Richter, und dessen Koch, dem letzten Hausangestellten, der in diesem heruntergekommenen englischen Herrenhaus noch die alte Ordnung aufrechterhält. Sie ist siebzehn. Als Waise im Kloster der Augustinerinnen aufgewachsen, hatte sie früh lernen müssen, «hoch» und «niedrig» zu unterscheiden: «Messer und Gabel waren besser als die Finger, das Blut Christi zu trinken war besser, als ein Phallussymbol mit Ringelblumen zu bekränzen.» Nur ihren romantischen Sinn hatte man ihr nicht austreiben können. Mit Blick auf die phantastische Kulisse des Katchunuga liest sie nun Emily Brontës «Sturmhöhe», hingegeben übt sie sich vor dem Spiegel in perfekten Filmküssen, wie sie sie aus Bollywoods Traumfabrik kennt.

Leben wie im Film

Sai verliebt sich in ihren Mathematiklehrer Gyan, der sich einer Gruppe nepalesischer Separatisten anschliesst. Desai bezieht sich dabei auf jene Unruhen, die Mitte der achtziger Jahre die ganze Region um Kalimpong tatsächlich über Monate hinweg in den Ausnahmezustand versetzt haben. Sie zeichnet die Aufständischen mit gelassener Ironie als «Halbstarke», die sich im universalen Guerilla-Look mit Khakihosen und Stirnbändern selbst in einem Action-Film wähnen. Wie Sai, die mit Millionen von Indern und Inderinnen davon träumt, eine Liebesheirat statt einer Konvenienzehe einzugehen, haben auch diese jungen Männer ihren Lebenshunger mit zu vielen Kinofilmen zu stillen versucht; und wie das Mädchen entscheiden auch sie sich für ein geliehenes Leben.

Junge Männer und Frauen, die sich eskapistisch ins private Glück flüchten wollen oder die nationalistische Flucht nach vorn antreten: Das könnte auf eine recht illusionslose Deutung des heutigen Indien hindeuten, die da eine Autorin aus der Diaspora vornimmt. Kiran Desai, 1971 als Tochter der Schriftstellerin Anita Desai geboren, lebt nach ihrem Studium an der Columbia University heute abwechselnd in Indien, Grossbritannien und den USA. Im Grunde aber bestätigt sie in ihrem zweiten Buch vielmehr die These des Globalisierungstheoretikers Arjun Appadurai, nach dem die Imagination im heutigen sozialen Leben eine neue, ungeahnte Wirkung entfaltet: Mehr Menschen in mehr Teilen der Welt als je zuvor ziehen heute mehr Variationen «möglicher» Leben in Betracht als je zuvor. Phantasie ist eine soziale Praxis geworden.

Übersteigerte Hoffnungen

Es ist allein der Koch, der sich um die Jugend sorgt. In ihm lebt ein «jahrhundertealtes Wissen» von der Minderwertigkeit des Dieners fort. Das karmische Schicksal aber, gegen das aufzubegehren ihm selbst als Sakrileg erscheint, soll vom Sohn durchbrochen werden. Biju ist einer der wenigen, die den Sprung in die USA schaffen. «Er arbeitet für die Amerikaner», erzählt der stolze Koch auf dem Markt herum. Es ist nicht leicht für Biju, sich in der Diaspora der übersteigerten Hoffnungen würdig zu erweisen, die die Zurückgebliebenen in ihn setzen; mit allen Mitteln sucht er das harte Los eines illegal Eingewanderten, der seine Arbeit so oft wechselt wie ein Mann auf der Flucht, in seinen Briefen an die Heimat in eine Erfolgsstory umzuschreiben. Ausgerechnet das Greenhorn Biju, ein Vegetarier, der Hot Dogs verkauft, ein Tellerwäscher ohne Karriere.

Eine ganze Welt arbeitet und haust in den Kellerküchen New Yorks, eine Schattenklasse, die ihr Lager in den Speisekammern oder Waschküchen aufgeschlagen hat. Indem sie sich mit den Schicksalen der deklassierten Sans-Papiers auseinandersetzt, setzt Desai den Erfolgsstorys der klassischen Immigrant-Fiction etwas entgegen. Genau hier verläuft für die Autorin auch die Schnittstelle zwischen «Erster» und «Dritter» Welt: Am oberen Rand scheint Amerika aus einer selbstbewussten Einwanderernation zu bestehen, am unteren Rand aber aus mexikanischer, indischer und – was für Biju das Schlimmste ist – pakistanischer Diaspora.

Kolonialisierung und Globalisierung

Alle Figuren Desais scheinen von ihrer Begegnung mit dem Westen verwundet. Jahrhunderte der Kolonialherrschaft wirken weiter im System. Und die Globalisierung heilt die Wunden nicht, sie streut Salz hinein. Aber anders als bei ihrer Schriftstellerkollegin Arundhati Roy bleibt bei Desai die politische Botschaft der Literaturproduktion klar untergeordnet. Ihre globalisierungskritische Emphase drückt sich in der Gebrochenheit der Figuren aus, am drastischsten wohl in der von Sais Grossvater, dem es als einem der ersten Inder tatsächlich gelungen war, in Cambridge Jura zu studieren und damit in der indischen Hierarchie aufzusteigen. Seine Urkunde von Cambridge an der Wand, trinkt er, in einen Morgenmantel gehüllt, seinen Sherry und verwindet trotz der perfekten Mimikry seine Minderwertigkeitskomplexe nicht. Jemubhais Anglophilie, die sich psychopathologisch als «Identifikation mit dem Aggressor» ausweist, hat sich in eine Art «indischen Selbsthass» verkehrt.

Alle Strategien, sich durch radikale Anpassung, nationale Einheit oder Selbsterschaffung in der Migration zu trösten, haben wenig Aussicht, dem Witz der Autorin zu entkommen, einem grosszügigen, kosmopolitischen, menschenfreundlichen Humor, der alle Säure der Kritik bindet. Selbst da, wo sie die Figuren in die Falle ihrer Lächerlichkeit treibt, ist Kiran Desai niemals denunziatorisch, im Gegenteil. Gerade da, wo die Antihelden dem Punkt ihres Scheiterns am nächsten kommen, wächst ihnen eine ganz neue Würde zu. Am besten ist das am Ende des Romans zu beobachten, wo Biju beschliesst, das elende Leben im gelobten Land aufzugeben, um wieder in der indischen Ursuppe zu schwimmen: «Oh süsse Monotonie der Heimat – er spürte, wie um ihn herum alles zauberhaft zurück in die alte Ordnung fiel, wie er wieder auf seine eigene Grösse zusammenschnurrte und die monströse Angst des Lebens als Ausländer abebbte.»

Ganz im Geiste postkolonialer Theoreme – dabei in keiner Weise epigonal im Sinne einer «Rushdieitis» – begreift Kiran Desai sowohl die Diaspora als auch die Nation als «vorgestellte Gemeinschaften». Wäre sie nicht in Indien aufgewachsen, hätte sie dieses grossartige Buch sicher nicht schreiben können, ebenso wenig aber, wenn sie Indien nie verlassen hätte. Die Autorin empfiehlt sich mit «Die Erbin des verlorenen Landes» als eine der klügsten und begabtesten Stimmen im «Niemandsland» zwischen einer englischsprachigen Gegenwartsliteratur Indiens oder eben einer neuen, sich global manifestierenden «Weltliteratur».

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