Erben des Feuers von Herbert Zand, 2000, Otto-Müller-VerlagErben des Feuers.
Roman von Herbert Zand (2000, Otto-Müller-Verlag).
Besprechung Christian Tanzer aus Rezensionen-online *LuK*:

"Warum die Städte brennen, wird nicht gesagt"
Zur Neuauflage von Herbert Zands Roman "Erben des Feuers"

Wien, Ende der fünfziger Jahre – in einem Villenvorort, dessen bessere Tage schon einige Jahre zurückliegen, geschieht Seltsames: konspirative Treffen werden beobachtet, Schüsse hallen durch die Nacht, Wohnungen werden durchwühlt, Bewohner mit Messern attackiert. Dr. Sascha Mallovan, ein Journalist, Ende dreißig, der in Untermiete in einer der Villen lebt, die noch den Duft der Jahrhundertwende atmen, ist Hauptzeuge für die polizeilichen Ermittlungen, die sich auf den jungen Fabrikanten- und Unternehmersohn Manfred Gallant konzentrieren. Durch den Druck, das in große finanzielle Schwierigkeiten manövrierte Unternehmen seines machtbessenen Vaters zu retten, in Panik geraten, ist Gallent nach einem Amoklauf untergetaucht. Sein symbolträchtiges Schlupfloch, ein ehemaliger Luftschutzkeller, wird zum Schauplatz einer dramatischen Heimholung. Der »Präsident«, von einem Pater zu seinem desperaten Sohn geleitet, versucht diesen am Selbstmord zu hindern und besteigt schließlich nach einer erfolgreichen Beschwichtigungsrede mit ihm gemeinsam sein weißes Kabriolet. Am Ende schrumpft die Affäre mit dem Potential zum Skandal durch kräftige Unterstützung wohlwollender Freunde zu einer Episode, die selbst für phantasiereiche Journalisten nichts mehr herzugeben vermag: »Die ganze Stadt ist ein Skandal. Aber wenn man ein Stückchen dieses Skandals aufdecken möchte, stößt man überall auf ehrenwerte Damen und Herren.«

Diese an einen Krimi mit sozialkritischem Unterton gemahnenden Ingredienzen sind nur der dünne inhaltliche Faden, um den Herbert Zand ein Sittenbild der guten Wiener Gesellschaft der ersten Aufstiegsjahre nach dem Krieg zu flechten versucht. Was uns Zand dabei vorführt, ist eine gesellschaftliche Oberschicht in tödlicher Erstarrung, deren ältere Vertreter in völliger Abschottung den neuen Entwicklungen gegenüber ganz der Tradition und dem Lebensstil der untergegangenen Monarchie verhaftet bleiben und der in ihren jüngeren Vertretern die Durchbrechung dieses Stillstandes nur in Eskapaden – etwa in selbstzerstörerischer Autoraserei – zu gelingen scheint. Und während die kakanischen Gestalten in ihren Erinnerungen leben, ist den Jüngeren eine Entschlußlosigkeit eigen, die sie in einer ausweglosen Befangenheit ausharren läßt. Daß es erst eineinhalb Jahrzehnte her ist, seit der »Glutwind der Bombennächte« über die Stadt hinweggegangen ist, ist den meisten Protagonisten, den Erben dieses Feuers, tief eingeschrieben.

Wie in Gerhard Fritschs Roman »Moos auf den Steinen« aus dem Jahr 1956 ist es neben dem um die Fragen nach Tradition und Erbe kreisenden Topos des verfallenden Schlosses auch hier die körperliche und vor allem seelische Versehrtheit, die einem düsteren Schleier gleich über dem Leben der Kriegsgeneration lastet. Elke Murner, kurz vor Kriegsende vergewaltigt und geschwängert, lebt mit ihrem Sohn zwar ohne Geldsorgen, aber auch ohne die Idee eines inneren Gleichgewichtes, und Mallovan, ihr Freund, scheint Jahre nach Kriegsende über den Umstand, überlebt zu haben, mehr erstaunt als erfreut zu sein. Ihn läßt Zand aber in den letzten Zeilen durch einen gleichnishaften Gang ins Feuer, bei dem er »selbst sühnte und sich verbrannte« einen Entschluß fassen, einen Entschluß, der ihm die Kraft gibt, sich aus sich selbst heraus aus seiner Traumatisierung zu befreien, alle Sicherheiten hinter sich zu lassen und sein Leben selbst in die Hand zu nehmen.

An »Erben des Feuers« hat der 1970 im Alter von nur 47 Jahren an den Folgen einer Kriegsverletzung verstorbene Herbert Zand fünf Jahre gearbeitet, bis zu acht Mal, so weiß es der editorische Nachsatz des Verlages, soll er manche Stellen des Werks umgeschrieben haben. Nach der Veröffentlichung dieses Romans, der auf relative Beachtung stieß, entschied sich Zand für das Schweigen, indem er – ein Sohn aus einfachsten kleinbäuerlichen Verhältnissen mit der Ausstrahlung eines »Repräsentanten der kultiviertesten Schicht der Wiener Gesellschaft«, so sein Freund Wolfgang Kraus – die letzten neun Jahre seines Lebens ein an Umfang und Qualität beachtliches Werk verfaßte, das, in Schubläden und Dachböden aufbewahrt, erst nach seinem Tod an die Nachwelt und Öffentlichkeit kam.

Bei allem Respekt vor der künstlerischen Redlichkeit des Autors und seiner persönlichen Integrität ist es gerade der Umstand, daß man es dem Roman im Guten wie im Schlechten ansieht, welch unglaubliche Anstrengung und Überlegung in seine Ausführung eingeflossen sind, der es angebracht erscheinen läßt, von einem großen Vorhaben zu sprechen, an dem Herbert Zand mit Anstand gescheitert ist. Denn auch wenn der Roman Passagen enthält, die von einer großen Begabung zeugen, die Wirklichkeit in einzelnen Bildern zu fassen, diese motivisch zu durchdringen und miteinander zu verknüpfen und einprägsame Stimmungen zu erzeugen, bedingt die von Zand angestrebte und auch verwirklichte Mehrschichtigkeit seines Erzählens in der von ihm praktizierten Form auch die Gründe für sein letztendliches Scheitern als Romancier.

Indem er seinem Hang zur Überhöhung, zur symbolischen Aufladung über Gebühr nachgibt, werden Personen und ihr konkretes Schicksal und Leiden oft weit in den Hintergrund gerückt; zumal die überbordende Ausbreitung der Innensicht seiner Figuren, ihr Gespiegeltwerden in den Interieurs verfallender Bauwerke oder in feinsten Nuancen der Erscheinungen der Natur, ohnehin zu schnell in ein Allgemeines, Symbolhaftes erhoben und damit einer dem Leser überantworteten Deutung enthoben werden.

Und daß es gerade der Gang durchs Feuer sein muß, von dem sich nicht nur ein Pater, sondern zuletzt auch der Erzähler selbst eine Erlösung aus der Starre erhofft, verdeutlicht in der Dämonie dieses Bildes mehr ein Gefühl für die monströse Dimension des Schreckens und Grauens des Krieges, als daß dadurch seine Auswirkungen auf jene Generation, die wie der Autor selbst, durch ihn nicht nur ihrer Jugend beraubt wurde, konkret nachvollziehbar und damit begreifbarer gemacht worden wären. In der von Zand eingesetzten Universalität der Feuermetaphorik verwischen die Konturen und Wesentliches bleibt so nur angedeutet. Die sich breitmachende Einsicht Zands in die Notwendigkeit einer anderen Darstellung aber klingt doch in einem Satz an, den er den Pater sprechen läßt: »Warum die Städte brennen, wird nicht gesagt.«

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