Er.
Roman von Linus Reichlin (2011, Galiani).
Besprechung von Jochen Vogt aus der NRZ, 26.05.2010:

Liebe, Eifersucht, Verrat – und viel rotes Haar
Wann verdient ein Krimi das Etikett Krimi? So oder so oder auch andersrum: Linus Reichlin fasziniert allemal mit seinem neuen Roman „Er“ (der durchaus auch „Sie“ heißen könnte, nicht zuletzt, weil er voller roter Haare ist).

Ist das denn überhaupt ein Kriminalroman?, fragt mein Freund, der bekannte Krimikritiker. Gute Frage. Ganz sicher bin ich mir da auch nicht. Strafrechtlich Verwertbares gibt es nur in Spurenelementen. Da ist ein Mordversuch, nein: eine Tötungsabsicht, die nie umgesetzt wird. Das verhindert ein ganz blöder Verkehrsunfall in Berlin. Und vor zehn oder mehr Jahren ein Todessturz von der schottischen Steilküste, bei dem – wer weiß es genau? – eine Sekunde lang ein Mordgedanke im Spiel war. Das ist nicht viel, doch der Mangel wird durch andere Qualitäten kompensiert.

Und wie! Mir ist schon lange kein Buch mehr so sehr „nachgegangen“ – so, dass die Figuren immer wieder im eigenen Kopf auftauchen und man anfängt, ihre Probleme zu wälzen. Dabei sind wir dann wirklich in einem anderen Genre gelandet: Jetzt geht es um Liebe, Lust, Treue, Betrug und Verrat – oder ist das alles nur die Einbildung unseres eifersüchtigen Helden? Das ist Hans oder Hannes Jensen, ehemals Inspecteur der flämischen Kripo, jetzt wohl frühpensioniert, der sich ausgerechnet auf dem Weg zu einer Beerdigung in Berlin in die rätselhafte Frau vom Blumenladen verliebt.

Auch diese Lea kommt von weit her, von den Äußeren Hebriden (Inselgruppe nordwestlich von Schottland, sagt das Lexikon). Von dort hat „Sie“ viel rotes Haar, rauen Charme und seltsame Mahlzeiten mitgebracht, und eine geheimnisvolle Vergangenheit, in die „Er“ immer tiefer hinein gezogen wird. Und zwar nur deshalb, weil er sich ihrer Liebe nicht sicher fühlt. Gibt oder gab es da einen anderen „Er“? Und warum will „Sie“ nicht darüber sprechen?

Die quälende Ungewissheit führt Hannes dann auf seine ganz persönliche Ermittlung an den äußersten Rand Europas. Das darf man verraten, weil das Buch so stark ist, dass es am Ende sogar eine Art von Happy-End erträgt.

Dies ist ein kleiner, aber fast perfekter Roman über eines der größten Themen der Weltliteratur, die Eifersucht und den Liebesverrat. Und man darf sicher sein, dass Linus Reichlin ein paar einschlägige Werke gelesen hat. Ihm selbst gelingt eine unangestrengte Balance zwischen den verschiedenen Milieus, zwischen dem Alltäglichen und dem Unerhörten, zwischen psychologischem Tiefgang und Humor. Und all das in einer Erzählweise, die ganz unangestrengt daherkommt, in Wahrheit aber sehr flexibel, trickreich und nuanciert ist.

Also ein lesenswertes, ein packendes Buch. Aber auch ein Krimi? Das ist mir immer noch unklar. Dass Linus Reichlin schon mal den deutschen Krimi-Preis gewonnen hat, hilft uns kaum weiter. Dass er selber sein Buch wohl NICHT für einen Krimi hält (wie mir mein Freund sagt), ebenso wenig. Vermutlich ist diese Frage aber auch gar nicht so wichtig.

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