Entwurf für eine Welt ohne Menschen - Entwurf zu einer Reise ohne Ziel.
Prosa von Peter Rosei (1975, Residenz Verlag/1999 - Klett-Cotta).
Besprechung von Heinz Neidel aus den Nürnberger Nachrichten vom 16.07.1999:

Vertriebene Götter
Reise ohne Ziel: Wiederbegegnung mit dem Autor Peter Rosei

Er ist beinahe dreißig Jahre auf der Wanderschaft. Das Ziel der Literatur des österreichischen Außenseiters Peter Rosei ist die Suche. Zugespitzt zusammengefaßt. Das Adjektiv forschend präzisiert die Marschrichtung. „Inständig horche ich in die Welt hinaus, als könnte ich mir von dorther begegnen“, erklärt einer seiner Protagonisten stellvertretend.

Der Rosei-Kosmos (dreißig Bücher zählt er inzwischen bestimmt) gliedert sich in diverse, unterschiedlich strukturierte Ländereien und Welten-Kammern. Von kurzer, unspektakulärer, fast glatter früher Prosa mäandert der gewiefte Erzähler, auch mit Essavs, Gedichten und Hörspielen, zu einem breit angelegten Zyklus, der 1988 abgeschlossen wird: sein Welt-Panorama in sechs Bänden. Entdeckungsromane wie „Der Mann, der sterben wollte“, „Fliegende Pfeile“ und „Persona“ markieren die 90er Schreib-Jahre.

Eine Scharnierstelle (wie sich nunmehr herausstellt) trägt das Datum 1975. in diesem Jahr erschienen zwei Tandem-Texte: „Entwurf für eine Welt ohne Menschen“ und „Entwurf zu einer Reise ohne Ziel“. Der Verlag Klett-Cotta ediert sie jetzt in einer apart gestalteten Reprise. Und die Wiederbegegnung wirft ein Überraschungslicht auf die Werke aus den Nachfolgedekaden.

Der erste Entwurf beginnt wie eine naturkundliche Abhandlung („Die Erforschung des Erdballs ist abgeschlossen“) und schubst den Leser dann in eine menschenleere, riesenhafte Naturszenerie. Der einsame Erzähler führt uns durch eine staubige Steppe, auf einen stiernackigen Berg; Halluzinationen melden sich. Krater, Geröllfelder und Waldhänge fordern Durchhaltevermögen - wie die dichten Details von Flora und Fauna. Hier übt ein Fanatiker sein Handwerk: „Je länger ich schreibe, desto unbezähmbarer wird meine Lust, alles, jede Kleinigkeit aufzuzeichnen. Ich möchte nichts verlieren“ (gesteht er 1987 im Roman „Aufstand“).

Was hier „Gelobtes Land“ heißt, erweist sich zugleich als zynische Leerformel, als Schutzbehauptung, um an der stummen Verzweiflung wenigstens vorbeizuschrammen. Das Wahrgenommene zerstiebt dem Betrachter in atomisierte Partikel; Bezüge, eine Gesamtschau gibt es nicht. Aus dieser Landschaft sind die Götter längst vertrieben.

Der zweite Entwurf ergänzt den ersten zum Zwilling. In gleicher, manchmal schwer einträglicher Ausführlichkeit berichtet er von einer Menschengruppe (anscheinend ohne Herkommen und Ziel), die Bauerndörfer erkundet, eine Garnisonsstadt durchstreift und in einer Metropole mit Meeresnähe untertaucht. Eine gelungene Parabel vom Leben als Wanderschaft, als Reise in die Ausweglosigkeit oder Leere.

Die Kunst der Beschreibung und eine stille Analyse geben dieser makellosen Prosa ruhigen Drive. Unter dem Brennglas betrachtet wirft in diesen beiden Texten die Schöpfung durchgestrichen. So nicht, denkt der (Selbst-)Aufklärer. Das bauen wir besser noch einmal. Aber wie? Rezepte hat Rosei nicht. Aber einen Reigen von Vorschlägen. Wie zum Beispiel diesen: „Das Glück findet man nur, wenn man etwas anderes sucht als eben das Glück.“ Fangen wir an!

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter Nürnberger Nachrichten]

Leseprobe I Buchbestellung 0204 LYRIKwelt © Nürnberger Nachrichten