Entscheidungen in einem all von Liebe von Binnie Kirshenbaum, 2003, dtvch1.) - 3.)

Entscheidungen in einem Fall von Liebe.
Roman von Binnie Kirshenbaum (2003, dtv).
Besprechung von Christine Diller aus der Münchner Merkur, 25.3.2003:

Die Faszination von Opfern und Tätern
Gespräch: US-Autorin Binnie Kirshenbaum

Die Vergangenheit holt einen immer mal wieder ein. Für die Deutschen ist das meist unangenehm, was Binnie Kirshenbaum dann sehr leid tut. Die amerikanische Jüdin hat viele Freunde in München. Einmal erzählte ihr bei einer Party eine Bekannte, warum sie einen bestimmten Stadtteil Münchens nicht mag, und sagte vor lauter Anspannung: wegen der vielen jüdischen Kneipen. Und meinte eigentlich irische.

So oft entschuldigte sich die Bekannte an diesem Abend noch für den Freud'schen Fehler, dass es Binnie Kirshenbaum selbst schon peinlich war. Die New Yorker Schriftstellerin stellte gestern im Münchner Literaturhaus ihr jüngstes Buch vor: "Entscheidungen in einem Fall von Liebe".

"Ich persönlich kenne niemanden, der diesen Krieg unterstützt." Binnie Kirshenbaum

Darin schildert sie die Affäre eines deutschen Geschichts-Professors mit der amerikanischen Historikerin Hester. Oder vielmehr die gegenseitige Faszination der Nachkommen von Opfern und Tätern des Holocaust. Grund für Hester, neben dem Körper des Geliebten auch dessen Familiengeschichte zu erforschen. Aus ihren Notizen und den Dokumenten dieser Familie setzt sich der Roman über eine "verbotene" Liebe zusammen.

Verboten? "Natürlich nehmen wir Deutschland heute als wichtigen EU-Staat wahr. Es gibt aber eine amerikanische Denkweise, die Deutschland immer noch in der NS-Zeit sieht. Weil wir doch sehr ignorant sind, was Veränderungen andernorts betrifft", sagt Kirshenbaum. Und die Reaktionen auf ihr Buch bestätigten ihr, dass es für Amerikaner immer noch etwas Fremdes ist, wenn sich "ein Deutscher und eine Jüdin" ineinander verlieben: "Die Romeo- und Julia-Konstellation mochte ich immer sehr."

Der Blick, den Kirshenbaum auf die Deutschen wirft, ist nicht immer nett: "Jemand wie Hester würde hier erst einmal alles Schlechte entdecken wollen. Sie hat ein stereotypes Bild. Mir geht es als Amerikanerin umgekehrt ganz ähnlich: Die ganze Welt hält einen für dick und dämlich und besessen von großen Autos. . ."

Kirshenbaum: "Sich nicht mit der Geschichte beschäftigen heißt, sich selbst nicht verstehen." Sie hat sogar den Eindruck, dass es ihren deutschen Gesprächspartnern manchmal "psychologisch gut tut", ihr ungefragt von der Nazi-Vergangenheit der alten Generation zu erzählen: "Es ist so ähnlich wie mit den Schwarzen in USA: Wir versuchen, über die Hautfarbe nicht nachzudenken, sind uns dessen aber stets bewusst."

Und so beschränkt sich die Autorin nicht darauf, in der Vergangenheit anderer zu kramen, sondern nutzt ihren Roman auch zur kritischen Selbstbespiegelung: Erst in der Konfrontation mit Deutschland lernt die Romanheldin über ihre Heimat: "Die Ironie Amerikas ist nämlich: Außerhalb New Yorks bist Du erst Amerikaner, wenn du akzentfrei sprichst und deine Haut weiß ist. ,American Way’ heißt: stark sein."

Dass ihre Regierung derzeit einmal mehr die Muskeln spielen lässt, kritisiert Kirshenbaum: "Ich persönlich kenne niemanden, der diesen Krieg unterstützt." Man höre allerdings, dass die US-Regierung sehr gut darin sei, die Presse zu manipulieren. Und: "Warum sollte Bush auf Demonstranten hören, wenn er nicht einmal auf die eigenen Generäle hört?"

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Entscheidungen in einem all von Liebe von Binnie Kirshenbaum, 2003, dtvch2.)

Entscheidungen in einem Fall von Liebe.
Roman von Binnie Kirshenbaum (2003, dtv).
Gespräch von Harald Loch aus Jüdische Allgemeine:

Politisch korrekte Demutshaltung
Binnie Kirshenbaum über den deutschen Umgang mit der Schoa und ihren neuen Roman

Binnie Kirshenbaum ist Anfang vierzig, New Yorkerin, und schreibt über Frauen, jüdische Frauen vor allem. Das tut sie witzig und mit einem guten Schuß Sarkasmus. So auch in ihrem neuen Buch: Die junge jüdische Historikerin Hester aus New York verliebt sich in München in den wesentlich älteren deutschen Geschichtsprofessor Heinrich. Es geht um Eros und Geschichte, Liebe und Schoa, eine Beziehung zwischen Jung und Alt, zwischen Opfertochter und Tätersohn. Harald Loch hat mit der Autorin gesprochen.

Ihr neues Buch ist eine Komödie über die Frage, wann die deutsche Schuld am Holocaust zu Ende ist. Ist die Komödie das richtige Genre für dieses Thema?
Kirshenbaum: Ich denke, mein Roman wird in Deutschland etwas anders wahrgenommen als etwa in den USA. Wenn ich mit den Vorurteilen über Deutschland und die Deutschen spiele, erfülle ich gewisse, nie so ganz ernst genommene Erwartungen in Amerika. In Deutschland treffe ich zunächst auf schuldbewußte Zustimmung.

Sie überspitzen diese Vorurteile aber so, daß viele deutsche Leser sie nicht mehr annehmen können. Wollen Sie gnadenlos sein?
Kirshenbaum: Im Gegenteil! Ich löse damit zunächst die - natürlich berechtigte - Empörung des deutschen Lesers aus. Der wird sich dessen bewußt und besinnt sich seiner politisch korrekten Demutshaltung. Irgendwann bekommt er mit, daß Humor im Spiel ist. Er beginnt zögernd zu lachen. Aber da bin ich schon wieder beim Ernst der Sache - das Spiel beginnt von vorn.

Das Wechselbad der Empfindungen ist also beabsichtigt. Verfolgen Sie etwa einen pädagogischen Zweck?
Kirshenbaum: Mein Zweck ist die Literatur, nicht Erziehung. Aber ich denke, das Buch wird eine andere Nachdenklichkeit auslösen. Das Falsche - ich sage bewußt nicht: das Verlogene - an der gebeugten Haltung, das den Holocaust zum nationalen Erbe der Deutschen macht, gehört denunziert. Ich stelle den Leser auf ein Schüttelrost und er wird als ein Anderer heruntersteigen.

Ein New Yorker Kritiker hat ihr Buch auf den Punkt gebracht: „Trockener Champagner zur Henkersmahlzeit“! Finden Sie nicht, daß das Getränk dafür zu schade ist?
Kirshenbaum: Ironie, Frechheit und witzige Übertreibung gehören nun mal zu meinem Handwerkszeug. Es ist doch nie zu schade, wenn man das, was man am besten kann, auch benutzt, um das, was man am besten tun sollte, zu verwirklichen. Aber Sie konzentrieren sich viel zu sehr auf das Schamgefühl von Heinrich. Als Deutscher trauen Sie sich nicht, auf Hester zu sehen. Sie schämt sich, die Tochter von Opfern zu sein. Da steckt ein genauso großes Problem - und das wird den amerikanischen Lesern aufstoßen. Denken Sie mal darüber nach!

Gleichzeitig mit dieser „stacheligen Komödie“ (so die „New York Times“) erscheint Ihr Buch „Flohmärkte“ in der dtv-Reihe „Kleine Philosophie der Passionen“. Was fasziniert sie an Flohmärkten?
Kirshenbaum: In erster Linie der intime Einblick in das Leben von Menschen, die vielleicht schon längst tot sind. Das kann nie indiskret werden, weil ich diese Personen ja nicht kenne. Die Intimität stellt sich als Fiktion ein - das ist sehr reizvoll für jeden, der schreibt. Außerdem warte ich natürlich immer auf den einmaligen großen Fund - ein Glücksspiel, öffentliche Schatzsuche in ehemaligen Leben, Gedächtnisarbeit als Vergnügen.

Gibt es am Ende etwa einen inneren Zusammenhang zwischen den Themen der beiden Bücher - Flohmärkte und deutsch-jüdische Geschichte?
Kirshenbaum: Das sehen Sie als Deutscher grundsätzlicher, als es gemeint ist. Die Ironie der Geschichte hat immer auch eine ästhetische Dimension. Um die geht es mir - in jedem Fall!

[...diese Rezension wurde der Jüdischen Allgemeinen entnommen, der Wochenzeitung für Politik, Kultur, Religion und jüdisches Leben. Das Buch kann im Leo Baeck Bookshop, der größten Online-Buchhandlung für jüdische Literatur,  bestellt werden]

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Entscheidungen in einem all von Liebe von Binnie Kirshenbaum, 2003, dtvch3.)

Entscheidungen in einem Fall von Liebe.
Roman von Binnie Kirshenbaum (2003, dtv).
Besprechung von Stefana Sabin ain Neue Zürcher Zeitung, 27.12.2003:

Der Sieg des Misstrauens
Eine jüdisch-deutsche Liebesgeschichte

Immer wieder «fast von einem Fahrrad überfahren» zu werden, gehört zu den Todesängsten, die Hester Rosenfeld in München aussteht; dass man zum Essen weder Brot noch Wasser bekommt, ist eine nahrungsexistenzielle Erfahrung, an die sie sich eher gewöhnt als daran, dass «kein Mensch je freundlich lächelt». Wie die vorigen Heldinnen von Binnie Kirshenbaum ist auch Hester eine selbstbewusste Frau, die in postfeministischer Manier die Männer (ver)braucht. Die leidenschaftliche Liebesbeziehung, die Hester in München auslebt, entspricht dem Klischee jener film- und romanbewährten Anziehung zwischen dem blonden Deutschen und der schwarzhaarigen Jüdin, zwischen dem deutschen Mann, dessen Eltern womöglich Täter waren, und der jüdischen Frau, deren Eltern Opfer waren. In diesem Roman ist der deutsche Mann Professor für mittelalterliche Geschichte in München und die jüdische Frau Sachbuchautorin in New York. Sie begegnen sich auf einer Tagung und gehen eine Beziehung ein, die zuerst alle praktischen Hindernisse übersteht, die aber schliesslich an historischen Altlasten scheitert: an dem deutschen Vorurteil über jüdische Rechthaberei und ständige Schuldzuweisung und an dem jüdisch-amerikanischen Misstrauen gegen die Abwehr der Schuld und den neuen deutschen Philosemitismus. So kehrt Hester nach New York zurück, wo sie nun statt der geplanten Untersuchung über die unmittelbare Nachkriegsgeneration eine Studie über das Alltagsleben in der Kolonialzeit vorbereitet.

In ihrem Roman inszeniert Binnie Kirshenbaum den immer noch virulenten Konflikt um Wissen und Nichts-wissen-Wollen von der Vergangenheit der Eltern als einen Konflikt zwischen verschiedenen wissenschaftlichen Einstellungen. Denn der deutsche Historiker rechtfertigt seine Verdrängung der Frage nach der Haltung seiner Eltern in der Nazizeit damit, dass es «ein Generationenkonflikt war, nicht ein persönlicher», und ignoriert das individuelle Bild zugunsten des grösseren gesellschaftlichen Zusammenhangs; die amerikanische Sachbuchautorin dagegen konzentriert sich gerade auf persönliche Aspekte und will aus der individuellen Geschichte die gesamtgesellschaftliche Entwicklung destillieren. So collagiert Hester als Ich-Erzählerin Passagen aus Interviews und Briefen mit Zitaten aus Geschichtsbüchern - und so beschreibt Kirshenbaum eine Liebesbeziehung, die sich in der Geschichte verfängt und unmöglich wird....Fortsetzung

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