Entgleisungen von Patrick Kkontis, 2001, AmmannEntgleisungen.
Erzählung von Patrick Kokontis (2001, Amman).
Besprechung von Sabine Peters aus der Frankfurter Rundschau, 2.8.2001:

Die Krankheit zum Tode
Notwendig: die "Entgleisungen" von Patrick Kokontis

Eine Zugfahrt, also eine Reise nicht der Nase nach, sondern auf vorgegebenen Schienen, bildet den Rahmen des ersten Buchs von Patrick Kokontis. Es geht hier allerdings, wie der Titel schon sagt, nicht um die Bewegung in und nach vorgezeichneten Bahnen, sondern um Entgleisungen, ums Aus-der-Spur-Geraten. Patrick Kokontis, der 1964 in Griechenland geboren wurde und heute in Seon und Bern lebt, hat Aids. In seinem Buch versucht die ebenfalls aidskranke Hauptfigur Pavlos, den bisherigen Lebensweg zu rekonstruieren; es geht also um Selbstvergewisserung und um Selbstbefragung. "Lebensweg", das klingt überschaubar - aber Kokontis zeigt am Beispiel seines Helden, wie schwierig es ist, Fixpunkte des eigenen Lebens überhaupt wahrzunehmen und später vielleicht anzuerkennen.

Pavlos lebt so vor sich hin, fühlt sich allmählich schlechter. Er leidet unter Atemlosigkeit, Schlaflosigkeit, Husten, Fieber, Schwindelanfällen - und erlebt eines Tages im Kino eine Figur, die von sich selbst sagt, sie habe Aids. "Was jede Faser in seinem Körper ihm über Wochen mitzuteilen versucht hatte, musste ihm eine irreale, überlebensgroße Gestalt von da oben mitten ins Gesicht sagen." Im Krankenhaus stellt man die Diagnose, hektisch und dabei vorwurfsvoll. Von da an, so scheint es, ist alles anders. War es "vorher" angesichts der Schwierigkeiten im Alltag so verführerisch, sich selbst als "Kamelienherr" zu imaginieren, der vornehm dahinsiecht, hat Pavlos "jetzt" und "jetzt" und "jetzt" mit immer neuen schmerzhaften hässlichen Symptomen, Krankheitsschüben und Angstanfällen zu kämpfen.

Auffallend ist, wie das möglicherweise ja ordnende "Vorher-Nachher-Schema" sich im Verlauf des Buchs auflöst. War es denn wirklich erst der Film, der Pavlos die Augen geöffnet hat? War er nicht erst kürzlich bei der Beerdigung eines früheren Geliebten dabei? Gibt es nicht da oder dort kranke, sterbende Freunde? Und hatte er nicht schon längst einen anonymen Aidstest gemacht, sich aber nicht wieder im Krankenhaus gemeldet, als er dazu aufgefordert wurde? Kokontis schreibt sich an Verdrängungen heran, er umkreist sie, der Text scheint die Figur der Verdrängung selbst nachzuschreiben, sie zu wiederholen; gelegentlich tritt er auf der Stelle, springt dann wieder - um einen Schmerz zu streifen, der möglicherweise noch schrecklicher ist als auch die Krankheit Aids. Kokontis Held tastet sich an das banale und furchtbare Gefühl heran, bisher nicht wirklich gelebt zu haben. Die Entdeckung seiner schwulen Identität ist noch nicht so lang her, und seine ersten Schritte in die schwule Subkultur waren sehr schüchtern. Und jetzt hat er Aids, mit Krankheitsausbrüchen, die ihn mehrfach an die Schwelle des Todes führen.

Entgleisungen ist ein Buch mit deutlich autobiografischen Zügen. Als Patrick Kokontis letztes Jahr bei den Klagenfurter Bachmann-Tagen aus dem Manuskript las, hörte er viele Einwände, und in der Tat gibt es im Buch eine Reihe von unpassenden Bildern, von geschraubten Sätzen und hochtönenden Sentenzen. Man hätte sich eine größere Distanz des Autors zu seiner Figur gewünscht. Die Entgleisungen lösen sich über weite Strecken nicht vom Kontext ihrer Entstehung, sie trauen noch nicht der Tatsache, dass literarische Texte fiktional sind, d. h. aus sich selbst heraus verstehbar. Was Patrick Kokontis allerdings oft sehr gut gelingt, sind abrupte Brüche und Schnitte: Eben noch hat der Held versucht, grundlegende Lebensweisheiten ihrer Klischeehaftigkeit zu entreißen und eigenständig zu formulieren, da erinnert die Krankheit, da erinnert der Autor ihn daran, dass er vor allem Körper, und zwar ein versehrter Körper ist: Ein ausgezehrter, dürrer Mensch, der einmal einen Hintern hatte an Stelle dieses Fladens, aus dem es jetzt oft unkontrollierbar rinnt und pfeift.

Die Entgleisungen sind ein "jugendlich" anmutender, auf alle Fälle dringlicher und radikaler Versuch, dem Leben angesichts von Aids Sinn zu geben, verbunden mit der Ahnung, dass das nur begrenzt möglich ist. Die Notwendigkeit dieses Buchs spürt man trotz oder gerade wegen dieser Mängel: Hier weiß einer etwas von Endlichkeit und möchte doch verstehen, was es mit der Welt und dem Leben und sich selbst auf sich hat. Kokontis musste das Buch schreiben, nicht, um sich einen Namen zu machen oder um ein Produkt auf den Markt zu werfen, sondern vermutlich deshalb, weil Schreiben eine Form der Auseinandersetzung ist, bei der der Autor mehr oder weniger die Fäden in der Hand hat. Er bestimmt die Bahn, er lässt seine Figuren sterben oder leben.

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