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1.) - 3.)
Den Riemen spüren
Verwilderung und Barock
In der Entfernung des Titels müssen wir wohl zuerst
eine Entfernung Selmas von sich selbst lesen. Tatsächlich speist dieses Buch
seine erzählerische Kraft aus einer schleichend einsetzenden Verwandlung. Eine
Häutung findet statt, eine Korrektur des zuvor subjektiv Gültigen. Irgendwann
vermag Selma das Wort "neu" zu denken. Hierbei spielt eine äußerst skurrile
Beichte und eine Session als Aktmodell ebenso eine Rolle wie das erwähnte
Bombenattentat, aus dem Selma lebend, aber verwildert und verwirrt herauskommt.
Und weil sie selbst in den Zustand der Verwilderung eingetreten ist, kann sie
dem verwirrten Kongolesen eine Offenbarung entlocken, über die nur so viel
verraten sei: Ein Stein beginnt zu funkeln. "Like a star in the sky."
Dabei hat Selma Sebastian gesucht, die andere Erlöserfigur des Romans. Sie hat
Sebastian am Vorabend erst kennengelernt, und er hat etwas getan, das Selma in
die Lage versetzte, sich und ihre Hüllen fallen zu lassen. Sie hat ihm ein
Geständnis gemacht, das hier nicht verraten sei, weil damit das Herzstück des
Buchs preisgegeben wäre. Von dem fettsüchtigen katholischen Priester und
Subkulturpornodarsteller Sebastian geht ein Sog aus. Er ist zweifellos die
schrägste Figur des gesamten Romans, der mit einigen wüsten, ins Camphafte
driftenden Szenerien aufwartet. Selma taucht ein in dieses ihr unbekannte
Soziotop, in das sie der pure, durch Mallarmé poetisch geadelte Zufall lenkt.
Selma sehnt sich nach Sebastian, und wer weiß, vielleicht wird sie ein neues
Leben mit ihm beginnen? Sicher ist: Der Londoner Depressions- und Schocktrip der
gefallenen Dr. Selma Brechthold verwandelt sich unter der Hand in eine Folge von
surrealen, katholisch-esoterisch überhöhten Abenteuern. Der Barock überwölbt das
Elend. Virtuos. Wenn das keine Empfehlung ist!
[...diese und weitere Besprechungen
finden Sie unter
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Leseprobe I Buchbestellung I home 1208 LYRIKwelt © Frankfurter Rundschau
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2.)
Entfernung.
Roman von Marlene
Streeruwitz (2006, S.
Fischer).
Besprechung von Alexander Altmann aus den Nürnberger
Nachrichten vom 14.09.2006:
Das Bewusstsein wird zerhäckselt
Eine Frau im Terror von London
Dieser Autorin muss man nicht zurufen „Jetzt
mach’ aber mal einen Punkt!“. Das tut Marlene Streeruwitz nämlich ganz von
allein. Schon hinter den Titel ihres neuen Romans „Entfernung“ hat die
Wienerin einen Punkt gesetzt, und im Text wird dieses Satzzeichen dann vollends
zum wichtigsten Stil-Element: „Ein Getränkeautomat. Rechts. Der Boden
schimmernd grau gesprenkelt. Glatt. Ihre Schuhe leise quietschende Geräusche
auf diesem Boden. Sie ging.“ So hört sich waschechter Streeruwitz-Sound an.
Die Sprache: Ein Scherbenhaufen.
Aber solche Fleischhackerprosa passt sozusagen punktgenau zum Thema dieses
Romans, in dem es darum geht, wie das Ich-Bewusstsein eines Menschen zerhäckselt
wird, der in der modernen Leistungsgesellschaft durch den Rost fällt: Die
Wiener Kulturmanagerin Selma wird entlassen, weil ihr Chef eine Jüngere
einstellt. Gleichzeitig zerbricht Selmas Beziehung. So sieht der Super-GAU einer
bürgerlichen Existenz aus, in der der Einzelne sich einerseits durch die
Berufstätigkeit, andererseits durch menschliche Beziehungen definiert.
Also flieht die Endvierzigerin Selma nach London, wo sie neu Fuß fassen will,
aber erst mal nur als Aktmodell bei einem Zeichenkurs posiert. Und dann gerät
sie in die Terroranschläge auf die Londoner U-Bahn - für deren Beschreibung
die splitternde Streeruwitz-Sprache erschreckend gut geeignet ist. Denn das ist
die eigentliche, schockierende Erkenntnis dieses Romans: Die sichtbare, blutige
Gewalt der Attentate (denen Selma leicht verletzt entkommt) erscheint plötzlich
als äußere Entsprechung jener unsichtbaren Gewalt, die der Heldin angetan
wird, als ihr mit der sozialen Stellung die Identität in die Brüche geht.
Es bleibt erstaunlich, wie flüssig und leicht sich Streeruwitz’
„experimentelle“ Prosa auch diesmal wieder liest. Als selbstverständlicher
und angemessener Ausdruck einer Gegenwart, da der leise Terror der Alltäglichkeit
die Individuen verheert, erscheint dieses Sprach-Trümmerfeld.
[...diese und weitere
Besprechungen finden Sie unter
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Leseprobe I Buchbestellung 1106 LYRIKwelt - das LiteraturPortal im Internet! © Nürnberger Nachrichten
***
3.)
Entfernung.
Roman von Marlene
Streeruwitz (2006, S.
Fischer).
Besprechung von Beat Mazenauer in freitag
vom
17.11.2006:
Ohnmacht und Verachtung
TUNNELBLICK. In
ihrem neuen Roman "Entfernung" beschreibt Marlene Streeruwitz mit
obsessiver Genauigkeit eine Lebenskrise
Dr. Selma Brechthold kittet die Scherben ihres
Lebens. Vor kurzem ist die 49-Jährige ihren Traumjob als Chefdramaturgin bei
den Wiener Festwochen an eine jüngere Konkurrentin los geworden. Gleichzeitig
hat sie ihr Freund verlassen. Diese doppelte Kränkung nagt an ihrem Lebensmut.
Mit einer Reise nach London versucht sie eine neue, vielleicht letzte Chance zu
packen, doch Selma weiss selbst, dass sie mit ihrer vagen Projektidee kaum
Erfolg haben wird. Selma geht wachsam und zugleich wie abwesend durch sterile
Flughafeninterieurs und abgewrackte oder herausgeputzte Stadtlandschaften.
Ringsum kann sie nur Ödnis, nur dumme Herdenmenschen wahrnehmen. Und der Blick
in den Spiegel. Er zeigt eine alternde Frau, die sich selbst fremd zu werden
droht. Nach einer Nacht voller Überraschungen entkommt sie am 7. Juli 2005 mit
oberflächlichen Blessuren glückhaft dem Terroranschlag auf die Londoner
U-Bahn.
Von diesem minimalistischen Handlungsgerüst getragen fließt Selmas Gedanken-
und Beobachtungsstrom in 31 Etappen träge dahin und zieht den Leser und die
Leserin langsam mit sich fort. Marlene Streeruwitz mutet ihnen einiges zu. Sie
verfolgt ihre Heldin wie ein Schatten bis in die tiefsten Gefühlsregungen
hinab. Präzise und minutiös hält sie fest, was Selma bewegt, stört, ängstigt.
Selma trägt ihre Seele zu Markte, nur notdürftig vermag sie sich gegen die Außenwelt
zu panzern. "Sie musste aufpassen. Sie durfte nicht verbittert
werden." Doch schon flüchtigste Begegnungen drohen sie tief zu verletzen.
Selma könnte nicht recht sagen, weshalb. Der Appell an sich selbst, zu kämpfen,
hart zu bleiben, "das Ausmaß ihrer Zerstörung" zu verbergen,
verhallt in ihrer inneren Leere. Das Leben ist vertan, die Lust verraucht, die
Schönheit verblasst. Soviel glaubte sie zu wissen. "Sie musste alles
begraben. In sich." Die kalte, unfreundliche Großstadt widerspiegelt ihre
Trostlosigkeit und lässt sie mit ihren Prada-Schuhen wie eine
"herzige" Provinzlerin vorkommen, die ahnt, dass ihre verzweifelte
Hoffnung hier nicht eingelöst werden würde. Sarah Kane theatralisch mit
Christopher Marlowe zu "simultanen Welten der Grausamkeit und Zerstörung"
zu verquicken? Dafür war der Kulturbetrieb längst zu zynisch und zu oberflächlich.
Dafür würde sich kein Interesse mehr finden lassen.
Formal bettet Streeruwitz ihre Heldin in fest gefügte, absatzlose Blöcke ein -
die an Peter Weiss´ Ästhetik
des Widerstands erinnern. Und in das für sie typische Stakkato, das Selmas
Labilität sprachlich nicht nur sicht-, sondern spürbar macht: "Weil sie
das nicht sehen wollen hätte können." Ihre Blicke kristallisieren sich an
zufälligen Passanten zu Gefühlen der Verachtung, Selma projiziert ihre Wut und
ihren Hass ungeniert auf ihr unbekannte Gegenüber. Dem Liebespaar in der U-Bahn
missgönnt sie das vorgeführte Glück, und den schwarzen Geschäftsmann taxiert
sie mit dem Blick eines "Sklavenhändlers". Doch zu wehren getraut sie
sich nicht, als sie von Betrunkenen angerempelt und als "bloody old bitch"
beschimpft wird. Ingrimm und Ohnmacht schaukeln sich unterschwellig aneinander
hoch und erstarren im Gefühl der Demütigung. Selma ist an einem Endpunkt
angelangt, an dem die Bilanz düster ausfällt: "Niemand liebte sie so, wie
sie es sich vorgestellt hatte. Gewünscht hatte. Sie hatte nie bekommen, was sie
sich erwartet hatte. Und jetzt war es zu spät." Streeruwitz lässt uns in
die Abgründe dieser Verzweiflung blicken - mit einer präzisen, hart
punktierten Sprache, die dem Buch bei aller Trägheit und Tristesse eine
funkelnde Prägnanz verleiht und immer wieder auch Momente größter Spannung
hervorruft.
Man wäre verwundert, wenn Streeruwitz mit ihrem neuen Roman nicht auch Kritik
provoziert hätte. Ein summarischer Überblick demonstriert, dass männliche
Kritiker weit weniger Geduld mit diesem Buch aufbringen als Kritikerinnen. Und
er demonstriert vor allem auch, dass es oft geradezu gewohnheitsmäßig auf die
feministische Schiene (ab)geschoben wird. Genau diese Voreingenommenheit aber
geht an der Sache vorbei - glücklicherweise. Selma ist nicht nur ein weibliches
Opfer, das von der Männergesellschaft unterdrückt und bei Gelegenheit fallen
gelassen wird. Sie, die sich einst für eine Global Playerin in der schicken
Kulturszene hielt, kann ihr Scheitern nur schwer ertragen. Ihr ehemaliger Chef,
der sich "eine Geliebte als Chefdramaturgin" wünschte: ein Schwein,
gewiss, wie ihr Mann, mit dem sie Kinderlosigkeit vereinbart hatte und der sich
nun mit einer jungen Ungarin den Vaterwunsch erfüllt. Selma reagiert mit Hass
nicht nur für die Männer. Sondern auch für "diese Ostfrauen. Die das
ernst nahmen. Mit dem Frau-Sein." Und sie lässt sich zu einem
unverhohlenen Rassismus hinreißen, den sie sonst nie gebilligt hätte.
In einem kleinen Buch, das kürzlich erschienen ist, umkreist Streeruwitz diese
schmale Grenze, die mit Gedanken und Worten schnell überschritten ist. Als
Mittel dagegen fordert sie, dass "die Person vollständig gedacht wird...
Erst dann ist Rassismus verlernt. Beginnt Rassismus als unerinnerte Erinnerung
einer Kultur zu verblassen."
Selmas Tunnelblick ist zu solcher Ganzheit nicht fähig. "Sie sass in der
Londoner underground und liess sich eine Rassistin sein. Sie genoss das."
Derart das Selbstmitleid mit Verachtung aufwiegend. Doch so leicht kommt sie
nicht davon. Jeder Blick in den Spiegel reißt sie wieder zurück in ihre
"Bodenlosigkeit nach unten". Sie bemerkt, dass es nicht reicht,
einfach beim "österreichischen Lieblingsspiel" mitzumachen: "Wie
bleibe ich am besten ein Opfer."
Entfernung. - mit Schlusspunkt im Titel - hält diese Spannung aus.
Selma schwankt zwischen elitärem Dünkel und weinerlicher Selbstanklage. Sie
ist Opfer männlicher Willkür, aber auch eine aus dem Rahmen gefallene
Kulturschickse, deren Erziehung zur "Mittelstandshöflichkeit" ihr
keine Instrumente der Gegenwehr bereit stellt. Streeruwitz evoziert nicht
voreilige Bedeutungen, ihr Text schwankt vielmehr differenziert und behutsam im
Zwielicht von Selmas Projektionen. Den Ostfrauen, ihrer Konkurrenz, wirft sie
vor: "Denen ging es nur um siegen." Und ihr selbst? Selmas frühere
Siegermentalität hat sie nicht gegen die Niederlage gewappnet. In ihrer
Hilflosigkeit erinnert sie an den Spruch auf einer beliebten Kunstpostkarte:
"Verlieren ist wie gewinnen, nur umgekehrt". Selma ist zwar
aufmerksam, aber nicht neugierig, das macht sie doppelt verletzlich.
Ihr verdruckstes Gemisch aus Schuld, Demütigung, Angst und Ohnmacht muss in
diesem Buch ganz ausgehalten und ganz ausgelesen werden. Eine kürzere
Beschreibung würde es zur Karikatur verzeichnen. Dies gilt, auch wenn die eine
oder andere Episode etwas allzu weitläufig geraten ist, allem voran die
Beschreibung eines Experimentalfilms, die kaum adäquate Bilder hervorzurufen
vermag. Gerade in diesem Kontext aber gelingt Marlene Streeruwitz ein kleines
erzählerisches Glanzstück: die zufällige Begegnung mit dem Filmoperateur und
Barkeeper Sebastian, einem fetten, sanften Schmerzensmann. In seiner Gegenwart
hellt sich Selmas Gemüt unvermutet auf, und diese Entspannung erneuert sich
nach dem Anschlag in der U-Bahn, dem sie mit schockhafter Wachheit entkommt.
"Sie hatte an eine Zukunft gedacht. Sie erschrak." Symbolisch überhöht
setzt die Autorin am Schluss ihres Buches ein feines Zeichen der Erlösung aus
diesem persönlichen Jammertal. Es wäre Selma zu gönnen, dass sie ihren
inneren Krieg überwinden könnte. Trotz dem permanenten Auf und Ab zwischen
Selbstmitleid und Verachtung wächst sie im Verlauf der 470 Seiten ihren Lesern
und Leserinnen ans Herz.
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Leseprobe I Buchbestellung I home 1104 LYRIKwelt © freitag/Beat Mazenauer