Entfernung von Marlene Streeruwitz, 2006, S. Fischer

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Entfernung.
Roman von Marlene Streeruwitz (2006, S. Fischer).
Besprechung von Ina Hartwig aus der Frankfurter Rundschau, 30.8.2006:

Selma schreit nicht
Diese "Entfernung" ist definitiv ein Abenteuer: Marlene Streeruwitz' neuer Roman über eine Frau, die sich abhanden kommt in Zeiten des Terrors

Wie über einen literarischen Text schreiben, in dem die teilweise dramatische Befindlichkeit einer verlassenen, entlassenen und betrogenen Frau engstens verwoben ist mit der anstrengend-banalen Materialität des globalisierten Alltags? Um es vorweg zu sagen: Im Banalen lauert bei der Österreicherin Marlene Streeruwitz stets das Basale. Dieses Prinzip setzt sie in ihrem neuen, umfangreichen Roman Entfernung fort. Ob ihr die Umsetzung so virtuos gelingt wie in dem Vorgängerroman über die dreißigjährige Wienerin Jessica?

Diesmal ist Streeruwitz vom monologischen Endlossatz Jessicas zurückgekehrt zu den Kurzsatzbrocken, für die sie bekannt ist, so wie eben Arno Schmidt für seine enzyklopädischen Wortungetüme bekannt war. Das besagt als solches noch nicht viel. Aber hinsichtlich des Plots liegt es diesmal nah, an eine mit Streeruwitz gewöhnlich nicht assoziierte literarische Tradition zu denken, den Nouveau Roman. Michel Butor war es, der in seinem Roman La Modification auf einigen hundert Seiten eine einzige Zugfahrt von Paris nach Rom als Rahmenhandlung für eine Reise ins Innere vorgab. Was in Entfernung erzählt wird, und es wird erzählt!, ist eine Reise von Wien nach London; die erzählte Zeit umfasst eine Nacht und knapp zwei Tage, mehr nicht. Der literarhistorische Hinweis möge die künstlerisch ambitionierte Autorin gegen Reflexe in Schutz nehmen, die sie auf eine Perspektive feministischen Trübsinns reduzieren wollen.

Den Riemen spüren

Tatsächlich dürften Dr. Selma Brechthold, der schnöde gekündigten Chefdramaturgin der Wiener Festspiele, die Herzen nicht so ohne weiteres zufliegen. "Wir müssen uns leider trennen. Von Ihnen. Sie wissen ja. Sie kennen ja unsere Situation am besten", wurde ihr in der heute üblichen, um Einverständnis heischenden Weise mitgeteilt. Selma, 49 Jahre alt, hatte jahrelang "alle Schwächen des Intendanten verwaltet", doch jetzt "wollte er eine Geliebte als Chefdramaturgin". Ferner hat Selmas Lebensgefährte Anton sie verlassen für eine jüngere Frau, eine Ungarin, und das gemeinsame Baby. Selma und Anton hatten sich gegen ein Kind entschieden, und jetzt ist Anton von dannen gezogen, ein neues Leben als Familienvater zu beginnen. Nicht nur in seelische, sondern auch in Geldnot geraten, war Selma gezwungen, in die Wiener Wohnung ihres alten Vaters einzuziehen; gewissermaßen Rückkehr in die Pubertät. Eine Gefallene des Kulturmilieus, eben noch einflussreich, plötzlich einsam. Voilà, das ist die unkomfortable Lage.

Als letzter Versuch, im eigenen Mittelstands-Kultur-Milieu Fuß zu fassen, muss Selmas Reise nach London wohl zunächst verstanden werden. Sie ist zum Dinner verabredet bei einem angesagten Italiener der Londoner City mit einem britischen Theaterschaffenden, den sie in ein Sarah-Kane-Projekt verstricken zu können hofft. Doch wird sich zeigen, dass dieser Mann seinerseits ein Gefallener ist und für sie nichts tun kann.

Cool Britannia ist kalt geworden, eiskalt. Das demonstriert Streeruwitz, die sich privat häufig in London aufhält, anhand etlicher Details, angefangen mit dem Talk des erschöpften Theatermanns, über die unheimlichen Umtriebe der Mafia, die in unterschiedlichen Zusammenhängen angedeutet werden, bis zum ärmlichen vernacular einiger Stadtviertel, die Selma durchirrt. Auch setzt Streeruwitz ihre Hauptfigur ansatzweise einer Mimikry ans Harte, Rohe, an die Müdigkeit und Gleichgültigkeit der vom Chaos des Postkolonialismus geprägten Metropole aus. War im Vorgängerroman Jessica noch auf vergleichsweise harmlosen Wegen (im Wiener Prater) gegen die eigene, standardisierte Weiblichkeit angerannt, so lauern in Streeruwitz' Londonbuch Entfernung unterm Pflaster weit gewaltigere Prüfungen als die Sorge, den Lebensstil ändern zu müssen.

Am 6. Juli 2005 bei drückender Hitze bricht Selma am späten Vormittag von Wien auf. Jede ihrer Bewegungen auf dem Weg zum Flughafen, jede Empfindung im Auto, beim Parken, beim Einchecken, im Flugzeug, im Zug in die Londoner Innenstadt, auf dem Weg ins Hotel, ins Restaurant wird registriert. Gedehnte Zeit: Die peripheren Ereignisse physisch "sprechen" zu lassen, ist offenkundig Streeruwitz' Absicht. Jeden Schritt gehen wir mit Selma, wir spüren den Riemen ihres Rucksacks, den sie über die Schulter streift, sehen sie zaghaft lächeln, derweil sie in Gedanken versinkt, ihr Leben rekonstruiert, sich bitterböse Klarheit über ihre Situation verschafft.

Das liest sich überraschend spannend, denn mit größtem Geschick jongliert Marlene Streeruwitz die Informationshappen. Bald wissen wir: Selma ist eine intelligente, selbstkritische, gelegentlich zynische Frau, deren magerer Körper Medium ihrer Weltklage ist. Ekel und Larmoyanz, objektives und subjektives Leid gehen dabei bis zur Unkenntlichkeit ineinander über: Auch das ist Prinzip. Als "einzige Freiheit" erscheint Selma "der freiwillige Vollzug der Gewalt an sich", wie es über die bewunderte, durch Suizid gestorbene Dramatikerin Sarah Kane einmal heißt.

Das alles wäre eine Zumutung für den nach Hoffnung süchtigen Leser, wenn nicht mit der Weltklage eine strenge Selbstbeobachtung einherginge, und nicht nur eine Selbstbeobachtung, auch eine Verwandlung. Vielleicht sogar eine Erlösung. Doch um bei der Selbstbeobachtung zu bleiben: Selma erlebt, wie der Virus des Rassismus in sie kriecht, ausgerechnet in sie, die sich dagegen immer gefeit geglaubt hatte. Ein Rastafari entwendet ihr in der U-Bahn das Ticket. Als er cool, oder kalt, neben ihr auf dem Bahnsteig steht (sie musste sich ein neues Ticket kaufen), spürt sie den rassistischen Kloß in ihrem Hals aufsteigen: So ist das also. Die zweite markante Begegnung mit einem Schwarzen findet ebenfalls in der U-Bahn statt, wo Selma überhaupt recht viel Zeit verbringt, gezwungenermaßen, weil das Geld für längere Taxifahrten nicht mehr reicht - und wenn sie sich ins Taxi setzt, kann es passieren, dass sie an einem ihr unbekannten Ort ausgespuckt wird.

Der zweite Schwarze des Romans jedenfalls ist bildschön, hervorragend gekleidet, offenbar ein Finanzmensch auf dem Weg in eines der besseren Quartiere. Er liest Zeitung und nimmt von Selma, die ihn scharf und neidisch mustert, keinerlei Notiz. Dem dritten Schwarzen, einem geistig Behinderten Kongolesen, wird die Rolle zufallen, Selmas Leben eine von zwei entscheidenden Wendungen zu geben.

Als einen Tag nach Selmas Ankunft in London an verschiedenen Stellen gleichzeitig Bomben hochgehen, sitzt unsere Heldin wieder einmal in der Untergrundbahn. Der überfüllte Waggon verwandelt sich in eine rauchende Hölle aus hysterischen Schreien, Todesangst und Galgenhumor. "Sie war nicht sicher, ob sie nicht selber schrie. Ob es nicht sie war, die diese Töne." Später heißt es: "Ihr Beitrag war, nicht zu schreien." Der globale Terrorismus als neues Existenzial hat unverkennbar Eingang in die Literatur gefunden, und das Risiko des Effekthascherischen ist nicht von der Hand zu weisen. Umso bemerkenswerter, mit welcher Diskretion, mit welch kluger politischer Zurückhaltung Streeruwitz das Makrothema in die Mikroerzählung einzufügen versteht.

Verwilderung und Barock

In der Entfernung des Titels müssen wir wohl zuerst eine Entfernung Selmas von sich selbst lesen. Tatsächlich speist dieses Buch seine erzählerische Kraft aus einer schleichend einsetzenden Verwandlung. Eine Häutung findet statt, eine Korrektur des zuvor subjektiv Gültigen. Irgendwann vermag Selma das Wort "neu" zu denken. Hierbei spielt eine äußerst skurrile Beichte und eine Session als Aktmodell ebenso eine Rolle wie das erwähnte Bombenattentat, aus dem Selma lebend, aber verwildert und verwirrt herauskommt. Und weil sie selbst in den Zustand der Verwilderung eingetreten ist, kann sie dem verwirrten Kongolesen eine Offenbarung entlocken, über die nur so viel verraten sei: Ein Stein beginnt zu funkeln. "Like a star in the sky."

Dabei hat Selma Sebastian gesucht, die andere Erlöserfigur des Romans. Sie hat Sebastian am Vorabend erst kennengelernt, und er hat etwas getan, das Selma in die Lage versetzte, sich und ihre Hüllen fallen zu lassen. Sie hat ihm ein Geständnis gemacht, das hier nicht verraten sei, weil damit das Herzstück des Buchs preisgegeben wäre. Von dem fettsüchtigen katholischen Priester und Subkulturpornodarsteller Sebastian geht ein Sog aus. Er ist zweifellos die schrägste Figur des gesamten Romans, der mit einigen wüsten, ins Camphafte driftenden Szenerien aufwartet. Selma taucht ein in dieses ihr unbekannte Soziotop, in das sie der pure, durch Mallarmé poetisch geadelte Zufall lenkt. Selma sehnt sich nach Sebastian, und wer weiß, vielleicht wird sie ein neues Leben mit ihm beginnen? Sicher ist: Der Londoner Depressions- und Schocktrip der gefallenen Dr. Selma Brechthold verwandelt sich unter der Hand in eine Folge von surrealen, katholisch-esoterisch überhöhten Abenteuern. Der Barock überwölbt das Elend. Virtuos. Wenn das keine Empfehlung ist!

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Entfernung von Marlene Streeruwitz, 2006, S. Fischer2.)

Entfernung.
Roman von Marlene Streeruwitz (2006, S. Fischer).
Besprechung von Alexander Altmann aus den Nürnberger Nachrichten vom 14.09.2006:

Das Bewusstsein wird zerhäckselt
Eine Frau im Terror von London

Dieser Autorin muss man nicht zurufen „Jetzt mach’ aber mal einen Punkt!“. Das tut Marlene Streeruwitz nämlich ganz von allein. Schon hinter den Titel ihres neuen Romans „Entfernung“ hat die Wienerin einen Punkt gesetzt, und im Text wird dieses Satzzeichen dann vollends zum wichtigsten Stil-Element: „Ein Getränkeautomat. Rechts. Der Boden schimmernd grau gesprenkelt. Glatt. Ihre Schuhe leise quietschende Geräusche auf diesem Boden. Sie ging.“ So hört sich waschechter Streeruwitz-Sound an. Die Sprache: Ein Scherbenhaufen.

Aber solche Fleischhackerprosa passt sozusagen punktgenau zum Thema dieses Romans, in dem es darum geht, wie das Ich-Bewusstsein eines Menschen zerhäckselt wird, der in der modernen Leistungsgesellschaft durch den Rost fällt: Die Wiener Kulturmanagerin Selma wird entlassen, weil ihr Chef eine Jüngere einstellt. Gleichzeitig zerbricht Selmas Beziehung. So sieht der Super-GAU einer bürgerlichen Existenz aus, in der der Einzelne sich einerseits durch die Berufstätigkeit, andererseits durch menschliche Beziehungen definiert.

Also flieht die Endvierzigerin Selma nach London, wo sie neu Fuß fassen will, aber erst mal nur als Aktmodell bei einem Zeichenkurs posiert. Und dann gerät sie in die Terroranschläge auf die Londoner U-Bahn - für deren Beschreibung die splitternde Streeruwitz-Sprache erschreckend gut geeignet ist. Denn das ist die eigentliche, schockierende Erkenntnis dieses Romans: Die sichtbare, blutige Gewalt der Attentate (denen Selma leicht verletzt entkommt) erscheint plötzlich als äußere Entsprechung jener unsichtbaren Gewalt, die der Heldin angetan wird, als ihr mit der sozialen Stellung die Identität in die Brüche geht.

Es bleibt erstaunlich, wie flüssig und leicht sich Streeruwitz’ „experimentelle“ Prosa auch diesmal wieder liest. Als selbstverständlicher und angemessener Ausdruck einer Gegenwart, da der leise Terror der Alltäglichkeit die Individuen verheert, erscheint dieses Sprach-Trümmerfeld.

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Entfernung von Marlene Streeruwitz, 2006, S. Fischer3.)

Entfernung.
Roman von Marlene Streeruwitz (2006, S. Fischer).
Besprechung von Beat Mazenauer in freitag vom 17.11.2006:

Ohnmacht und Verachtung
TUNNELBLICK. In ihrem neuen Roman "Entfernung" beschreibt Marlene Streeruwitz mit obsessiver Genauigkeit eine Lebenskrise

Dr. Selma Brechthold kittet die Scherben ihres Lebens. Vor kurzem ist die 49-Jährige ihren Traumjob als Chefdramaturgin bei den Wiener Festwochen an eine jüngere Konkurrentin los geworden. Gleichzeitig hat sie ihr Freund verlassen. Diese doppelte Kränkung nagt an ihrem Lebensmut. Mit einer Reise nach London versucht sie eine neue, vielleicht letzte Chance zu packen, doch Selma weiss selbst, dass sie mit ihrer vagen Projektidee kaum Erfolg haben wird. Selma geht wachsam und zugleich wie abwesend durch sterile Flughafeninterieurs und abgewrackte oder herausgeputzte Stadtlandschaften. Ringsum kann sie nur Ödnis, nur dumme Herdenmenschen wahrnehmen. Und der Blick in den Spiegel. Er zeigt eine alternde Frau, die sich selbst fremd zu werden droht. Nach einer Nacht voller Überraschungen entkommt sie am 7. Juli 2005 mit oberflächlichen Blessuren glückhaft dem Terroranschlag auf die Londoner U-Bahn.

Von diesem minimalistischen Handlungsgerüst getragen fließt Selmas Gedanken- und Beobachtungsstrom in 31 Etappen träge dahin und zieht den Leser und die Leserin langsam mit sich fort. Marlene Streeruwitz mutet ihnen einiges zu. Sie verfolgt ihre Heldin wie ein Schatten bis in die tiefsten Gefühlsregungen hinab. Präzise und minutiös hält sie fest, was Selma bewegt, stört, ängstigt. Selma trägt ihre Seele zu Markte, nur notdürftig vermag sie sich gegen die Außenwelt zu panzern. "Sie musste aufpassen. Sie durfte nicht verbittert werden." Doch schon flüchtigste Begegnungen drohen sie tief zu verletzen. Selma könnte nicht recht sagen, weshalb. Der Appell an sich selbst, zu kämpfen, hart zu bleiben, "das Ausmaß ihrer Zerstörung" zu verbergen, verhallt in ihrer inneren Leere. Das Leben ist vertan, die Lust verraucht, die Schönheit verblasst. Soviel glaubte sie zu wissen. "Sie musste alles begraben. In sich." Die kalte, unfreundliche Großstadt widerspiegelt ihre Trostlosigkeit und lässt sie mit ihren Prada-Schuhen wie eine "herzige" Provinzlerin vorkommen, die ahnt, dass ihre verzweifelte Hoffnung hier nicht eingelöst werden würde. Sarah Kane theatralisch mit Christopher Marlowe zu "simultanen Welten der Grausamkeit und Zerstörung" zu verquicken? Dafür war der Kulturbetrieb längst zu zynisch und zu oberflächlich. Dafür würde sich kein Interesse mehr finden lassen.

Formal bettet Streeruwitz ihre Heldin in fest gefügte, absatzlose Blöcke ein - die an Peter Weiss´ Ästhetik des Widerstands erinnern. Und in das für sie typische Stakkato, das Selmas Labilität sprachlich nicht nur sicht-, sondern spürbar macht: "Weil sie das nicht sehen wollen hätte können." Ihre Blicke kristallisieren sich an zufälligen Passanten zu Gefühlen der Verachtung, Selma projiziert ihre Wut und ihren Hass ungeniert auf ihr unbekannte Gegenüber. Dem Liebespaar in der U-Bahn missgönnt sie das vorgeführte Glück, und den schwarzen Geschäftsmann taxiert sie mit dem Blick eines "Sklavenhändlers". Doch zu wehren getraut sie sich nicht, als sie von Betrunkenen angerempelt und als "bloody old bitch" beschimpft wird. Ingrimm und Ohnmacht schaukeln sich unterschwellig aneinander hoch und erstarren im Gefühl der Demütigung. Selma ist an einem Endpunkt angelangt, an dem die Bilanz düster ausfällt: "Niemand liebte sie so, wie sie es sich vorgestellt hatte. Gewünscht hatte. Sie hatte nie bekommen, was sie sich erwartet hatte. Und jetzt war es zu spät." Streeruwitz lässt uns in die Abgründe dieser Verzweiflung blicken - mit einer präzisen, hart punktierten Sprache, die dem Buch bei aller Trägheit und Tristesse eine funkelnde Prägnanz verleiht und immer wieder auch Momente größter Spannung hervorruft.

Man wäre verwundert, wenn Streeruwitz mit ihrem neuen Roman nicht auch Kritik provoziert hätte. Ein summarischer Überblick demonstriert, dass männliche Kritiker weit weniger Geduld mit diesem Buch aufbringen als Kritikerinnen. Und er demonstriert vor allem auch, dass es oft geradezu gewohnheitsmäßig auf die feministische Schiene (ab)geschoben wird. Genau diese Voreingenommenheit aber geht an der Sache vorbei - glücklicherweise. Selma ist nicht nur ein weibliches Opfer, das von der Männergesellschaft unterdrückt und bei Gelegenheit fallen gelassen wird. Sie, die sich einst für eine Global Playerin in der schicken Kulturszene hielt, kann ihr Scheitern nur schwer ertragen. Ihr ehemaliger Chef, der sich "eine Geliebte als Chefdramaturgin" wünschte: ein Schwein, gewiss, wie ihr Mann, mit dem sie Kinderlosigkeit vereinbart hatte und der sich nun mit einer jungen Ungarin den Vaterwunsch erfüllt. Selma reagiert mit Hass nicht nur für die Männer. Sondern auch für "diese Ostfrauen. Die das ernst nahmen. Mit dem Frau-Sein." Und sie lässt sich zu einem unverhohlenen Rassismus hinreißen, den sie sonst nie gebilligt hätte.

In einem kleinen Buch, das kürzlich erschienen ist, umkreist Streeruwitz diese schmale Grenze, die mit Gedanken und Worten schnell überschritten ist. Als Mittel dagegen fordert sie, dass "die Person vollständig gedacht wird... Erst dann ist Rassismus verlernt. Beginnt Rassismus als unerinnerte Erinnerung einer Kultur zu verblassen."

Selmas Tunnelblick ist zu solcher Ganzheit nicht fähig. "Sie sass in der Londoner underground und liess sich eine Rassistin sein. Sie genoss das." Derart das Selbstmitleid mit Verachtung aufwiegend. Doch so leicht kommt sie nicht davon. Jeder Blick in den Spiegel reißt sie wieder zurück in ihre "Bodenlosigkeit nach unten". Sie bemerkt, dass es nicht reicht, einfach beim "österreichischen Lieblingsspiel" mitzumachen: "Wie bleibe ich am besten ein Opfer."

Entfernung. - mit Schlusspunkt im Titel - hält diese Spannung aus. Selma schwankt zwischen elitärem Dünkel und weinerlicher Selbstanklage. Sie ist Opfer männlicher Willkür, aber auch eine aus dem Rahmen gefallene Kulturschickse, deren Erziehung zur "Mittelstandshöflichkeit" ihr keine Instrumente der Gegenwehr bereit stellt. Streeruwitz evoziert nicht voreilige Bedeutungen, ihr Text schwankt vielmehr differenziert und behutsam im Zwielicht von Selmas Projektionen. Den Ostfrauen, ihrer Konkurrenz, wirft sie vor: "Denen ging es nur um siegen." Und ihr selbst? Selmas frühere Siegermentalität hat sie nicht gegen die Niederlage gewappnet. In ihrer Hilflosigkeit erinnert sie an den Spruch auf einer beliebten Kunstpostkarte: "Verlieren ist wie gewinnen, nur umgekehrt". Selma ist zwar aufmerksam, aber nicht neugierig, das macht sie doppelt verletzlich.

Ihr verdruckstes Gemisch aus Schuld, Demütigung, Angst und Ohnmacht muss in diesem Buch ganz ausgehalten und ganz ausgelesen werden. Eine kürzere Beschreibung würde es zur Karikatur verzeichnen. Dies gilt, auch wenn die eine oder andere Episode etwas allzu weitläufig geraten ist, allem voran die Beschreibung eines Experimentalfilms, die kaum adäquate Bilder hervorzurufen vermag. Gerade in diesem Kontext aber gelingt Marlene Streeruwitz ein kleines erzählerisches Glanzstück: die zufällige Begegnung mit dem Filmoperateur und Barkeeper Sebastian, einem fetten, sanften Schmerzensmann. In seiner Gegenwart hellt sich Selmas Gemüt unvermutet auf, und diese Entspannung erneuert sich nach dem Anschlag in der U-Bahn, dem sie mit schockhafter Wachheit entkommt.

"Sie hatte an eine Zukunft gedacht. Sie erschrak." Symbolisch überhöht setzt die Autorin am Schluss ihres Buches ein feines Zeichen der Erlösung aus diesem persönlichen Jammertal. Es wäre Selma zu gönnen, dass sie ihren inneren Krieg überwinden könnte. Trotz dem permanenten Auf und Ab zwischen Selbstmitleid und Verachtung wächst sie im Verlauf der 470 Seiten ihren Lesern und Leserinnen ans Herz.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter Freitag]

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