Englischer Harem von Anthony McCarten, 2008, DiogenesEnglischer Harem.
Roman von Anthony McCarten (
2008, Diogenes - Übertragung Gabriele Kempf-Allié).
Besprechung von Bettina Egbert aus der NRZ vom 1.05.2009:

1001 heiße Nacht im Schurkenstaat
 
Exil-Iraner sind Assimilierungsweltmeister", bemerkte die Halb-Iranerin Jasmin Tabatabai einst. Auch Sam, gebürtiger Teheraner und Protagonist in Anthony McCartens neuem Roman, ist ein Kulturenwanderer. Mal durchblättert er den Koran, dann wiederum singt er Madrigale in der anglikanischen Kirche - ein Balanceakt zwischen Orient und Okzident, der auch vor seinen Beziehungsgeflechten nicht haltmacht. Bereits zweifach verheiratet, verliebt sich der redselige Restaurantbesitzer in Ex-Kassiererin Tracy. Doch kaum hat die junge Engländerin in diesen Ehebund aus 1001 Nacht Einzug gehalten, zeigt das Jugendamt den Angehörigen dieser XXL-formatigen Lebensplanung die rote Karte…

Ehe auf Zeit in heimeliger Harems-Harmonie

Gekonnt wickelt McCarten seine Leser um die kampferprobten Autorenfinger; nach wenigen Kapiteln heimeliger Harems-Harmonie würde man sich widerspruchslos einer Fangemeinde für die von Sam und Co. praktizierte "Ehe auf Zeit" anschließen.

Diese stößt bei zahlreichen schiitischen Muslimen auf Toleranz, andere kritisieren sie als Tarnung unzüchtigen Verhaltens - eine Auffassung, die auch Vertretern westlicher Kulturen nicht fremd ist. Nicht nur neugierige Hotelportiers, auch eifersüchtige Exfreunde und konservative Mittelstandseltern vermuten hinter der trauten Viersamkeit bacchantische Orgien.

Eingängig beschreibt der neuseeländische Schriftsteller, wie Sam in Teheran von der West-Begeisterung während der Herrschaft des letzten Schahs profitierte, jedoch die Zeichen der Zeit erkannte, als Khomeinis Weckruf zur Erneuerung der religiösen Werte ertönte.

Dass der von den USA als "Schurkenstaat" deklarierte Iran spätestens nach dem Krieg gegen den Irak im Fundamentalismus versank, hypermoderne Schuhe und poppige Plattentellergenüsse hinter Schweigen und Verschleierung verschwanden, zeigte nicht zuletzt Marjane Satrapis preisgekrönte Comic-Verfilmung "Persepolis". Auch für Sams gespaltene Seele bedeutet die islamische Revolution faktisch mehr als das Ende seines Gemüseburger-Verkaufs.
Doch McCarten ist kein nörglerischer Problemwälzer, sondern ein Erzähler, der menschlicher Intoleranz und politischen Krisen im Nahen Osten mit humorigen Pointen zu Leibe rückt. Sein Englischer Harem ist ein Plädoyer gegen moralische Scheinheiligkeiten, eine klug gestaltete, unterhaltsame Story, der jedoch leider die Leuchtkraft des hybriden, cineastischen Vorgängers "Superhero" fehlt.

Zwar besteht auch die bunt zusammengewürfelte Haremscrew aus vielschichtig angelegten Charakteren, doch mangelt es ihnen am Charisma des rotzig-unverblümten Krebspatienten Donald, der vor allem sein Ableben als 14-jährige Jungfrau fürchtete... (NRZ)

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]

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