Engel und Dämonen von Juri Andruchowytsch, 2007, SuhrkampEngel und Dämonen.
Essays von Juri Andruchowytsch (2007, Edition
Suhrkamp 2513 - Übertragung Sabine Stöhr).
Besprechung von Judith Leister in Neue Zürcher Zeitung vom 29.11.2007:

Sisyphos und Sacher-Masoch
Juri Andruchowytsch beschwört einmal mehr die «Engel und Dämonen der Peripherie»

Seltsame Ratschläge scheinen osteuropäische Schriftsteller bisweilen aus dem Westen zu bekommen. Bei einem Seminar in Wien, so berichtet der ukrainische Schriftsteller Juri Andruchowytsch, habe eine französische Literaturagentin die versammelten Autoren aus Osteuropa aufgefordert, bitte schön «mehr Liebesromane» und «weniger Ornamentalistik» zu verfassen, ihre schwer zu buchstabierenden Namen in einfach lautende wie «Kundera» zu ändern und um der Breitenwirkung willen besser in einer «Weltsprache» – wie etwa Französisch – zu schreiben. 
Ukraina – am RandZu unserem Glück neigt Juri Andruchowytsch nicht zu solcher Art von Selbstverleugnung. Nachdem er in seinem Essayband «Das letzte Territorium» (dt. 2003) und dem Roman «Zwölf Ringe» (dt. 2005) dem Randständigen und Vergessenen, den toten Winkeln und Ruinen, dem Paradox und der Arabeske poetische Brisanz verliehen hat, setzt er dies in den über zwanzig Essays von «Engel und Dämonen der Peripherie» unbeirrt fort. Und wieder vermag sein an Romantik und Postmoderne geschliffener Stil Interesse für ein Land zu wecken, das als traditionelles Grenzland Russlands die Peripherie bereits im Namen trägt: «Ukraina» heisst «am Rand». Allerdings tritt in diesem Buch die Begeisterung für Landkarten und Übergangszonen, die «Geopoesie» aus Imagination und Reflexion, etwas in den Hintergrund. Dafür werden reale Grenzen wichtiger – nämlich die, welche sich dem nach und quer durch Europa Reisenden in den Weg stellen – sofern er nicht die richtigen Papiere hat. 
Anzeige  «Engel und Dämonen der Peripherie» ist auch eine Auseinandersetzung mit der Rolle des Schriftstellers in der Ukraine. Die Jahrhunderte währende Unterdrückung von Landessprache und Literatur, meint Andruchowytsch, habe den ukrainischen Schriftsteller zu oft auf die Funktion als «nationaler Messias» reduziert – zulasten der poetischen Subjektivität. Mit warmen Worten beruft er sich daher auf ein echtes Original, den Mystiker, Theaterleiter, Freimaurer, Kulinariker, Trinker und Spieler Iwan Kotljarewskyj (1769 bis 1838), der mit seiner «burlesken Travestie» «Aeneide» (1798) den schillernden Grundstein für die ukrainische Literatur gelegt hat. Als weitere literarische Grössen nennt Andruchowytsch im Westen noch zu entdeckende ukrainische Autoren wie Ihor Kalynez, Wasyl Stus, Lina Kostenko und Wolodymyr Jaworsky, von denen viele zur Sowjetzeit unter erheblichen Repressalien zu leiden hatten. Auch heute noch sei der Schriftsteller in der Ukraine ein «Agent der Notfallrettung», resümiert er. Dafür werde er von seiner Sprache durch ihre Möglichkeiten, durch «Überraschungspotenzial», «Weite» und «Formbarkeit», reich belohnt. 
«Überall herrschte eine fast magische Dualität: Moskau und Kiew», schreibt Andruchowytsch über die Ukrainische SSR. Nicht oft genug kann er deshalb auf den Unterschied zwischen Russland und der Ukraine hinweisen – vor allem angesichts der vielen Komplimente, die er als Ukrainer für russisches Ballett und russische Literatur bekommt. Sein Verhältnis zu Russland ist zwiespältig; es schwankt zwischen Misstrauen dem ewigen «Imperium» gegenüber und der Sympathie für die Menschen. Dagegen fühlt er sich – anders als die meisten seiner Landsleute, wie er meint – mit Polen verbunden. Ein Austausch über die gemeinsamen geschichtlichen Verwerfungen liegt ihm hier besonders am Herzen. Im Ostblock hatte man z. B. nicht darüber reden dürfen, dass infolge der polnischen Westverschiebung nach dem Zweiten Weltkrieg mehr als eine Million Polen aus der heutigen Westukraine brutal in die ehemaligen deutschen Ostgebiete zwangsumgesiedelt wurden. 
Den gerade erst in Gang gekommenen Dialog sieht Andruchowytsch jedoch durch die EU-Osterweiterung jäh unterbrochen. Für die Ukrainer seien durch neue Visabestimmungen die Schlagbäume nach Westen bereits heruntergegangen, die empfindliche Balance in Ostmitteleuropa gestört. Andruchowytsch befürchtet, die mittelosteuropäischen Beitrittsländer würden sich bald «einfach in Europa» verwandeln und die Ukraine bliebe neben Weissrussland und Moldau als Rest-Mitteleuropa blosses «Transit-Territorium» zwischen der EU und Russland. Seinem Ärger darüber, dass der Ukraine bisher keine EU-Beitritts-Perspektive eröffnet wurde, machte Andruchowytsch bereits 2006 an der Leipziger Buchmesse in einer flammenden Rede Luft. Der Mechanismus der Inklusion, der zwangsläufig zur Exklusion der Nicht-EU-Bürger und -Territorien führt, erbost ihn – hindert ihn aber nicht daran, über eine reichlich verquaste «Geoparabel» («Die Wolga fliesst ins Kaspische Meer» usw.) den Beweis erbringen zu wollen, dass Russland nicht zu Europa gehört. 
Von der Politik enttäuschtJuri Andruchowytsch, der Ukraine-Erklärer, der sein Land mit Menschen- und mit Engelszungen ins europäische Spiel zu bringen versuchte, ist enttäuscht. Enttäuscht von den ukrainischen Politiker-Klans, der vermeintlich «lichten Zukunft» nach der «orangen» Revolution, die sich als «grösste Illusion» herausstellte. Das mache den Schriftsteller in der Ukraine heute zu einer «Mischung aus Sisyphos und Sacher-Masoch». Noch grösser allerdings ist die Enttäuschung darüber, dass EU-Europa der Ukraine trotz den mutigen Protesten vom Herbst 2004 weiterhin die kalte Schulter zu zeigen scheint. Er spart nicht an drastischen Worten: Die EU sei «eine Vereinigung postimperialer Loser, von denen es keinem gelungen war, für sich allein eine Supermacht zu werden». Doch Andruchowytsch wäre nicht der, der er ist, wenn er nicht auch dafür eine sehr literarische Lösung parat hätte. Er fordert eine «anarchistische» «Alternative zum EU-Projekt», ein «Freies Europa» ohne Grenzen, die «Karnevalisierung der EU».

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