Engel im Abseits.
Erzählungen von Zoran Feric (2000, Folio - Übertragung Klaus Detlef Olof).
Besprechung von Dorothea Dieckmann in Die Zeit vom 11.12.2003:

Der Dreck und die Wunder
Die verzweifelt komischen Erzählungen des kroatischen Autors Zoran Feric

Es gibt wohl kein bezeichnenderes Bild in Zoran Ferics neuen Erzählungen als die Kinderleichen. Zwar erscheint mehr als ein totes Kind in dem Zyklus Engel im Abseits, doch das Wort steht für Kekse mit Haselnüssen, die an den Rumpf eines Kindes erinnern. Der Name geht auf eine Geschichte zurück, die Mütter ihren Töchtern erzählen: Eine Schwangere will ihren Freund zur Anerkennung der Vaterschaft bewegen; als Antwort pinkelt er in einen Aschehaufen. Sie formt daraus einen Kinderkörper, den sie in einen Schuhkarton legt. Das echte Kind jedoch stirbt an Asthma, denn sie hat die Luftlöcher im Schuhkarton vergessen: "... und ihre künftigen Tage hatten sich bereits damals in Aschenkörner verwandelt." Die Sage ist, wie so viele, eingebettet in eine höchst gegenwärtige Erzählung: Der Rachen zeigt ein paar Jugendliche, die nach einer Kinovorführung des Weißen Hai am Strand kampieren; als einer zur Insel schwimmt und nicht zurückkehrt, folgen ihm drei Jungen. Den Hai im Kopf, auf seine Leiche gefasst, entdecken sie ihn bei der hässlichen, voll entwickelten Asra mit dem Riesenmund, den sie auch den Neuankömmlingen zum einschlägigen Zweck anbietet. "Befleckt von Samen, Erde und Kiefernnadeln, schwammen wir zurück, Tagen voller Aschenkörner entgegen. Und kein Wasser konnte uns mehr reinwaschen."

Wer in diesen Formulierungen des Kroaten Katholisches erkennt, muss nicht falsch liegen. Ferics Religion ist erdnah und diesseitig; seine poetische Alchimie gewinnt den Glauben an Wunder und Engel aus einer unbestechlichen Betrachtung der grotesk-makabren Seiten der Realität. Dem Grauen, wenn sich im serbisch-kroatischen Krieg zwei Gruppen Soldaten heimlich bei gekochtem Fisch verbrüdern, der mit Menschenfleischködern gefangen wurde. Dem Ekel, wenn ein behindertes Mädchen seinem Vater Geld zum Trinken verschafft, indem es ihm seine gebrauchten Höschen zum Verkauf in einem Pornomagazin überlässt. Und immer dem Schrecken, hinter dem das Lachen, die Befreiung durch Unverschämtheit wartet. Feric zeichnet die abstrusesten Normalitäten des Alltags auf; er muss uns nur ins Wartezimmer einer Aids-Ambulanz oder auf eine Beerdigung führen, und die grausamste Misere zeigt im Licht seiner menschenfreundlichen Ironie ihre "märchenhaften Vorräte an Unglaublichem". Denn, wie es am Anfang der Titelgeschichte heißt: "Die Welt ist zum Glück so eingerichtet, daß selbst der Geruch von Hundedreck schöne Erinnerungen wachrufen kann."

So prall diese Geschichten auch vom Vögeln, Kacken, Saufen und Sterben sprechen, sie finden Hohlräume in der heillosen Wirklichkeit wie die Haselnüsse im Kinderleichenteig. Oft sind es nur Löcher in den Erzählungen, Ungesagtes, ab und zu aber zeigt ein Bild, wie der Stoff der Kunst im Banalen wohnt. Es ist der Schminkabdruck vom Gesicht einer verschwitzten Hure im Taschentuch des Kunden. Es ist das Landschaftsbild eines Malers, der Kot und Urin in die Farben mischt. Es ist die numinose forma amorfa, ein venezianisches Brandzeichen für Galeerensklaven, dem der Erzähler nachforscht - genannt die "rote Wolke", in Wahrheit jedoch ein schlichtes Stück Scheiße, das dem Renaissancekünstler beim Blick auf den Canale durchs Spiegelbild schwamm.

Zoran Ferics Erzählungen handeln von der schreienden Komik der menschlichen Tragödie, von der Vergänglichkeit, vom Körper. "Und die Seele?", fragt er am Ende der Erzählung Symmetrie eines Wunders. Die Antwort: "Über die Seele galt es gründlich nachzudenken. Es war interessant zu sehen, wie sich von Zeit zu Zeit das Wunder zeigte, maskiert hinter der schmutzigen Farbe des Chaos."

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