EngelErnte von Ana Blandiana, 1994, AmmannEngelErnte.
Gedichte von Ana Blandiana (
1994, Ammann - Übertragung Franz Hodjak).
Besprechung von Katharina Döbler aus der Neue Zürcher Zeitung, 1994:

Auch Vögel machen ein Land aus
Ana Blandianas Gedichte «EngelErnte»

Unter der Zensur lernen Leser zwangsläufig die Kunst der Lektüre zwischen den Zeilen; vielleicht gehört dies zu den Voraussetzungen für jenen Umgang mit Lyrik, der Dichtern in vielen Ländern den Status von Galionsfiguren gibt: sie werden verstanden.

Ana Blandiana alias Otilia- Valeria Coman ist nicht nur Lyrikerin (und Essayistin, Publizistin und Autorin eines Romans), sie ist eine rumänische Kulturinstitution. Obwohl sie bis 1988 zu den am meisten gelesenen Autoren gehörte, mit einer Position im offiziellen Kulturbetrieb, mit Auslandsreisen, Preisen und fester Kolumne, war ihr Werk durchaus nicht staatstragend; aber es war eben auch lange Zeit nicht so offenkundig dissident, dass es der Zensur – von wenigen Ausnahmen abgesehen – unangenehm aufgefallen wäre. 1988 wurde sie mit völligem Publikationsverbot belegt; einzig ein Gedichtband konnte ein Jahr später erscheinen.

Ana Blandianas Lyrik machte nicht (oder nur höchst selten) die himmelschreienden Missstände des Ceausescu-Regimes zum Thema, sondern das, was sie subjektiv auslösten: Entfremdung, Ich-Verlust, Angst. Und sie bedient sich dabei oft einer nur scheinbar harmlosen Naturmetaphorik.

Zu einem Land gehören auch Vögel,

diese grossen V-s, die im Süden niederstürzen,

verwundet, vertrieben von Kälte

und Verrat

(. . .)

Auch Vögel machen ein Land aus, so

wie eine Kirche auch aus dem Leben nach dem Tod

gemacht ist.

Solche transzendenten Dehnungen finden sich in zahlreichen Gedichten. Von «Sünde», «Gnade», «Seele» ist wieder und wieder die Rede. Zwar leben diese Worte von ihrer theologischen Begrifflichkeit, aber im lyrischen Zusammenhang gehen sie ganz in diesseitigen Wahrnehmungen auf. So verfährt Blandiana zum Beispiel mit den Engeln, die ja poetisch ziemlich schwer zu handhabende und trotz ihrer Luftverwandtheit schwerwiegende Gestalten sind. Ana Blandianas Engel zeichnet eine zwar nicht theologische, aber botanische Unschuld aus. Sie fallen auch – aber ganz ohne die funkelnde Grossartigkeit eines Luzifer:

. . . Hin und wieder

ein dumpfer Aufprall

wie beim Fall

von Obst im Gras.

Wie die Zeit vergeht!

Die Engel sind überreif und beginnen

herabzufallen:

Es ist Herbst auch im Himmel . . .

Überhaupt vermeidet Blandiana grossformatige Bilder und drastische Wendungen. Ihre Lyrik ist von täuschender Sanftheit; Schärfe gewinnt sie durch eigenwillige metaphorische Kombinationen, die sich zu vielschichtigen Gedankengebäuden fügen. Da gleiten Kirchen nachts durch die Strassen und versuchen sich zu verbergen. Oder Schatten liefern sich hinter dem Rücken eines ahnungsvollen Ichs «eine wilde Keilerei»: die Grenzen zwischen dem Erhabenen und dem Grotesken sind fliessend. Profanität (wie Fallobst) und die Göttlichkeit (wie Engel) verbinden sich in Ana Blandianas Lyrik zu überzeugender Harmonie. Es wurde über die Dichterin oft gesagt – und im Nachwort steht es zitiert – dass ihre Lyrik eng an ihre «soziale Biographie» geknüpft sei. Das mag stimmen; aber es bedeutet doch nur, dass sie mit den Mitteln der Poesie die Bedingungen der menschlichen Existenz am eigenen Beispiel reflektiert: unhermetisch, aufrichtig und subjektiv; dabei aber zu distanziert, um naiv zu wirken.

Die für die vorliegende zweisprachige Ausgabe ausgewählten Gedichte stammen mit wenigen Ausnahmen aus einem 1989 erschienenen Band. Die Zusammenstellung besorgte Franz Hodjak, ebenso wie die Übertragung ins Deutsche; und der sollte man mit einigem Misstrauen begegnen. Wenn eine Verszeile – noch dazu die Schlusszeile! – im Original «E fuga» lautet und die «nachgedichtete» Version dies als «ist, auf dem davonlaufenden zu sein» wiedergibt – da muss man weder Dichter noch des Rumänischen mächtig sein, um den haarsträubenden Unsinn solch umständlicher Kunstfertigkeit zu bemerken. Auch die wenigen gereimten Gedichte, im Original von formaler Präzision, bekommen in Hodjaks Deutsch den Glamour danebengegangener Stilübungen. Das ist um so ärgerlicher, als Ana Blandianas Gedichte grosse Aufmerksamkeit fordern – und verdienen.

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