Engel des Vergessens von Maja Haderlap, 2011, WallsteinEngel des Vergessens.
Roman von Maja Haderlap (2011, Wallstein-Verlag).
Besprechung von Judith von Sternburg in der Frankfurter Rundschau, 15.10.2002:

Am Erinnerungshaken
Bachmann-Preisträgerin Maja Haderlap macht es sich in ihrem Roman „Engel des Vergessens“ nicht leicht. In der Familiengeschichte verarbeitet sie die NS-Geschichte und die Situation der slowenischen Minderheit in Kärnten.

Da der „Engel des Vergessens“ selbst vergesslich war, ist der Debütroman der Lyrikerin Maja Haderlap ein Erinnerungsbuch. Es geht um die Erinnerungen ihrer älteren Verwandten, des Vaters und der Großmutter vor allem, und um ihre eigenen Erinnerungen an diese Erinnerungen. Denn die Ich-Erzählerin im „Engel des Vergessens“ ist von der 1961 in Kärnten geborenen, in Klagenfurt lebenden und dort vor zwei Wochen für einen Ausschnitt aus dem Roman mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichneten Autorin nicht zu trennen. Es gibt offenbar Erinnerungen, die müssen dennoch Roman heißen, um geschrieben werden zu können.

Verdrängter Partisanenkampf

Der Hintergrund dieser Familiengeschichte ist ein nicht überstrapaziertes Feld der Literatur: die slowenische Minderheit in Kärnten, zu der die zweisprachig schreibende Autorin gehört, und ihr Partisanenkampf im Zweiten Weltkrieg gegen die NS-Diktatur. Dieser wiederum ist in der österreichischen Nachkriegsgeschichtsschreibung durchaus gerne vergessen worden – in einer großartigen Szene müssen sich der Vater und seine Freunde in einer Kneipe vorwerfen lassen, er und die anderen Slowenen hätten doch einfach still sein können, dann wäre ihnen auch nichts passiert. Haderlaps Auszeichnung ausgerechnet am Ort des Geschehens gibt das etwas Ehrenwertes und Glückliches.

Ihrem Buch hingegen gibt es etwas leicht Überfrachtetes. Der Schwierigkeit der Erzählerin, die richtigen Sätze für ihre Not zu finden – „Meine Gefühle sind nicht mit den Wörtern vertraut, die ich spreche“, erklärt sie einmal –, stehen Reflexionen entgegen, die sie unverhohlen als inzwischen Erwachsene und zwar erwachsene Lyrikerin aufschreibt. Dem Wunsch, umfassende Auskünfte über die innerösterreichisch brisante Situation zu geben, steht der Versuch entgegen, die individuelle Not einer Heranwachsenden darzustellen. Das ist ein Merkmal autobiografischer Texte, nur stört man sich da nicht daran. In einem Roman sollte das längst literarisch ausgelotet sein. Oder – lieber noch – absichtsvoll unausgelotet.

Die Erzählerin leidet als Kind beträchtlich unter den Leiden der sie umgebenden Erwachsenen. Allgegenwärtig die Namen der Überlebenden, der Toten, der Lager, vor allem aber der Tod selbst, so der Eindruck des Kindes, denn des Sterbens (Verunglückens und Selbstmordens) ist kein Ende. Unglücklich dazu die Ehe der Eltern, die herbe Großmutter der wichtigste Umgang des Mädchens, „mein Kindheitsstock“. Die Großmutter hängt wie der Vater – sie war im KZ, er wurde als Kind gefoltert – am „Erinnerungshaken“ des „hinterhältigen Menschenfischers“ Krieg.

„Du musst dich mit der Zunge am Gaumen bekreuzigen“

Die Ich-Erzählerin fühlt sich unterdessen mitverantwortlich für einen tödlichen Badeunfall. Sie hat Schuldgefühle, dazu die in jedem Kind steckende Angst, dass die Polizei sie abholen könnte. Die Großmutter sagt: „Ich zeige dir, wie man sich verhält, wenn die Polizei kommt. Du musst dich mit der Zunge am Gaumen bekreuzigen.“ Solche Szenen, lapidar aufgeschrieben – und Maja Haderlap weiß viele davon zu erzählen –, sind die konzentrierten, starken Seiten des Romans: Die in ihrer Welt gefangenen Erwachsenen können nicht anders, als das Kind mit hineinzuziehen, in der Welt des Mädchens kennen sie sich nicht mehr aus. Dass die heimatlichen Hügel ihr allsommerlich zur „Falle“ werden, wird die Wiener Studentin der Theaterwissenschaften später feststellen.

Für das schon depressiv zu nennende Kind – das um „das Geheimnis der Bedrohtheit des Menschen“ weiß und sich nicht erklären kann, „warum ich von Zeit zu Zeit glaube, dass das Leben für mich keine Zukunft bereithält“ – spricht die Erwachsene in verdichteten Bildern. „Ich bin in die Kindheit eingepflanzt wie ein Holzpfahl auf einem Hof, an dem man täglich rüttelt und prüft, ob er das Rütteln wohl aushalten wird.“ – „Ich bin in den Todesköcher geraten und habe den Todesatem gehört, seinen Schlund gespürt.“ – „Der Frost ist mir unter die Haut gekrochen. Er will in meinem Körper überwintern, scheint mir … .“ Denn meistens, aber nicht immer gehen die Bilder auf. Das Ungelenke liegt aber weniger in ihnen selbst, als in ihrem Auftreten. Die Romanautorin, könnte man meinen, wird dann von der Lyrikerin unterbrochen und abgelenkt, die an einem Satz feilen will um des Satzes Willen. Der Satz steht nun da, und der Roman muss darum herumfließen.

Ganz viele Erzählsituationen

Denn die Romanautorin wiederum fühlt sich verpflichtet, bald neue Situationen zu schaffen, in denen Figuren Grund haben, von ihrem Leben und damit auch von der Geschichte der slowenischen Kärntner zu erzählen. Das geschieht so schlicht, dass es fast unbeholfen wirkt. Den Erinnerungen, die erzählt werden, nimmt es nicht ihre Wucht, dem Roman aber schon. Das zweifellos Bedrängende dieser Geschichten, das vor allem die Erzählerin Bedrängende, kommt so weniger in der Literatur zum Tragen, als ungewollt in den sichtbaren Schwierigkeiten, ein solches Buch darüber zu schreiben.

Im „Engel des Vergessen“, in dem es auch um Befreiungen aller Art geht, gelingt die Befreiung der Lyrikerin hin zum grenzenlosen Areal des Romans nur bedingt. Es ist glücklicherweise nicht die Befreiung, auf die es ankommt.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter fr-logo]

Leseprobe I Buchbestellung 0911 LYRIKwelt © Frankfurter Rundschau