1.) - 3.)

Engel.
Roman von Denis Johnson (2001, Alexander-Fest-Verlag - Übertragung Bettina Abarbanell).
Besprechung von Bruno Preisendörfer aus der Frankfurter Rundschau, 15.12.2001:

Jamies Wahnsinnstrip
In Denis Johnsons Roman "Engel" hängt die Wirklichkeit ziemlich schief in den Angeln

Jamie ist auf der Flucht. Sie sitzt in einem überfüllten Greyhound-Bus, neben sich ihre sechsjährige Tochter Miranda, auf dem Arm "Baby Ellen", zu der sie "da da da" sagt, weil das Kind nicht aufhören will, zu brüllen, es hört einfach nicht auf zu brüllen. Jamie ist erschöpft, "sie wünschte, sie könnte das Baby einfach ersticken". Stattdessen flößt sie ihm Orangensaft ein und sagt "dadada". Vielleicht wäre es besser, bei der nächsten Station auszusteigen und den Bus in die Gegenrichtung zu nehmen, zurück zu dem Mann, den sie vor vier Tagen verlassen hat. Ein paar Monate später wird man ihre Kinder zu ihm zurückbringen, während sie in einer geschlossenen Anstalt mit dem Wahnsinn kämpft. Aber das weiß sie jetzt noch nicht.

Die Verlorenen und Verzweifelten sind die Spezialität des 1949 geborenen amerikanischen Schriftstellers Denis Johnson. In seinem 600-Seiten-Trip Schon tot, der im letzten Jahr auf Deutsch erschienen ist, feiern Wahn und Elend Totenhochzeit, ein schauriges Fest der Sprache, dem man als Leser gebannt zuschaut, gepeinigt vom Echo der aberwitzigen Mischung aus Lebenslust und Daseinsschmerz.

Engel ist nur gut ein Drittel so lang wie Schon tot, der "kalifornische Schauerroman" (Johnson über Johnson). Aber auch in diesem frühen Buch, im Original erstmals 1983 erschienen, ist der ganze Johnson schon da, gewissermaßen in Konzentratform. Das Figurenensemble ist überschaubar: Die drei Houston-Brüder, ihre Mutter, ihre Frauen und Freundinnen. Und eben Jamie mit Miranda und "Baby Ellen.

Jamie wird sich Bill Houston anschließen. Sie wird mit ihm knapp zwei Wochen verbringen, bis der Mann sein Geld ausgegeben hat und die beiden sich aus den Augen verlieren. Sie wird nach ihm suchen, dabei in einen Hinterhalt geraten und vergewaltigt werden; und danach wird er sie finden, weil er sie auf einem Zeitungsfoto erkennt. Jetzt sitzt Jamie im Bus - die beiden Kinder schlafen endlich - und plaudert mit Bill. Sie nimmt ein mit Bourbon scharf gemachtes Bier von ihm an und starrt auf den nackten Frauenbusen, der auf seinen Trizeps tätowiert ist.

Ein Engel ist dieser Bill bestimmt nicht. Aber Jamie ist auch keiner. Und Raphael ist bloß ein Pfleger in der Anstalt, aus der Jamie sich nur gerade so wieder herauswursteln kann. Aus der Sache, in die Bill hineingerät, kommt er nicht mehr heraus. Er schafft es nur, einen Brief an Jamie aus der Gefängniszelle zu kriegen. Der Brief enthält auch eine Nachricht an seinen Bruder Burris. Jamie erhält den Brief und geht in das Gefängnis, in dem Burris sitzt, um ihm Bills Botschaft auszurichten.

Denis Johnson erzählt seine Geschichten immer aus der Perspektive der gerade "aktiven" Person. Er bündelt das Geschehen also weder in einer einzigen Figur noch in einer über den Wassern schwebenden auktorialen Allwissenheit. Die Leser sehen die Sache so, wie die Figuren sie gerade sehen. Und da die meisten Figuren, Jamie eingeschlossen, fast immer mit Drogen oder Alkohol vollgedröhnt sind, hängt die Wirklichkeit, die einem beim Lesen gezeigt wird, meistens irgendwie schief in den Angeln. Sie kann jeden Moment ganz herauskippen. Jamie sitzt neben Bill im Bus und trinkt ihr Bourbon-Bier. Sie hat natürlich noch keine Ahnung, dass die drei Houston-Brüder eine Bank überfallen werden. Sie kennt die beiden anderen noch nicht einmal. Vorläufig reicht ihr dieser eine hier. Sie weiß auch noch nicht, dass Bill bei dem Überfall einen Sicherheitsbeamten erschießen und deshalb seinen letzten Gang nur mit der Unterhose bekleidet gehen wird. Während durch ein Rohr Zyanidkapseln in den offenen Kasten unter dem Sitz rasseln, auf dem er festgeschnallt ist, und während der giftige Dampf emporsteigt, wird Bill seine letzten Herzschläge zählen. Aber jetzt macht er das letzte Dosenbier auf und stößt mit Jamie an. Er denkt schon, dass er sie rumkriegen wird.

Denis Johnson erzählt ziemlich kurz angebunden. Das unterscheidet den Roman Engel von dem viel breiter ausgeführten Schon tot und bringt ihn in größere Nähe zu dem Short-Story-Band Jesus' Sohn, dessen Filmadaption übrigens im Frühjahr 2001 auch in die deutschen Kinos gekommen ist. Aber trotz der Raffinesse der Knappheit, mit der Johnson seine narrative Rhetorik entfaltet, gewinnen seine Figuren eine philosophische Tiefendimension. Vom Standpunkt eines kruden Schilderungsrealismus aus gesehen, könnte man vielleicht einwenden, dass Johnson sein Personal intellektualisiert, es mit Gedanken aufpumpt, die es in Wirklichkeit niemals denken würde. Aber vielleicht würden sie eben doch so denken, wenn ihre Wirklichkeit von Johnson erfunden wäre. Und das ist sie ja auch. Der Realismus dieses Romans ist also nicht an der sogenannten "äußeren" Wirklichkeit zu messen, sondern an der, die er selbst im Kopf der Leserin und des Lesers entstehen lässt.

Was aber Jamie betrifft: Es sieht ganz danach aus, als könnte sie es gerade noch einmal schaffen. Jedenfalls zum Schluss. Aber wenn Sie mit diesem Buch anfangen, sitzt Jamie im Greyhound und hat alles noch vor sich. Genau wie Sie.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter fr-logo]

Leseprobe I Buchbestellung 1201 LYRIKwelt © Frankfurter Rundschau

***

2.)

Engel.
Roman von Denis Johnson (2001, Alexander-Fest-Verlag - Übertragung Bettina Abarbanell).
Besprechung von Gudrun Norbisrath in der WAZ, vom 1.12.2001:

Ein kleiner Pfadfinder für Geschenke-Sucher
Im Dschungel des Gedruckten

Sind so viele Bücher - vor Weihnachten wird das Bedürfnis nach Orientierung so groß wie das Angebot des Buchhandels. Einige Hinweise sollen Richtung weisen im Dschungel des Gedruckten: Neuerscheinungen, die uns interessant erscheinen. Das Erfreuliche zuerst. Der Roman Engel von Denis Johnson ist herzzerreißend gut: eine Wiederentdeckung, natürlich. So was schreibt heute keiner mehr, so eine leidenschaftliche, coole, aberwitzige Liebesgeschichte voll Schmerz und Zärtlichkeit. Die genaue Beobachtung, sprachliche Klarheit, liebevolle Sachlichkeit faszinieren.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.waz.de]

Leseprobe I Buchbestellung 1201 LYRIKwelt © Westdeutsche Allgemeine

***

3.)

Engel.
Roman von Denis Johnson (2001, Alexander-Fest-Verlag - Übertragung Bettina Abarbanell).
Besprechung von Gudrun Norbisrath in der WAZ, vom 23.2.2002:

"Engel" von Denis Johnson - der amerikanische Klassiker ist jetzt auch auf Deutsch erschienen

Dosenbier und Zärtlichkeit, mitten im Dreck Eine Frau verlässt ihren Mann und sucht mit ihren beiden kleinen Mädchen das Weite. Das ist banal und ein banaler Anfang für einen Roman; es ist die verstörende Geschichte von Bill und Jaimie, und niemand darf sich wundern, dass sie in Gewalt und Tod endet. Im Überlandbus lernen sie sich kennen, die betrogene Ehefrau und der grobcharmante Saufaus. Er teilt mit ihr, was er hat: Dosenbier und Bourbon, später das Hotelzimmer. Dafür bekommt er sein Teil Kindergequengel, und dass er nicht mehr allein ist. "Engel" von Denis Johnson ist ein Klassiker der amerikanischen Literatur, geschrieben vor mehr als 20 Jahren. Erst jetzt erschien dieser bestürzende Roman auf Deutsch, und es schadet ihm nichts, dass er den Geist der 70er Jahre spiegelt. Nichts wirkt verstaubt, obwohl es weit weg ist und manchmal anstrengend zu lesen. Dieser Autor scheut die großen Worte nicht. "Sie wusste nicht, ob sie gerade aufwachte oder verrückt wurde." "Die große Leere, die unaufhörlich durch ihn hindurchfiel." "Während sie hinter einem halben Dutzend Leute in der Schlange stand, hatte sie eine Sekunde lang das Gefühl, kein einziger Teil von ihr sei mit einem anderen verbunden." Das ist so einfühlsam wie verschroben, psychologisch, philosophisch, depressiv. Irgendwie wahr. Es geht um ein Lebensgefühl. Wie Menschen miteinander umgehen. Wie sie sich hineinwerfen in den Strudel des Unglücks, dessen soziale Bedingtheit Johnson mit großartiger Arroganz weglässt. Wie sie Erkenntnisse finden und im äußersten Dreck zärtliche Gefühle entwickeln, auch für das Leben. Wie sie mit Drogen aller Art aus einer Welt fliehen, die sie kindlich nicht begreifen, und auf das Letzte zusegeln: die Hinrichtung in der Gaskammer, die Psychiatrie. Es ist kein Liebesroman der üblichen Art. Nicht nett. Überhaupt nicht nett. Voller Frustration, Vergewaltigung, Überfall und Mord. Leer von Zukunft, obwohl die Protagonisten unbeirrt daran festhalten, dass alles gut werden kann. Und wird es denn nicht gut? Bill stirbt, weil er einen Wachmann getötete hat, und Jaimie besucht beim ersten Ausgang aus der Psychiatrie seinen Bruder, um ihn zu trösten. Lieben diese Menschen einander? Vielleicht. "Trennung ist schmerzhaft", schreibt Bill aus dem Knast. Schmerzhaft ist auch dieses Buch, dunkel und wahr. Es zu lesen, ist Arbeit, aber sie lohnt sich: Denn man erfährt viel über Menschen. Besseres kann man über Literatur kaum sagen.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.waz.de]

Leseprobe I Buchbestellung 0202 LYRIKwelt © Westdeutsche Allgemeine