Endstufe von Thor Kunkel, 2004, Eichborn1.) - 2.)

Endstufe.
Roman von Thor Kunkel (2004, Eichborn).
Besprechung von Christoph Schröder aus der Frankfurter Rundschau vom 2.4.2004:

Die Hand in der Gummi-Lakune
Thor Kunkels umstrittener Roman "Endstufe" ist soeben im Eichborn Verlagerschienen. Man mag ihn geschmacklos nennen. Ein Skandal ist er nicht.

Thor Kunkel sollte dem Verleger Alexander Fest dankbar sein. Und allen anderen, die die Steilvorlage des Romans Endstufe aufgenommen haben, um wieder einmal einen Skandal im Literaturbetrieb zu entfachen, den vierten, fünften, sechsten allein in einem Jahr. Das gehört mittlerweile dazu. Thor Kunkel, Ernst-Willner-Preisträger des Jahres 2000, mit seinem Debütroman Das Schwarzlicht-Terrarium durchaus erfreulich in Erscheinung getreten, hat vor seiner Laufbahn als Schriftsteller in Werbeagenturen gearbeitet. Hätte man sich eine nicht ganz lautere, aber clevere PR-Strategie für Endstufe ausdenken müssen, so hätte man auf so eine Idee erst einmal kommen müssen.

Seit Anfang dieser Woche ist Endstufe im Buchhandel. Das Geschäft läuft wohl nicht schlecht, und man stellt sich vor, wie Leser und Kritiker ber dem Buch sitzen, Zeile für Zeile sezierend, um den großen Knall ja nicht zu verpassen. Was finden wir, wenn wir begierig zu suchen beginnen nach dem Skandal? Wir treffen auf Karl Fußmann, einen SS-Arzt im Berliner Hygieneinstitut des Jahres 1941, das Urbild des Nietzsche missverstehenden Nationalsozialisten, zwischen absurder Fortschrittsgläubigkeit, zwischen absurder Fortschrittsgläubigkeit und nicht weniger absurdem Hang zur naturwissenschaftlich fundierten esoterischen Spinnerei, einen "Naturwissenschaftsmystiker" mit ungeheurer Potenz, wie sich beim ersten unfreiwilligen Pornodreh herausstellt.

Wir begegnen Ferfried Graf Gessner, Ferie genannt, Fußmanns Vorgesetzter am Institut, der mit seiner Sachsenwald-Naturfilm GmbH Pornofilme produziert, um damit seine Altersversorgung sicherzustellen, der im Krieg in Afrika für tot erklärt wird, nach Kriegsende plötzlich als schwedischer Diplomat auftaucht und im Dienst der Amerikaner Re-Education betreibt. Wir finden Lotte, eine minderjährige, vormals frigide Edelprostituierte, der Fußmann sexuell verfällt, und Waldemar Pfister, einen unehrenhaft aus dem Lebensborn entlassenen Frauenarzt, Geldgeber der Sachsenwald GmbH, der eine überdimensionierte Gummi-Vagina über seinem Schreibtisch hängen hat, mit der er eines Tages erstickt werden wird.

"Der Ofen ist aus"

Weiterhin finden wir diverse Gestapo-Brutalos und ihre Hintermänner, einen in der afrikanischen Wüste umhergeisternden Untoten mit magnetischen Fähigkeiten und einem Halbmond aus Metall im Schädel, einen dekadenten Zirkel namens "Die Wochenscheuen", der die Verfolgung der Juden für einen "Skandal, aber als Thema für längst passé" hält, und einen amerikanischen Umerzieher, der nach der Befreiung Dachaus jedem Überlebenden zuruft: "He, Freund, der Ofen ist aus." Was wir allerdings nirgendwo finden, ist ein Skandal.

Man mag solche Passagen oder auch das gesamte Buch geschmacklos nennen. Das aber ist noch keine ästhetische Kategorie. Zahlreiche Werke der Weltliteratur könnten von solch einem Urteil betroffen sein. Ein Schriftsteller darf geschmacklos sein, manchmal muss er es sogar. Wollten wir nur noch geschmackvolle Bücher haben, könnten wir uns mit Prinz Asserate begnügen.

Ein Schriftsteller muss jedes Thema künstlerisch bearbeiten dürfen. Er muss sich so weit in die Perspektive seiner Figuren hineinversenken dürfen, dass beispielsweise die amerikanischen Soldaten in den Trümmern des Deutschen Reichs als sexbesessene "Nigger" erscheinen, die nun, auf fremden Territorium, endlich auch zu ihrer sexuellen Erfüllung und mithin sozialen Gleichberechtigung kommen. Er muss auch, ebenfalls aus der Perspektive der deutschen Täter, die sich plötzlich als Opfer fühlen, das Vorgehen der Roten Armee "als gnadenlose Fließbandarbeit von samenden Automaten" bezeichnen dürfen, ohne als hasserfüllter Revanchist dazustehen. Ein Schriftsteller muss im Grunde (fast alles) dürfen können. Gute wäre es, wenn er das dann jeweils auch könnte. Und da liegt, wenn überhaupt, der eigentliche Skandal von Endstufe: Thor Kunkel kann es nicht, er ist seinem Stoff nicht im Mindesten gewachsen.

Endstufe ist nicht politisch zweifelhaft, als Kunstwerk, als ästhetische Ausformung des eigentlich Unsagbaren, jedoch vollkommen misslungen, und zwar auf gleich mehreren Ebenen. Denn selbst wenn man zu Gunsten des Autors davon ausgeht, er habe Rollenprosa produziert, ist der fiktive Parteigenossenjargon, diese aufgeblasen-virile Sexstrotzerei und Kraftmeierei, gepaart mit übelsten Zoten aus der Altmännerwitzecke, spätestens nach einem Fünftel der Lektüre nur noch schwer erträglich. Von der "Sexistenz" ist ständig die Rede, kaum zu zählen, wie oft Büchsen inspiziert oder gespannt werden.

Man kann Endstufe beliebig aufschlagen und wird groteske Beispiele für den ebenso lahmen wie schmierigen Witz finden: "Wie geistesabwesend schob er eine Hand in die Gummi-Lakune und holte eine Banane zum Vorschein. Abendbrot, dachte er. Es waren diese kleinen erotischen Momente, mit denen er sich den Alltag versüßte." Oder so: "Der liebste Frühsport des deutschen Modegecken? Wichsen - mit Einreibbürste und Schmierwachs am Leder eines endlosen Langschläfers." So geht es weiter. Was ist ein Ehemann nach einer Ferntrauung? Genau, ein "Fernstecher" selbstverständlich.

Hochtönende Metaphern

Endstufe ist, mitganz wenigen Ausnahmen im letzten Drittel, schlicht und einfach ein schlecht geschriebener, unzulänglich lektorierter, ungemein geschwätziger, strukturell wirrer Roman, der mithilfe von dem Größenwahn nahe kommenden Methoden einen theoretischen Überbau verpasst bekommen soll, Stichworte: das Verhältnis der Menschheit zur Technologie oder auch "das Mechanische in der Seele". Die Hybris beginnt schon mit der Widmung Thor Kunkels ("Für Jesus, Nietzsche, Mohammed") und den mit vermeintlicher Bedeutung aufgeblasenen Kapitel- und Großabschnittsüberschriften ("Der Mythos des 21. Jahrhunderts. Eine Evolutionsrevue und ein amerikanisches Nachspiel"), setzt sich fort in den großspurigen Zitaten aus Kunkels Zettelkasten - was hat er sich da bloß für eine Mühe gemacht -, mit denen er jedes Kapitel versehen hat, von Paracelsus über de Sade bis hin zu Neil Postman, und gipfelt schließlich in einem wahren Trommelfeuer an ebenso hochtönenden wie verunglückten Metaphern: "Wie phosphoreszierende Dachpfannen landeten die ondulierten Wellen auf ihren nackten, wie Elfenbein glänzenden Schulter." Wenn man Thor Kunkel etwas nicht absprechen kann, dann sind es Fantasie und gute Laune.

Mehr als 1000 Seiten soll das Manuskript in seiner Urfassung aufgewiesen haben. Nach der Lektüre der jetzt vorliegenden (und offensichtlich gegenüber dem Rowohlt-Manuskript nur leicht veränderten) Fassung muss man zu dem Schluss kommen, dass der Roman in seiner jetzigen Form entweder viel zu lang oder viel zu kurz ist. Zu lang deshalb, weil ein engagierter Lektor seitenweise technisch-esoterisch aufgeladenes Zukunftsgeschwätz und langweilige Beschreibungen sexueller Praktiken hätte streichen müssen. Zu kurz, weil ein wohlwollender Rezensent zumindest den Gedanken hegen darf, dass in der Urfassung auch nur irgendeine Form von Substanz sichtbar geworden wäre (Aber wer hätte andererseits diesen Sermon über 1000 Seiten ertragen?).

Unbestritten ist es, nicht nur für die Finanzen des finanziell angeschlagenen Eichborn Verlages, gut dass Endstufe nach seiner Vorgeschichte nun tatsächlich recht schnell erschienen ist, wenn es denn überhaupt schon erscheinen musste. Die vorliegende Textfassung befreit ihren Autor Thor Kunkel von gleich zweierlei Vorurteilen: glücklicherweise erstens von dem, er könnte ein Rechtsradikaler sein, "die Wiedergeburt Parzifals als rechter Schläger", wie Kunkels Ex-Verleger Alexander Fest sich ausdrückte. Bedauerlicherweise stellt Endstufe zweitens in aller Deutlichkeit die Annahme in Frage, es könnte sich bei Thor Kunkel um einen Autor handeln, in den die deutschsprachige Gegenwartsliteratur Hoffnungen setzen darf.

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Endstufe von Thor Kunkel, 2004, Eichborn2.)

Endstufe.
Roman von Thor Kunkel (2004, Eichborn).
Besprechung von Gudrun Norbisrath in der WAZ, vom 20.4.2004:

Viel Porno ohne Poesie
Kunkels Roman "Endstufe" über angebliche Nazi-Filme

Etwas Besseres hätte Thor Kunkel nicht passieren können. Erst löste Rowohlt den Vertrag mit ihm - schnell war von Zensur die Rede und davon, dass ein glänzendes Manuskript zurückgehalten werde. Dann griff der Eichborn Verlag zu und brachte den Roman "Endstufe" heraus.

Und nun, drei Wochen nach dem Erscheinen, werden Zweifel laut, ob der Autor Falschinformationen als Wahrheit verkauft. All das weckt Neugier: Der Stoff, aus dem die Bestseller sind.

Dabei hatte Kunkel selbst schon ordentlich vorgelegt. "Endstufe" mischt den lüsternen Blick auf Sex und Nationalsozialismus, er lockt mit Reizworten und unterhält mit politisch unterlegten Zoten. Das ist nicht geistreich und noch nicht mal süffig, doch je länger man liest, umso mehr wünscht man, es wäre nichts als langweilig. Es ist aber mehr. Es ist eine Weltsicht, die sich an der eigenen Obszönität berauscht und in bedenkliche politische Thesen mündet.

Es geht um Pornos - Filme, die angeblich im Kriegsjahr 1941 von einer schrillen Clique zynischer Wissenschaftler und Partygänger in Auftrag gegeben und gegen schwedische Rohstoffe eingetauscht wurden. Kunkel beruft sich auf ausgiebige Recherchen und beteuert, die Geschichte der sogenannten Sachsenwaldfilme, die er erzählt, sei echt. Dass dabei ein zweiter Skandal um sein Buch entstand, kann ihm nicht ungelegen kommen: Das sat3-Kultur-Magazin behauptet, die Filme seien Fälschungen aus den 50er Jahren, ein Studentenulk. Filmexperten wie Alexander Kluge und der Mülheimer Sammler Werner Nekes bestätigen den Kontakt zu Kunkel, äußern sich im Übrigen aber vorsichtig.

Tatsächlich ist es nicht unwichtig, ob die Filme im Dritten Reich gedreht wurden oder später, denn Kunkels Buch zieht den Reiz aus echter oder vorgeblicher Authentizität, mit historischen Begriffen weckt er billigen Schauder. Im Zentrum steht das SS-Hygiene-Institut, ein ehemaliger Lebensborn-Arzt spielt eine wichtige Rolle. Der Gynäkologe wird später mit einer großen Kunst-Vagina ermordet - soviel zum frivolen Witz des Romans. Der findet sich auch anderswo, und er scheut nicht die armselige Geilheit. Themen sind frigide Frauen und Syphilis in der Wehrmacht, es ist von einer fahrbaren Gummidirne namens "Borghild" die Rede, immer wieder wird in trauriger Ausführlichkeit kopuliert.

Die Geschichte handelt von der Prostituierten Lotte, die zum Film will, Pornos scheinen ihr der richtige Weg dorthin. Weil der Hauptdarsteller fehlt, verführt sie den NS-Wissenschaftler Karl Fußmann. Man befindet sich in freier Natur, natürlich nahe Berchtesgaden, und Fußmann ahnt nicht, dass sie gefilmt werden.

Er verliebt sich in Lotte und findet sie im Bordell. In diesem Umfeld spielen große Teile des Romans, Kunkel scheut keinen markigen Spruch, und dass Lotte "Sieg Geil" auf ihren Hintern hat tätowieren lassen, ist als Ausbund an Humor zu verstehen. Der Leser weiß sich zwischen Unwillen und Ermüdung kaum zu entscheiden.

Man müsste darüber kein Wort verlieren, wenn das Ganze einfach nur geschweinigelt wäre, doch leider erhebt es den Anspruch auf Analyse. Anmerkungen am Ende wollen glauben machen, hier werde seriös unterrichtet, und damit es niemand übersieht, bekennt Kunkel im Klappentext des Buches, er benutze "die Pornographie als poetische Metapher, um das Dritte Reich vollständig zu erfassen. Ich zeige den Intimitätsverlust und die Perversion, die der Faschismus beinhaltet." Das klingt zeitgeistig klug, geht aber darüber hinweg, dass von den Hauptfiguren nur die Prostituierte dem Nationalsozialismus nahesteht.

Wer trotz allem durchhält bis zum Ende, erlebt als Gipfel des unerfreulichen Beschreibens eine Relativierung der Naziverbrechen mit Blick auf die Alliierten und die Rote Armee. Zum Glück werden die wenigsten so weit vordringen.

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