Endpunkt
und andere Gedichte.
Gedichte von John Updike (2009,
Rowohlt - Übertragung von Susanne Höbel und Helmut Frielinghaus)
Besprechung von Brigitte Helbling aus dem titel-magazin,
5.10.2009:
Mach Platz, Alter?
Man muss nicht alles von Updike mögen, um diesen
Gedichtband zu genießen: Ein seltsam heiteres Trostbuch.
Er sei „Chronist und Stimme der von sich
am meisten eingenommenen Generation seit dem Sonnenkönig“, schrieb
David Foster Wallace 1997 in einem
halb verzweifelten, halb huldigenden Artikel über John Updike, dessen
Altersbeschwerdenroman Gegen Ende der Zeit soeben erschienen war und von Wallace
im Weiteren zu winzigen Fetzen zerrissen wurde. „Mach Platz, Alter, du packst es
nicht mehr!“
Das stand zwar so nicht in dem Bericht, fasst jedoch in etwa seinen Inhalt
zusammen. Wallace hatte zu diesem Zeitpunkt mit seinem 1200-Seiten-Roman
Unendlicher Spaß gerade Kultstatus erlangt. Bis zu seinem Freitod 2008 schreibe
er nichts Vergleichbares mehr, während Updike mit dem ihm eigenen
protestantischen Fleiß (der einen Autor wie Wallace irritieren musste), noch
sieben gute bis sehr gute Romane in die Läden brachte, nebst Kurzgeschichten,
Gedichten und einem erstaunlichen Pensum an klugen, nachdenklichen
Buchbesprechungen für das New Yorker Magazine.
Und dann, im Januar 2009, starb auch Updike. Als allerletztes Buch hinterließ er
seinen Lesern einen Band von Gedichten, der auf Deutsch Endpunkt heißt. Man muss
nicht alles von Updike mögen (und es leben wohl nicht mehr allzu viele Menschen,
die alles von ihm mögen), um diesen Band zu genießen. Der gefeierte Autor der
Rabbit-Reihe und von Die Hexen von Eastwick erscheint darin in mutwilliger
Feierabendlaune, entspannt und diskret melancholisch – „Altern muss ich, aber
sterben würde ich lieber nicht.“
Natürlich geht es in vielen der Gedichte um das Alter, den Tod, die
Krebserkrankung. So wenig wie seinen zahlreichen Romanfiguren erlaubte Updike
sich selbst, den Blick abzuwenden von dem, was ihm gerade widerfuhr:
„Heute Morgen wusste ich nicht den Rechnercode
für den accent grave in fin-de-siècle, eines
meiner Lieblingswörter. Was ist los? Was ist von mir geblieben?“
(„Das Leben erleichtert“)
Aber viele der Verse sind auch steifbeinig verspielt, beinah heiter – nicht weil
in Heiterkeit eine im Alter errungene Weisheit läge, sondern weil die Heiterkeit
dem Dichter Updike (im Gegensatz zu Rechnercodes) geblieben war. Und noch lebte
er ohne größere Beschwerden, brachte Umschläge mit Manuskripten zur Post, konnte
die Gedanken in Worte fassen, die ihn umtrieben:
„Endpunkt – ich dachte, er beendete ein Kapitel in einem Buch jenseits der
Vorstellungskraft, das, neu gesetzt
in frischen exotischen Typen, eine Zukunft bekäme, die ich –
o Wunder! – lesen könnte. Vage war meine Hoffnung,
doch sie hielt mich in Gang, liebenswürdig, beschwingt.“
(„Hospital 23/–27/11/08“)
Ein wenig Glück schwingt häufig mit. Oder eine Idee von „Glück gehabt“. Dabei
war klar, dass das größere Unglück nicht auf sich warten lassen würde. „Die Welt
ist zugedeckt mit vorausgegangenen Toden, die kleinen Egoperlen, leuchtend vor
Gier.“
Woher wusste Updike, dass der Tod ihn vom Schreibtisch (mehr oder weniger) holen
würde und nicht nach Jahren pflegebedürftiger Gebrechlichkeit oder des langsamen
Selbstverlusts? Das allerdings sind keine Bilder für den Feierabend und wurden
beim Akt des Dichtens vielleicht aus dem Grund auch nicht zugelassen. Oder es
gab Vorkehrungen.
„Vor kurzem dachte ich bei mir,
wenn ich jetzt sterbe, sagt niemand hier:
„Ach, welch ein Jammer! Und so jung,
so vielversprechend – diese Begabung!“
(„Requiem“)
Am Ende ist Endpunkt auch, und das macht seine Schönheit aus, ein Trostbuch.
Gewidmet ist es seiner Frau Martha, „die sich noch ein Buch gewünscht hat“. Mehr
als Widmungen sonst möchte man diese ernst nehmen, sich vorstellen, dass Updike
bei der Zusammenstellung der Verse auch die Person vor Augen hatte, für die der
Band gedacht war – „hier ist es, mit all meiner Liebe“ –, und dass die vielen
Gedichte zu Ausflügen in die Umgebung und Reisen in alle Welt vor allem ihr
gelten, die den Kontext kennt.
„Von unserer Terrasse im Taj Garden Retreat gesehen,
leugnet die Stadt unter uns ihren bleckenden Kommerz
Männer verhökern Postkarten auf wimmelnden Straßen ...“
(„Madurai, Indien“)
Ein Trostbuch für den Dichter selbst war es wohl auch, mit seinen Erinnerungen
an die Kindheit und den leichtfüßigen, oft ironischen Reminiszenzen zum eigenen
Schreiben und, warum nicht, dem trotzigen Stolz, dem Unabwendbaren soweit wie
möglich ins Gesicht zu sehen:
„Denn Leben ist schäbig, Ausflucht bloß,
der Tod ist wirklich, und dunkel und groß.
Der Schock, wenn er kommt, wird nicht registriert,
außer da, wo er eintreten wird.“
(„Requiem“)
[...diese und weitere
Besprechungen finden Sie unter
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