Endmoränen von Monika Maron, 2002, S. FischerEndmoränen.
Roman von Monika Maron (2002, S. Fischer).
Besprechung von Sabine Dultz aus dem Münchner Merkur, 19.8.2002:

Herbst in Basekow
Erscheint jetzt: Monika Marons Roman "Endmoränen"

"Ich schreibe etwas, das vermutlich keinen Menschen interessiert. Ich hatte selbst Mühe, an der Sache Gefallen zu finden", gesteht Johanna, die Ich-Erzählerin des neuen Romans von Monika Maron, "Endmoränen". "Und warum schreiben Sie nicht etwas, das Sie interessiert", fragt Igor, der nächtliche Besucher im Ferienhaus in Basekow, dem winzigen Kaff nahe der polnischen Grenze.

"Weil ich für die Dinge, die mich interessieren, nicht zuständig bin. . . Alles, was ich weiß, ist unwichtig geworden."
Ein Dialog, der sich am Schluss des Buches findet. Und wer es bis dahin gelesen hat, staunt nicht schlecht über dieses Bekenntnis; hat er sich doch bis jetzt bei der Lektüre nicht gelangweilt. Aber vielleicht doch manchmal gefragt: Was ist hier eigentlich der so genannte rote Faden?

Eine Geschichte nämlich ergeben Marons lebensklugen, selbstironischen bis witzigen, ihre politischen und philosophischen, manchmal auch allzu symbolischen Sequenzen und Reflexionen über das private und das gesellschaftliche Sein ihrer Heldin nicht. Was den Roman dennoch interessant, lesenswert macht, was ihn über den Tag hinausweisen lässt, sind die Geschichtchen: Fragmente vom Leben der Berlinerin auf dem Dorfe und den Menschen dort, denen Maron mit diesem Buch ein liebevolles Denkmal setzt.

Und es ist die Tatsache, dass die Autorin ihre momentane literarische Ratlosigkeit zum Thema macht. "Endmoränen" - der Titel ist Programm. Damit meint sie natürlich nicht Vorpommerns Hügel. Der Begriff ist weniger geologisch als anthropologisch zu verstehen. Das, was von einem Gletscher übrig bleibt an Gesteinsschutt; die wallartige Ablagerung am Ende einer Gletscherzunge - damit ließe sich wohl der Punkt des Leben vergleichen, an dem sich die Ich-Erzählerin jetzt befindet. Es ist der eigene Steinbruch, auf den sie zurückschaut: das, was bleiben könnte von dem bislang erst im geteilten, dann im wiedervereinigten Deutschland gelebten Leben.

Und es ist der Blick auf die mit dem Verschwinden der alten DDR sich verändernden Werte. Und die Frage: Was heißt Glück, was Leben? "Heute kommt es mir vor", schreibt Johanna an den früheren Freund aus München, "als hätte ich damals immer darauf gewartet, dass mein eigentliches Leben eines Tages noch beginnt. Und jetzt, ein paar Jahre später, hat mich die Ahnung, eher die Furcht befallen, es könnte schon wieder vorbei sein mit dem eigentlichen Leben, weil es zu spät angefangen hat, weil wir gar nicht mehr dran sind mit dem richtigen Leben, sondern dass für uns bald diese öde lange Restzeit beginnt. . ." Ja, es ist, wenn auch nicht ohne Humor, ein zutiefst illusionsloses Buch, das wie mit dem Seziermesser die Seele seiner Heldin freischneidet.

Wer ist diese Frau, wer ist Johanna, die Ich-Erzählerin? Maron-Leser kennen sie bereits aus früheren Romanen als eine trotzige Kämpferin. Das ist sie hier nicht mehr. Aber sie ist nach wie vor eine autonome, gefühlsstarke, realistische Person; zwar keine Schriftstellerin wie ihre Erfinderin, so doch aber eine, die sich mit Schreiben ihr Geld verdient. Im aktuellen Fall mit dem Verfassen von Biografien - zurzeit die der Gräfin Lichtenau, mit bürgerlichem Namen Wilhelmine Enke, die die Geliebte und Dauervertraute von Friedrich Wilhelm II. von Preußen war.

Wie Monika Maron den Basekow'schen Alltag Johannas mit dem Lebensbericht dieser klugen, einflussreichen Hohenzollern-Mätresse kreuzt, ist so überraschend wie bemerkenswert. Hier wird einem anderen vergessenen Leben nachgespürt, mittlerweile "unwichtig", wie Johanna sagt, aber doch wohl wissens- und mitteilenswert; so wie es das eigene möglicherweise ja auch einmal werden könnte.

"Endmoränen" - das ist Johannas Herbst in Basekow, dem "Sommersitz". Es zieht sie nicht zurück nach Berlin, nicht zu ihrem Mann, nicht zu ihrer Tochter. Eine seltsame Lethargie hat sich ihrer bemächtigt, aus der sie auch nicht der wieder aufgenommene Briefkontakt mit dem Münchner Freund erlöst. Der Befreiungsakt kommt überraschend: Das ist die kurz und delikat, nobel und in schöner Selbstironie beschriebene Liebesnacht mit Igor, dem smarten Kunsthändler aus Russland. Sie bringt Johanna in die Wirklichkeit zurück - zu einem neuen Anfang in den alten Koordinaten. Die Zeit der Passivität ist vorbei.

Ein in seiner Ereignislosigkeit spannend und ereignisreich erzählter Roman. Eines der aufrichtigsten und - was die Autorin selbst betrifft - schonungslosesten Bücher dieses Sommers.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.merkur-online.de]

Leseprobe I Buchbestellung 0902 LYRIKwelt © Münchner Merkur